Samstag, 23. Mai 2020



Ist gute Organisation doch nicht alles ?

Ein bisschen Abenteuer schon, aber mit etwas Komfort und gut geplant, das ist mir inzwischen wichtig. Und deshalb gehört eine entsprechende Checkliste unbedingt dazu. So auch bei der Reise nach Ost-Kanada im letzten Jahr. Für diese große Reise hatte ich alles gut vorbereitet und akribisch organisiert. 

Dank Google ist es sogar möglich, den günstigsten Supermarkt für den ersten Einkauf bereits von zu Hause aus zu finden und sich bequem am Bildschirm die Angebote anzusehen.  Also, alles super! Die Reise kann beginnen. Die Koffer sind gepackt, die Fahrkarten und die Bordkarten ausgedruckt, der Flug bestätigt, alles  bereit. Die Checkliste restlos und gründlich abgearbeitet. Nun sollte wohl nichts mehr schiefgehen, denn gute Organisation ist ja bekanntlich alles! 

Aber dann kam es doch ganz anders als gedacht. Ein kleines Versehen meinerseits hätte mir bald die Einreise in Halifax, Nova Scotia vermasselt. Kanada hat nämlich seit 2016 das elektronischer Einreiseverfahren e-TA eingeführt. Bereits in Deutschland muss sich deshalb jeder Reisende online registrieren. Beim Check-In auf dem Flughafen wurde dann aber festgestellt, dass meine e-TA nicht gültig sei. Beim Ausfüllen des Formulars hatte ich wohl anstelle der Null den Buchstaben „O“ in meine Pass-Nummer eingetippt. In deutschen Passnummern gibt es aber gar kein „O“. Um diese Erkenntnis war ich nun reicher, aber um einen höheren Aufpreis für die neue Beantragung ärmer. Doch wie sagt man so schön: „Aus Fehlern wird man klug, drum macht man nie genug!“ Nach diesem Schreck lief erst einmal alles wieder nach Plan und gut organisiert. In etwas mehr als sieben Stunden ging es über den großen Teich. Hotel und Camper waren vorgebucht, ebenso der Transfer am nächsten Tag zur Autovermietung. Wunderschöne drei Wochen in herrlicher Natur lagen nun vor uns. Einfach die Seele baumeln lassen. Alles war gut.

Bis, ja bis, gerade an meinem Geburtstag wieder alles anders kam als geplant. Nach einem vorzüglichen Mittagessen auf einer Terrasse mit Blick aufs Meer, orderte ich die Rechnung und da kam der nächste Schock. Die Kreditkarte funktionierte nicht! Bezahlung nicht möglich. Oh, wie peinlich. Zweiter Versuch. Nichts ging mehr. Anruf bei der Bank. Diese bestätigte die permanente Sperrung meiner Kreditkarte wegen eines unerlaubten Zugriffs auf mein Konto von einem Schnellrestaurant in Brasilien aus. Meine neue Kreditkarte sei jedoch bereits auf dem Postweg zu mir nach Hause. Na toll, denn wir waren ja noch zehn Tage in Kanada. Das nennt man dann wohl eine globale, schöne neue Welt. 

Jetzt hieß es erst einmal, alle Barmittel zusammenkratzen und den Gürtel enger schnallen. In dieser Situation half nun auch die beste Organisation nichts mehr. Improvisation war angesagt. Trotz gewisser Einschränkungen sind wir doch noch recht gut über die Runden gekommen und schließlich wieder zu Hause gelandet. Dafür konnten wir dann spannend über unsere Pleiten, Pech und Pannen berichten. 

Jetzt aber steht ganz oben auf meiner Checkliste ein neuer Punkt: Zweite Kreditkarte beantragen! Bei der nächsten Reise sollte dann wohl nichts mehr schiefgehen! Aber man weiß ja nie. Und tatsächlich, im Frühjahr 2020 überraschte uns alle die Corona-Pandemie. Sie machte wieder auf einen Schlag alle Planungen und die beste Organisation zunichte. Diesmal aber nicht nur meine. Unsere neuen Reisepläne und Buchungen lösten sich einfach ins Luft auf. Alles storniert. Wie heißt es doch so schön: „Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt“.

Damit hatte sicher keiner in diesem Ausmaß gerechnet. Ist es nicht unfassbar, wie ein so kleines Virus so viele Pläne und Vorhaben weltweit zum Platzen bringen kann? Da kommt das beste strategische Denken und Handeln schnell mal an seine Grenzen. Eine nicht ganz neue Erkenntnis heißt doch, dass nicht alles hundertprozentig planbar und schon gar nicht machbar ist. Aber wer glaubt das schon? Doch es gilt nach wie vor, auch oder gerade in unserer komplexen und bis ins Detail durchorganisierten Welt. Trotz genauester Organisation und vorausschauender Planungen bleiben stets gewisse Risiken und Unwägbarkeiten. Wer sich dessen bewusst ist, für den sind dann solche Abweichungen nicht nur böse Überraschungen, sondern Herausforderung zum spontanen und kreativen Denken und Handeln.

Anders ausgedrückt: Gute Organisation ist nicht alles, aber ohne Organisation ist alles nichts!





Sonntag, 3. Mai 2020




Kommt, spielt mit uns…

das scheinen  diese Elektroroller den vorübergehenden Passanten zu zurufen. Denn meistens sehe ich sie ungenutzt und gelangweilt auf den Fußwegen und den Plätzen der Stadt herumstehen. Für manche sind sie ein Ärgernis, für andere ein großer Spaß. Gelegentlich sieht man auch einmal "große Jungs“ oder "mutige Mädels“ damit fahren. Einigen von ihnen würde zwar ein wenig körperliche Betätigung auf einem Fahrrad oder zu Fuß sicher nicht schaden. Es stellt sich dem Beobachter doch die Frage, ob die E-Roller nur als Freizeitspaß für junge Leute und für Touristen auf Sighseeing-Tour da sind? Diese Frage beantwortet natürlich jeder aus seiner persönlichen und jeweils unterschiedlichen Sicht. Dabei prallen die Meinungen schon einmal hart aufeinander.

Für die Befürworter stellen die E-Roller die optimale Lösung von Verkehrsproblemen dar. Die Hersteller preisen sie  selbst als innovative Spitzenprodukte und als ökologisch unübertroffen an. Ihre, in höchsten Tönen, gerühmte Effektivität kommt dabei fast an ein Perpetuum Mobile heran. Null Emission, leise, sauber, praktisch gut! Einfach ein Muss für jeden fortschrittlichen Zeitgenossen. Die E-Roller revolutionieren nach Ansicht ihrer Befürworter den innerstädtischen Verkehr und reduzieren dabei die Umweltbelastung enorm. Die CO² Reduzierung ist ja für sie zur Schlüsselfrage der menschlichen Existenz in Gegenwart und Zukunft geworden.

Bei einer etwas differenzierteren Sichtweise stellt sich das natürlich etwas anders dar. Das Ganze wird hier als aufgebauschter "Roller-Rummel" angesehen und  ihre Vermarktung als offenkundige Strategie zum Geldverdienen entlarvt.  Nicht nur die Roller, sondern auch die Dollar sollen schließlich rollen. Ja, ihre Nutzung hat nämlich auch seinen Preis. Die Kampagne bei ihrer Einführung aber war  so gut und medienwirksam gemacht, sodass selbst erfahrene Politiker darauf hereingefallen sind und grünes Licht für ihre Nutzung im öffentlichen Bereich gegeben haben. Der versprochene Effekt für die Umwelt sei reine Augenwischerei. Leicht durchschaubar und ein großer Werbegag, basierend auf einer naiven Milchmädchenrechnung. Wesentliche Details bei der Produktion werden nämlich gern verschwiegen oder "harmonisiert". Alternative Fakten eben. Es fehlt ein kritischer Blick auf die Herstellung der Batterien und deren spätere Entsorgung, auf den Verbrauch wertvoller Ressourcen und auf die Gewinnung der Rohstoffe unter sehr bedenklichen Arbeitsbedingungen in den armen Förderländern. Von den Wartungskosten und Aus- und Unfällen sei gar nicht erst zu reden.

Doch sei es wie es sei. Ich sehe die E-Roller jedenfalls in unserer Stadt, wie es das Bild oben zeigt, meistens nur herumstehen. Da kann es mit einer optimalen Nutzung und ihrer Effektivität doch nicht allzu weit her zu sein. Das aber sagt schon einiges über ihre ökologische Notwendigkeit aus. Es wird auch sehr schnell deutlich, Verkehrsprobleme können so nicht gelöst werden. Zudem sind die E-Roller nun wirklich nicht für alle Verkehrsteilnehmer geeignet. Viel zu wacklig auf zwei Rädern und damit ungemein unsicher im Straßenverkehr. Wer also braucht sie wirklich?

Daher nur mal so ein Gedanke, vielleicht sollten die Entwickler und Produzenten mal über ein Nachrüst-Set mit Stützrädern und einem großen Gepäckträger nachdenken? Denn vor den Supermärkten sind diese E-Roller nicht anzutreffen. Nicht geeignet für den Einkauf. Wäre da nicht auch eine Kupplung für einen Anhänger zum Transport von Getränkekisten sehr praktisch und hilfreich?   Bei genauerer Betrachtung  kommt man also schnell zu der  Erkenntnis, dass die E-Roller eigentlich nur für dem Freizeitspaß dienen. 

Das aber ist doch nichts Neues, denn genau zu diesem Zweck gab Roller auch schon in meiner Kindheit.  Der Unterschied war nur, dass es Tretroller waren und nicht so viel Wesen darum gemacht wurde. Zudem war ihre Entsorgung kein Problem, denn sie   waren vor-wiegend aus Holz. 

Meine heutigen, vielleicht nicht ganz ausgereiften Gedanken, sind mir schon vor längerem beim Anblick eben dieser, überall herumstehenden, E-Roller in den Sinn gekommen. Natürlich ist  nicht alles so ernst gemeint, aber vielleicht doch des Nachdenkens wert.  

Bleibt doch auch hier die Frage, ist denn alles was technisch möglich und machbar ist, auch wirklich nötig und sinnvoll?



Samstag, 25. April 2020


Leere, überall Leere..

Was wird bleiben nach CORONA? In diesen Tagen und Wochen mitten in der Corona- Krise sind die Menschen aber vorerst noch mit ihrem eigenen Leben und Überleben in dieser bedrohlichen Lage beschäftigt. Die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft werden von immer neuen Fällen und von der sich rasant ausbreitenden Seuche buchstäblich angetrieben. Entscheidungen von gestern sind heute schon wieder hinfällig. Die fast schon vergessene Tugend der Geduld, wird nun wieder häufig beschworen, denn keiner weiß ja wirklich, wie es weitergeht. Genau das ist in so vielen lebenswichtigen Bereichen des Landes und auch im persönlichen Leben der Menschen weltweit ein riesengroßes Problem. Die plötzliche Leere im Land und der Umgang damit, erscheint ein wachsendes und sich ausbreitendes  Phänomen zu sein. Leere Städte, leere Plätze, leere Sportstadien, leere Kirchen bei Gottesdiensten ohne Gemeinden. Diese Bilder bleiben wohl im Gedächtnis Vieler und prägen die Erinnerung. Was ist denn schwerer zu ertragen, als dieser ungewohnte, allgegenwärtige Stillstand in fast allen Bereichen des öffentlichen und des privaten Lebens?

Dazu kommen immer wieder leere Regale in den Supermärkten, weil Menschen egoistisch nur an sich denken und „hamstern“. Diese Leere bedeutet doch auch gleichzeitig  Stillstand in großen Teilen der Wirtschaft und dadurch leere Kassen. Das sind riesige Herausforderungen in einem, bis dahin ungeahnten Ausmaß, welches noch keiner wirklich abschätzen kann. Da helfen keine leeren Worte, "wir schaffen das" oder so ähnlich. Natürlich werden wir, die Menschen, das alles irgendwann und irgendwie schaffen. Haben es doch Menschen vor uns nach schwierigen Zeiten und großen Nöten auch geschafft, aber es wird wohl manches, was bis dato so selbstverständlich für uns war, nicht mehr so sein können, wie es einmal war.

Abstand halten ist jetzt angesagt in Zeiten des verordneten Kontaktverbotes im Land.  Die Infektionskette soll und muss unterbrochen werden. Das bedeutet Abstand von anderen Menschen, aber auch von lieb geworden Dingen und Veranstaltungen. Regelmäßig zum Sonntags-Brunch, geht nicht mehr, Theater und Konzert, findet nicht statt, Reisen und Wellness, sonst so selbstverständlich, Fehlanzeige. Was bleibt da noch? Die Familie in der manchmal recht engen Wohnung. Das kann schnell zum Problem werden. Da braucht es eben viel Geduld und Rücksichtnahme. In einer Zeit und Gesellschaft, in der immer etwas los war, in der alles gleich und sofort sein musste, da sind die Erfahrung, auf sich allein verwiesen zu sein und das Warten, ein riesiges Problem für die meisten Menschen.

Wenn sich das pulsierende Leben aus dem öffentlichen Raum zurückzieht, bleibt nur noch die Leere zurück. Da nehmen die Aggressionen zu  und die Frustration wächst. Schon der französische Philosoph Blaise Pascal im 17. Jahrhundert wusste von dieser Schwäche der Menschen. Er schrieb: „Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“.

Das  einzuüben und die Leere sinnvoll zu füllen, ist auch eine Chance dieser Tage. So kann man von sehr kreativen Ideen hören und lesen. Menschen  singen und musizieren gemeinsam und bleiben so über die neuen Medien miteinander verbunden.  Kerzen und Regenbogenbilder in den Fenstern der Häuser drücken Solidarität aus. Grüße  an die Helfer im Gesundheitswesen oder in den Supermärkten, die mit großem Einsatz für andere da sind, werden in Rundfunk- und Fernsehsendungen übermittelt. 

Zwar bedeutet die aktuelle Kontaktsperre für alle, den äußeren Abstand zu halten, aber auch die Chance, sich wieder innerlich näher zu kommen, aneinander zu denken und solidarischer zu leben. Besondere Umstände erfordern auch besondere Maßnahmen und Verhaltensweisen. Leben ist und bleibt Veränderung!

Das dürfte wohl die eigentliche Lehre aus der Leere sein und eine wesentliche Erfahrung  nach der Corona-Krise. Nicht alles wird danach wieder so sein, wie es vorher einmal war und das muss und soll es auch nicht!

Dienstag, 24. Dezember 2019


Die Krippe oder es war einmal...

Da stehen sie wieder in ihrem Stall aus Sperrholz, einfachen Latten und mit einem Dach aus Stroh. Die Krippenfiguren sind schon recht alt. Man sieht es ihnen auch an. Ihre Farbe ist verblasst, Maria fehlt die rechte Hand und die linke hat auch nicht mehr alle Finger. Über viele Generationen sind diese Figuren weitergegeben und gut bewahrt worden, genau wie das, was sie darstellen. Man wusste noch um ihre Bedeutung. Das aber ist inzwischen vielfach in unseren Tagen längst vergessen oder in die Märchenwelt verbannt worden. Ob diese alten Figuren wohl in den nächsten Generationen weiterhin liebevoll aufbewahrt und geschätzt werden? Oder heißt es dann nur: “Ach, die alten Figuren sind ja auch noch da. Was sollen wir damit anfangen? Oma hatte sie zum Jahresende immer für ein paar Wochen in ihrer dunklen Schrankwand stehen und diese war genauso auch altmodisch. Eben aus einer anderen Zeit.“

Ja, sie sind wirklich alt, der selbst gebastelte Stall und die sehr kitschig anmutenden Krippenfiguren aus Gips. Über Jahrhunderte hin sind so die unterschiedlichsten Krippen entstanden. Dabei waren der Phantasie der Künstler kaum Grenzen gesetzt. Oft flossen auch Elemente seiner eigenen Zeitepoche mit in die Darstellung ein. Nicht alles ist dabei wirklich „künstlerisch wertvoll“, wie heute gern naserümpfend geurteilt wird. Doch das war den Menschen zu ihrer Zeit auch gar nicht so wichtig. Weihnachtskrippen geben ihrem Gefühl Ausdruck und stellen vielleicht etwas naiv dar, was Worte nicht sagen können.  Um vieles älter als die ältesten Darstellungen, ist das  Geschehen selbst. Denn so oder ähnlich soll sich ja die Szene vor rund 2000 Jahren auf den Feldern von Bethlehem abgespielt haben. Es ist also eine sehr, sehr alte Geschichte. Manches hat sich darum gerankt. 

Wir leben heute in einer schnelllebigen Zeit. Ein Auto ist bereits nach 30 Jahren ein Oldtimer. Ein neues Smartphone ist schon beim Kauf überholt, denn die neue Serie steht schon bereit. Ehe die Technik der E-Autos voll ausgereift ist und sie die Straßen füllen, sind vielleicht schon ganz andere Technologien entwickelt, die um vieles effektiver sind. Ganz zu schweigen vom Zeitgeschmack, der sich hauptsächlich vom Äußeren leiten lässt und sich ständig ändert. Die äußeren Formen dominieren oft die wesentlichen Inhalte. Wer aber so auf das Äußere fixiert ist, der verkennt schnell die eigentlichen, inneren Werte. Genauso ist das auch mit der Krippe und der Geschichte, die sie erzählt. Ist ihre Botschaft endgültig in das Reich der Märchen verbannt? Mag sein, dass sich viele Menschen, besonders junge, von den alten Formen nicht mehr angesprochen fühlen. Trotzdem läuft in diesen Tagen ständig alte und neue Weihnachtsmusik über alle Sender und auf den Märkten. So dass die  Berieselung mit „Chrismas Time“ und anderen Liedern kaum noch zu ertragen ist.

Streichen wir aber einmal diese ganze Kommerzialisierung und den Rummel um Weihnachten  weg, dann bleibt doch auch heute noch bei vielen Menschen etwas von dem ursprünglichen Sinn des Festes. Selbst wenn das alles nicht mehr bekannt ist oder gar von anderen als Märchen bezeichnet wird, ist doch wohl etwas geblieben von dem Geheimnis des Weihnachtsfestes.  So mancher spürt auch, dass Weihnachten mehr sein muss als all die vielen Äußerlichkeiten, mehr als Plätzchen und Glühwein auf dem den Märkten. Da ist und bleibt eine Sehnsucht tief im Herzen der Menschen nach Licht in dunklen Zeiten, nach Wärme und Geborgenheit in der Nähe lieber Menschen, Freude am Schenken.  Und dann ist da noch etwas, was die Menschen im Inneren anrührt. Das ist das Geheimnis der Krippe selbst und seiner so alten Geschichte, die noch heute die Geschichte und das Leben der Menschen anrührt und bewegt. Vielleicht auch bei denen, die es nicht einmal wissen.

Denn da gibt es einen Traum, ja eine Verheißung von einer heilen Welt in der alle Menschen in Frieden leben können. Gerade in dunklen und unsicheren Zeiten tritt diese unausrottbare Sehnsucht der Menschen wieder zutage und so mancher fängt ganz klein an, dieser Sehnsucht ein wenig Gestalt zu verleihen. Die Botschaft der Krippe und ihrer verblassten Figuren, auch in Omas dunkler Schrankwand, gilt auch heute noch. Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Überall wo Menschen in diesen Tagen etwas freundlicher und menschlicher miteinander umgehen, wird etwas davon wahr.  





Donnerstag, 14. November 2019


Die Welt steht Kopf

Neulich erhielt ich eine Whats App von einer guten Bekannten. Sie erinnerte sich darin an eine kleine Episode, die sie einmal mit ihrem alten Onkel erlebt hatte und beschrieb mir diese so: „Mein Onkel, der damals schon an Demenz erkrankt war, aber die Zeitung täglich lesen wollte und sie verkehrt rum hielt, beantwortete meine Frage, was denn drin steht: "nichts von Bedeutung, die Welt wird immer schlechter." Ich schmunzelte damals, aber er hatte Recht.“

Diese kleine Anekdote machte mich doch nachdenklich und ich konnte mir den alten Herrn in seinem Sessel sehr bildlich vorstellen. Mit einem leicht verwirrten Blick schaut er interessiert aber auch irgendwie angewidert in die Tageszeitung. Er versteht die Welt nicht mehr. Alles steht Kopf. Auch wenn er seine Zeitung umdreht, würde sich daran nicht viel ändern. Es ist ja schon lange nicht mehr seine Welt, von der in der Zeitung geschrieben wird. Sein Fazit: „Nichts von Bedeutung, die Welt wird immer schlechter“.

Man muss wohl nicht erst dement sein, um beim Blick in die Zeitung oder in andere Medien zu einem ähnlichen Ergebnis zu kommen. Da fliegen einem doch häufig die abstrusesten Schlagzeilen nur so um die Ohren. Unzählige Bilder rasen im Fernsehen in schneller Folge an den Augen der Betrachter vorbei. Was ist wahr, was ist falsch? Was ist oben, was ist unten? Keiner weiß es mehr und es ändert sich auch von einer Minute zur anderen. Da steht die Welt dann förmlich Kopf und einem selbst die Haare zu Berge.

Dass die Welt auf dem Kopf steht, lässt sich natürlich nur schwer beweisen. Wissen wir doch nicht einmal, wo oben und unten ist.  Dass die Welt immer schlechter wird, ist zwar leicht dahingesagt, aber woran wird das genau fest gemacht?  Wie die Menschen in der Welt, oder lieber eine Nummer kleiner, auf der Erde miteinander umgehen, das wirkt aber schon sehr befremdlich und oft sehr erschreckend und beängstigend. Der Eindruck, die Welt wird immer schlechter, verstärkt sich noch durch eine überproportionale, negative Berichterstattung und erzeugt Ängste und große Verunsicherung. Wenn allzu häufig nach dem Leitwort: „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“ berichtet wird, muss sich keiner mehr wundern, wenn der Eindruck entsteht, die Welt wird immer schlechter. Diesen "Untergangsszenarien" ist nur schwer etwas entgegenzusetzen. 

Es ist doch heute so einfach, sogenannte alternative Fakten, sprich Lügen, zu verbreiten. Oft werden bei Diskussionen die Aussagen eines anderen Menschen bewusst falsch verstanden und ins Gegenteil verkehrt. Ein recht perfides Spiel. Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft werden nicht mehr von allen im Land verstanden. Was einmal galt, gilt heute schon lange nicht mehr. Die Welt steht dann für so manchen buchstäblich Kopf. Immer mehr Verrücktheiten finden schnell ihre Anhänger und diese reiten auf jeder neuen Welle mit. Das gilt für belanglos bis hin zu dumm und gefährlich. Die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft werden immer fließender.

Ist es zum Beispiel nicht verrückt, wenn Modebewusste viel Geld für kaputte Jeans ausgeben? Erwachsene mit einem Roller durch die Stadt fahren und mancher Haarschnitt schon an Körperverletzung grenzt? Wenn junge Menschen vehement gegen Trinkhalme und Einkaufstüten aus Plaste demonstrieren, aber steigende Rüstungsausgaben weltweit und lokale Kriegshandlungen als „Gottgewollt“ hingenommen werden? Einseitigkeiten und Verkürzungen, Polarisierungen und Schuldzuweisungen machen es nicht besser. Doch ohne Frieden und Gerechtigkeit lässt sich auch das „Klima“ nicht retten. 

Ist es deshalb nicht verrückt, wenn hochkarätige Politiker in der UNO von einer 16-Jährigen in einer, von wem auch immer, inszenierten „Wut-Rede“  abgekanzelt werden wie unmündige Kinder und diese danach noch applaudieren? Wird da nicht die Realität auf den Kopf gestellt? Eine verkehrte Welt, wenn Klima-Aktivisten Straßen und Plätze blockieren, um gegen den CO2-Ausstoß zu protestieren, es gleichzeitig aber durch ihre Aktionen zu enormen Staus in den Städten mit einer Erhöhung der Abgase kommt? Ach ja, "Fridays for Future", das klingt so total engagiert und zukunftsorientiert. Doch was machen die Demonstranten an den anderen Tagen der Woche, wenn keine Demo ist und was läuft bei der nächsten Party?

Wenn Meinungsfreiheit heute höchste Priorität hat, mit welchem Recht darf dann die  Redefreiheit Andersdenkender eingeschränkt oder niedergebrüllt werden? Ist es nicht total anmaßend und arrogant, wenn Komiker  und Journalisten besserwisserisch Politiker in Deutschland kritisieren und lächerlich machen, aber selbst sehr komfortabel  in diesem Land leben? Es ist äußerst bedenklich und sehr fragwürdig, wenn es nicht mehr um die Wahrheit, sonder nur noch um Mehrheiten und Schlagzeilen geht.

Ist es nicht an der Zeit, sich in Deutschland auf die Werte der Aufklärung zu besinnen und  der Vernunft ihren Raum zu geben, um so die Welt wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen? Oder wie es der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel in seiner sogenannten Kamenzer Rede in der Geburtsstadt Lessings im September 2019 gesagt hat:

„Sollte man nicht vielleicht vor der Entwicklung der künstlichen Intelligenz sich um die Entwicklung der natürlichen bemühen?“

Sonntag, 6. Oktober 2019



                                  
Klimawandel“

„Nein, nicht schon wieder! Jetzt fängt der auch noch damit an.“ Ich kann förmlich spüren, wie sich meinen Lesern die Nackenhaare sträuben. Mir geht es ja ähnlich bei diesem Thema. Es erscheint so allgegenwärtig, als gäbe es nichts anderes mehr.  Mit etwas gesundem Menschenver-stand ist doch auch so den allermeisten selbst klar, dass es den Klimawandel gibt und im Laufe der Erdgeschichte immer gegeben hat. Ist aber der Mensch der eigentliche Verursacher? Diese Frage treibt die Diskussion an und manchmal auch kuriose Blüten. 


Als ich noch zur Schule ging, das war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, da lebten auf dieser Erde rund 3 Milliarden Menschen. Heute sind es etwa 7,6 Milliarden. Damit hat sich die Menschheit mehr als verdoppelt. Da ist es doch selbstverständlich, dass auch der Bedarf an Nahrung, Kleidung, Wohnungen, Mobilität und vieles andere sich mehr als verdoppelt hat. Das bleibt natürlich auch nicht ohne Folgen. Wie wir jedoch damit umgehen,  das ist eine ganz andere Frage.

Das soll hier aber nicht mein Thema sein, denn da gibt es kompetentere Klimaforscher und unendlich viele selbsternannte Fachleute, die alles im ständigen Pro und Kontra diskutieren und sich ihre persönlichen Meinungen in einem heftigen Schlagabtausch um die Ohren hauen. Gegner und Befürworter bleiben sich da nichts schuldig.

Und genau das meine ich mit „Klimawandel“. Deshalb habe ich das Wort wohlweislich in Anführungszeichen gesetzt, denn ich möchte meinen Blick auf das  verschlechterte zwischenmenschliche Klima  richten, wie wir es zunehmend erfahren und beklagen müssen. Ein regelrechtes „Reizklima“ bestimmt heutzutage weithin die Diskussionen. Das Miteinander der Menschen im privaten und im öffentlichen Raum ist äußerst spannungsgeladen, wie vor einem Unwetter.  Dieses aggressive Verhalten heutiger Zeit-genossen steigt dramatischer an als der Meeresspiegel, der oft von den gleichen Leuten so vehement beklagt wird. 

Das Thema Umweltverschmutzung steht hoch im Kurs, aber die immense „Inn-weltverschmutzung“ wird dabei weniger oder gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Wie sollen die anstehenden großen Aufgaben dieser Welt gelöst werden, wenn der Dialog austrocknet und versiegt und wenn am Ende nur noch  gegenseitige Schuldzuweisungen und Polarisierungen stehen?

Freie Meinungsäußerung wird inzwischen mehr und mehr vom gerade angesagten Mainstream bestimmt. Manche Themen und Ansichten dürfen da nicht mehr öffentlich benannt werden. Wer es trotzdem wagt, der wird in einem heftigen Shitstorm weggespült.  Das Ausblenden und Verschweigen gegenteiliger Meinungen hat mit Vernunft und Toleranz  nicht mehr viel zu tun. Da wird Toleranz nämlich zur bloßen Worthülse und gilt nur noch für Menschen mit der gleichen ideologischen „Denke“. Hass-Kommentare und Wut-Reden fluten das Netz der sogenannten sozialen Medien, die aber schon lange nicht mehr sozial zu nennen sind. Hasserfüllte Beleidigungen verletzen die Würde anderer Menschen. Die Akzeptanz von unterschiedlicher Meinungen schmilzt dramatisch dahin, wie das Eis der Polkappen und der Gletscher. Lügen und Halbwahrheiten dagegen überschwemmen das Land aus vielen Kanälen. Rüdes und flegelhaftes Verhalten wird als selbstverständlich hingenommen und salonfähig.

Anstand und Achtung vor anderen veröden zunehmend, die Sprache erodiert und zurück bleiben lebensfeindliche Wüsten. Die Sprache wird zu verletzenden Waffe. Es scheint nur noch diese Extreme zu geben, die über die Menschen hereinbrechen wie Sturzfluten oder Gluthitze auf diesem Planeten. Persönlicher und nationaler Egoismus führen zu enormen atmosphärischen Störungen und vergiften das Klima eines guten Miteinanders und gefährden so den globalen Frieden.

Die Überheblichkeit Einzelner und ganzer Gruppen,  besser zu sein als die anderen, vergiftet das Klima und führt zur Spaltung und bringt keinen wirklichen Fortschritt. Maximalforderungen verkehren sich leicht ins Gegenteil. Kein Mensch sollte deshalb mit dem Finger auf andere zeigen und schreien:“Ihr seid schuld!“ Jeder muss und kann in dieser Hinsicht nicht nur etwas, sondern sehr viel für ein gutes Klima tun.

Ja, diesen wirklich nachhaltigen „Klimawandel“ im Denken, Reden und im Handeln jedes Einzelnen braucht unsere Erde zu allererst.




Samstag, 20. April 2019


Die Erinnerung ist ein Fenster“

und der Dichter Reiner Maria Rilke fährt in seinem Gedicht fort, „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“ 
Das ist doch ein schöner Gedanke und auch sehr tröstlich. Dieses Wort hat sicher schon so manchem Unglücklichen, der einen lieben Menschen verloren hat, in seiner Situation Trost und neuen Lebensmut geschenkt. Und weil diese Worte von einem bekannten Dichter stammen, werden sie gern als Zitat auf Trauerkarten oder bei Beisetzungen verwendet. Da geht es ja gerade um Verlust und Leere, die durch den Tod eines anderen Menschen entstanden sind. Der Verstorbene ist nun den Augen der Hinterbliebenen entzogen. Aber mit ihren inneren Augen können sie gleichsam durch das "Fenster der Erinnerung" schauen und werden ihn dort sehen. Oder, wie es Rilke so schön gesagt hat: „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“

Erinnerung ist also etwas, was nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren eines jeden Einzelnen selbst. Der Mensch kann sich bewusst erinnern und durch das Fenster nach innen blicken. Was er dort sieht, ist demzufolge etwas sehr Subjektives, ganz Persönliches, was nur er sieht. Woran er sich im Rückblick aufrichtet oder was ihn betroffen macht. Nicht alle Erinnerungen sind auch gleich gute Erinnerungen.

Manch einer möchte sich deshalb lieber nicht erinnern, jedenfalls nicht an alles. Negatives wird deshalb oft in die letzte, dunkelste Ecke verbannt. Damit ist die naive Vorstellung verbunden, was ich nicht sehe, gibt es nicht. Irrtum. Denn irgendwann kommen diese Erinnerungen ganz von selbst an die Oberfläche. Das kann dann zu einer großen Belastung werden. Zudem kommen sie nicht nur, „wann immer ich will“. Der Blick in das eigene Innere lässt viele, schöne und tröstliche Bilder wach werden, die den Menschen zutiefst erfreuen und aufbauen. Diese möchte er am liebsten für immer festhalten. „Verweile doch, du bist so schön“, wie es in Goethes Faust heißt.

Erinnerung führt den Menschen zurück in sein Erlebtes und zeigt ihm Bilder aus der Vergangenheit. Dazu gehören Helles und Dunkles. Erst zusammen genommen ergibt sich ein Ganzes. Genau wie der Tag helle und dunkle Stunden kennt und die eine Münze eben zwei Seiten hat, so gehören die unterschiedlichen Bilder der Erinnerung auch zusammen. Leben kann nur ganzheitlich betrachtet werden und wird nur so, wenigsten etwas, verständlicher. Wer sich aber einseitig in seinen Erinnerungen verliert, und seien sie noch so schön und tröstlich, der verliert damit auch den Blick für das Leben im Hier und Heute. Das aber ist der Ort, an dem Leben sich ereignet.

Wenn Rilke in seinem Gedicht von einem Fenster spricht, dann sollte bedacht werden, auch Fenster haben zwei Seiten. Ein Außen und ein Innen. Man kann also durch ein Fenster in das Innere eines Hauses, eines Zimmers, blicken, aber genauso kann der Blick durch ein Fenster hinaus in die Landschaft, sprich das reale Leben gehen. Dieser Blick zeigt dann nicht nur das Vergangene, ob schön oder traurig, nein er zeigt das Gegenwärtige. Da gibt es immer lebendige Geschehnisse, Bewegungen und neue Herausforderungen zu erkennen. Jeder ist geradezu angesprochen, mitzuwirken, sich einzubringen. Keiner bleibt doch ein Unbeteiligter, ob er es will oder nicht.

Das, was der Mensch jetzt beim Blick aus dem Fenster nach draußen mit seinen Augen sieht, das fordert ihn zum Handeln heraus. Und keiner sollte sich täuschen, auch das Nichthandeln schafft oder begünstigt bestimmte Tatsachen. Genau an dieser Stelle kommen nun wieder seine ganz persönlichen Erinnerungen in den Blick. Aus früheren Fehlern und negativen Entscheidungen  kann jetzt der Mensch die richtigen Schlüsse ziehen und diese Fehler in der Gegenwart nach Möglichkeit unterlassen. Das Schöne und Gute aber, woran er sich gern erinnert, das wird ihm  sicher Motivation sein, es zu verstärken und auszuweiten.

Spätestens bei diesen Überlegungen tut sich nun bildlich gesprochen noch ein anderes Fenster auf, durch das der Mensch sehen kann, wann immer er will. Es ist das „Fenster der Hoffnung“. Der Blick durch dieses Fenster geht weit hinaus, sozusagen über den Horizont, der, wie Reiner Maria Rilke im gleichen Gedicht sagt, zwar die Grenze unseres Sehens ist, aber nicht die Grenze des Seins. Wer es schafft, aus diesem Fenster zu blicken, findet seinen Halt bei allen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Oder auch nicht?