Dienstag, 17. April 2018



Etiketten und was wirklich drin ist

„Was drauf steht, muss auch drin sein!“ Das ist doch das Selbstverständlichste von der Welt, so möchte man meinen. Aber das ist es eben ganz und gar nicht.
Etiketten auf Flaschen, Gläsern und anderen Verpackungen geben in Schrift und Bild an, was diese beinhalten. Genauer, was diese beinhalten sollen. Das lässt sich bei einem Gurkenglas noch recht einfach nachprüfen. Jeder Kunde kann ja sofort sehn, ob wirklich Gurken im Glas sind. Aber es gibt ja nicht nur Gurkengläser. Bei anderen Produkten ist das erheblich schwieriger. Etikettenschwindel hat es wohl schon immer gegeben. Jeder Händler preist seine Ware natürlich als besonders gut und günstig an. Wie sollte es auch anders sein? Mängel werden dabei gern verschwiegen oder geschickt kaschiert. Inhaltsstoffe werden ungenau benannt oder phantasievoll verschleiert. Auch werden Käufer oft durch aufwendige Verpackungen getäuscht oder lassen sich täuschen. Diese sogenannten Mogelpackungen nerven und ärgern die Kunden. Bei anderen Produkten wird heimlich das Gewicht durch Zugabe von Zucker und Wasser unzulässig erhöht. Aufgespritztes Fleisch, wie neulich bekannt wurde, verunsichert die Konsumenten.

„Etikettenschwindel“ - Wie harmlos das doch klingt. Es ist aber nicht nur ein kleiner Schwindel oder ein geschickter Trick. Nein, es ist vorsätzlicher Betrug am Kunden. Mag es sich auch nur um eine geringfügige Manipulation handeln. Alles fängt ja mal klein an. Es wird also mehr versprochen, als gehalten wird. Diese irreführenden und falschen Etiketten gibt es aber nicht nur im Supermarkt oder beim Händler um die Ecke. Auf vielen anderen Gebieten in unserer Gesellschaft treffen wir darauf; in der Wirtschaft, der Kultur, der Politik und im alltäglichen Leben ist mit diesen oder ähnlichen Manipulationen zu rechnen. Denken wir nur an den sogenannten „Diesel-Skandal“, der längst noch nicht ausgestanden ist. Da sind die Käufer schamlos betrogen wurden. Wenn so etwas aufliegt, wird schnell zurückgerudert. Keiner will davon etwas gewusst haben. Harmloser Etikettenschwindel? Nein, bei weitem nicht!

Inzwischen sind wir alle wohl etwas hellhöriger und kritischer geworden. Gott sei Dank und das ist gut so. Doch nun möchte ich, oder besser muss ich, noch auf eine ganz andere Seite des Problems mit den Etiketten zu sprechen kommen. Werden nicht zu Unrecht vielen Menschen von anderen, auch von uns selbst, bestimmte Etiketten aufgeklebt? Klappt etwas nicht in der Gesellschaft, in der Politik oder in der Kirche, dann heißt es gleich, die da oben sind schuld. Zack, Etikett „die-da-oben“ draufgeklebt. Hinterfragt wird das nicht mehr. Hat jemand eine andere Meinung zum Beispiel zu Flüchtlingen, zur Homosexualität, zum Islam oder zu anderen strittigen Fragen, dann bekommt er gleich das Etikette; homophob, islamophob oder heute ganz beliebt, ein Rechter, ein Nazi. Ende der Fahnenstange, Ende der Diskussion. Mit denen reden wir nicht!

Wir müssen aber gar nicht so weit gehen. Wir können gern bei uns selbst stehen bleiben. Jeder von uns hat sicher unbedacht oder gar vorsätzlich einem anderen schon einmal ein bestimmtes Etikett aufgepappt. „Der ist doch arrogant, die ist falsch, dem kannst du kein Wort glauben, der ist ein Lügner, die hat es doch faustdick hinter den Ohren usw.“ Mit solchen Etikettierungen gehen wir oft sehr fahrlässig um. Ohne den anderen Menschen wirklich zu kennen, nur nach dem äußeren Augenschein geurteilt, werden Menschen in eine bestimmte Schublade gesteckt, Etiketten drauf und fertig. Diese vorgefassten Meinungen verbreiten sich wie im Flug und liegen oft ein Leben lang auf demjenigen wie ein Fluch. Der ist doch rechts, der ist links. Es zählt nicht mehr, was der andere wirklich denkt und meint oder auch tut. Er hat sein Etikett weg und fertig.

Wie war das doch gleich, was draufsteht, muss auch drin sein! Das herauszufinden, ist manchmal ganz schön anstrengend. Und jede vorgefasste Meinung vom anderen ist da sehr hinderlich. Falsche Etiketten, die wir anderen anhängen, schaden nicht nur seinem Ruf, sondern können im schlimmsten Fall seine ganze Existenz ruinieren.

Der Umgang mit der Wahrheit ist also ein sehr weites und oft schwieriges Feld. Was ist Sein und was ist nur Schein? Ja, auch das gehört zum Thema. Manche Menschen kleben sich nämlich selbst ein Etikett auf: Menschenfreund, Demokrat, Wohltäter, Freund und Vertrauter. Sie schmücken sich mit positiven Titeln, um zu beeindrucken und zu täuschen. Da geschieht gleichermaßen in der großen Politik, wie im persönlichen Familien- und Bekanntenkreis. Aber auch das ist  Augenwischerei, ja Etikettenschwindel, um andere zu täuschen. Dahinter verbergen sich nämlich sehr häufig ganz andere, sehr eigennützige Ziele und ein genau berechnetes Kalkül, um die eigenen Interessen durchzusetzen.   

Wie schwer ist es schon festzustellen, ob die Qualität der Ware dem entspricht, was das Etikett vorgibt. Aber noch schwieriger ist das wohl bei anderen Menschen. Die Gurken im Glas kann ich noch recht gut erkennen, was aber ein anderer Mensch wirklich denkt und fühlt, das bleibt im Dunkeln, ganz gleich welches Etikett er auch immer trägt. Ob es ein raffinierter Selbstdarsteller und Schwindler ist oder ein Mensch, der von anderen bösartig mit einem negativen Etikett versehen wurde, das ist nicht leicht zu unterscheiden. Wer er wirklich ist und was in ihm steckt, zeigt sich aber deutlich an seinem Tun. Nicht das Etikett ist entscheidend, sondern die Qualität der Ware und im Leben sind es die Taten der Menschen. Darum fallen Sie nicht auf solche Mogelpackungen herein. Bleiben Sie also vorsichtig, kritisch und wachsam!

Also egal, ob Gurkenglas oder Mitmensch: „Was draufsteht, muss auch drin sein!“ Sonst lieber Finger weg!

Dienstag, 27. März 2018



Gedanken beim Fenster putzen…

Nach den langen, nasskalten Tagen scheint endlich die Sonne. Sie steht im März noch ziemlich tief und trifft dabei genau unsere Fensterscheiben. Oh Schreck, jetzt sieht man erst richtig, wie schmutzig diese über die Winterwochen geworden sind. Der Staub der Straße, gemischt mit der Luftfeuchtigkeit, hat seine grauen Schlieren und blinde Stellen auf den Scheiben hinterlassen. Dazu der Ruß aus den immer beliebter werdenden Kaminöfen. Manchmal riecht es inzwischen im Viertel schon wieder wie zu DDR-Zeiten, als fast alle Haushalte noch mit Kohle heizen mussten.

Da heißt es jetzt, Ärmel hochkrempeln und dem Schmutz mit Wasser, Lappen und Kärcher zuleibe rücken. Schon nach kurzer Zeit blinken die ersten Scheiben wieder wie neu. Die Zimmer wirken gleich viel heller und freundlicher.

Wie einfach es doch ist, denke ich mir, den äußerlichen Schmutz zu beseitigen. Man muss es nur wollen. Am Willen aber, etwas zu verändern, scheint es im Großen wie im Kleinen sehr häufig zu fehlen. Man ist sich zwar einig, die Umweltverschmutzung und die dadurch hervorgerufenen Belastungen für Mensch und Natur muss verringert werden, aber über das Wie und Wann entbrennt immer wieder Streit. Die einen schieben es auf die anderen und nichts ändert sich.

Der Blick auf andere Menschen und ihre Meinungen wird immer enger, eingeschränkter und abschätziger. Die eigene Meinung und nur die, ist stets richtig. Da ist plötzlich jeder ein selbsternannter Experte und das auf allen Gebieten. Kritik wird zur Einbahnstraße und gilt nur für andere. Der Umgangston wird  dabei ganz schnell unflätig, beleidigend und häufig tief verletzend. 

Mir scheint, wir haben da ein riesiges  Problem in unserer Gesellschaft, denn wir haben nicht nur eine erhebliche Umweltverschmutzung, sondern das viel größere Problem ist die zunehmende „Innenweltverschmutzung“. Denn aus dem Inneren der Menschen, wie sie denken, reden und urteilen, sprich verurteilen, daher kommt so unendlich viel Schmutz und Gift in das Leben. Und dieser Unflat  wird ungeniert und bösartig über Andersdenkende  ausgekippt. Diesen rüden Angriffen kann sich kaum einer entziehen. Es ist ja auch so leicht, seine Giftpfeile aus dem Hinterhalt vernichtend auf einen anderen abzuschießen. In Wort und Bild werden immer öfter andere Menschen diffamiert. Die Verrohung der Sprache schreitet dabei rasant voran. Die Fäkalsprache ist inzwischen fast salonfähig geworden. Das Unglück Betroffener wird schadenfroh beklatscht und die Retter beschimpft und behindert. Der Schmutz kommt also zuerst von innen, weil die Wertschätzung der Menschen in ihrem Anderssein fehlt. 

Dazu kommen Halbwahrheiten und plumpe Lügen, die als „fakes news“ rasant über die Medien verbreitet werden. Wie eine Schmutzflut breiten sie sich aus und zerstören dabei die Existenz anderen Menschen. Wer heute noch bejubelt wird, der wird morgen schon in aller Öffentlichkeit zerrissen. 

Das Erschreckende für mich ist daran, dass scheinbar kaum jemand sich Gedanken macht, gegen diese innere Verrohung etwas Positives zu setzen. Scheinbar ist da ein gutes Geschäft mit negativen Schlagzeilen zu machen. Wie soll eine Gesellschaft aber die großen Fragen und Probleme der Welt und der Menschheit in den Griff bekommen, wenn die blinden Flecken und die Verschmutzungen im Inneren der Menschen nicht mehr erkannt werden und so immer mehr den Blick auf das Gute verhindern? Eine zutiefst gespaltene Gesellschaft, die inzwischen vehement beklagt wird, ist doch wohl die Folge einer solchen „Innenweltverschmutzung“. 

Mir hat der Schein der Märzsonne die blinden Flecken auf den Fensterscheiben und die Verschmutzung deutlich sichtbar gemacht. Nach kurzer Zeit waren die Fenster wieder sauber und alles erschien in einem neuen Licht. 

Doch meine Fragen bleiben. Und ich denke, wenn es doch bei den Menschen auch so einfach wäre?  Aber eine schlüssige Antwort habe ich  noch nicht gefunden. Ich muss sicher noch öfter Fenster putzen und dabei darüber nachdenken. 

Samstag, 23. Dezember 2017


Der Weihnachtskaktus

Welch Erstaunen, welche Freude, als sich in diesem November die ersten Knospen und dann die zarten Blüten an unserem Weihnachtskaktus zeigten. Damit machte dieser seinem Namen wirklich alle Ehre, der „Weihnachtskaktus“ oder botanisch auch „Schlumbergera“ genannt, denn er blüht und erfreut seine Betrachter vorwiegend in der vorweihnachtlichen Zeit. Es ist gerade die dunkle Jahreszeit, in der der Mensch sich nach Licht, Wärme und nach Farbe sehnt. Seine Blüten leuchten ganz besonders schön in ihrer roten Farbenpracht.

Fast hätten wir seine Blüten nicht mehr erlebt. Etliche Jahre stand der blaue Topf mit dem Kaktus mit seinen eher unansehnlichen grünen, nahezu welken Blättern, einfach nur so im Fensterbrett  der Küche. Keiner schenkte ihm viel Aufmerksamkeit. Ab und an bekam er ein paar Tropfen Wasser. Wir waren schon nahe dran, ihn in der braunen Tonne zu entsorgen. Dann aber hatten wir es, Gott sei Dank, doch wieder vergessen. So blieb der blaue Topf mit dem Kaktus Woche für Woche und Monat für Monat dort fast unbeachtet stehen. Und dann, dann ganz plötzlich in diesem Herbst, zeigten sich die ersten roten Spitzen an den Blättern. Zuerst ganz unscheinbar, entwickelten sie sich zu den wunderschönen roten Blüten. Der Kaktus beschenkte uns völlig unerwartet mit seiner Blütenpracht.

Wir Menschen sind oft ungeduldig. Ungeduldig mit uns, aber besonders mit den anderen. Alles muss heute schnell gehen. Wie bei einem Automaten, soll auf Knopfdruck sofort das Gewünschte herauskommen. Aber das Leben ist eben ganz und gar nicht so. Unser Weihnachtskaktus hat es wieder einmal gezeigt, warum sich Warten lohnt. Die Engländer sagen wohl: „Abwarten und Tee trinken“. Natürlich erledigt sich längst nicht alles durch stures Aussitzen von Problemen, aber ein wenig mehr Geduld im Umgang gerade mit anderen Menschen und Meinungen, kann nicht schaden und beschert uns vielleicht auch noch manche schöne Überraschung.

Es bewahrheitet sich immer wieder: „Gut Ding will Weile haben“. Wie oft beurteilen wir Sachverhalte, aber auch Menschen nach dem ersten Augenschein, sehr halbherzig oder einseitig. Da heißt es nur: „Das geht gar nicht, das ist wird sowieso nicht klappen“. Dabei ist es nicht einmal versucht worden. Vorschnell wird die Lösung eines Problems aufgegeben. Noch gravierender sind solche „Schnellschüsse“ in der Beurteilung anderer Menschen. „Mit dem oder der hat das eh keinen Zweck, die werden sich garantiert nicht ändern, die sind für mich erledigt“. Das sind keine bloßen Vorurteile mehr, das sind richtig handfeste Verurteilungen. Damit ist der andere Mensch oder die Gruppe Andersdenkender ein für allemal festgelegt und erledigt. Selbst positive Dinge werden ihnen negativ ausgelegt.  Nur recht wenige Menschen haben die Geduld und nehmen sich die Zeit, das Anderssein und das Fremdartige zu verstehen. Schnelle Festlegungen greifen aber sehr häufig zu kurz. Korrekturen sind dann fasst unmöglich. Keiner will ja sein Gesicht verlieren.

Alles Wichtige und Wertvolle im Leben und in den Beziehungen der Menschen kann sich aber nur gut entwickeln und erblühen, wenn wir geduldig und empathisch miteinander umgehen. „Alles kommt zu denen, die warten können“, ist eine Spruchweisheit und eine echte Erfahrung, die aus Kanada stammt. Das sind schon lange unterentwickelte Lernfelder in unserer heutigen Gesellschaft.

Die wunderschönen Blüten unseres Weihnachtskaktus haben auf sich warten lassen. Umso mehr haben sie uns dann überrascht und erfreut. Geduld trägt oft erst nach langer Zeit ihre Früchte. Zu hohe Erwartungen an sich und die anderen, können jedoch sehr schnell alles kaputt machen. Darum seien Sie alle geduldig und nachsichtig mit einander, besonders an diesem Weihnachtsfest, dann wird es auch für Sie ein Fest der Freude und des Friedens und es hält noch manche Überraschung für jeden bereit.




Donnerstag, 23. November 2017


Grau und unsichtbar

In letzter Zeit habe ich verschiedentlich die Aussage gehört: „Mit zunehmendem Alter wird man einfach unsichtbar“. Woher kommt dieses Gefühl und bereitet eben mit diesem "zunehmendem Alter" den Menschen solches Unbehagen? 

Es ist offensichtlich, dass in der heutigen Gesellschaft die Verfallszeiten für Produkte, Innovationen, Trends und Meinungen sehr kurz geworden sind. Jeder spürt es im Alltag selbst. Was heute noch „in“ ist, das ist schon morgen wieder „out“. Produkte und Angebote, die nicht den Zusatz „neu“ oder noch besser „new“ bei ihrer Vermarktung tragen, die werden gar nicht erst angesehen. Wird nach geraumer  Zeit ein bestimmtes Produkt doch noch einmal nachgefragt, dann heißt es nur achselzuckend: „Das ist schon längst nicht mehr am Markt. Wir haben da aber ein brandneues Gerät für Sie“.

Alles Neue hat seine eigene Faszination. Welcher Käufer, der etwas auf sich hält, möchte schon ein Smartphone der vorletzten Genration kaufen? Die Frage nach der Notwendigkeit oder der Sinnhaftigkeit für die Neuanschaffung wird dabei gar nicht erst gestellt. Jedenfalls bei nicht denen, die es sich leisten können. Die anderen sind sowieso außen vor. Es scheint ein regelrechter Zwang auf den Konsumenten von Technik, Mode und Meinungen zu liegen. Sie müssen einfach immer ab to date und hip sein. Wer in dieser schnelllebigen Zeit diesem Trend nicht mehr folgen kann, der verschwindet einfach und sehr schnell von der Bildfläche und wird so buchstäblich unsichtbar!

Genau dieses Gefühl und mehr noch, diese Erfahrungen, stecken hinter der erwähnten Aussage. Besonders diejenigen, die eine gewisse Altersgrenze überschritten haben, spüren es zunehmend deutlicher, dass sie raus sind aus dem Spiel. Sie sind nur noch Teil einer immer größer werdenden, grauen Masse.  Darum kommen sie sich vor, als wären sie unsichtbar, denn keiner scheint sie mehr wahrzunehmen. Ihre Meinungen sind von gestern und längst überholt, ihre Erfahrungen interessieren nicht. Frauen haben dazu sehr bald noch das Gefühl, dass sie keiner mehr anschaut. Ist es nicht so? Wer nicht mehr angesehen wird, der verliert auch bald sein Ansehen und seine Würde.

Dort wo der Blick nur noch auf die neue und glänzende Oberfläche gerichtet wird, quasi nur die attraktive Fassade zählt, da geht aber Wesentliches verloren. Natürlich sind  so auch die oft verzweifelten Versuche, sich jugendlich aufzupeppen, gut verständlich. Der Erfolg jedoch lässt meistens auf sich warten. „Sehen und gesehen werden“, ist vielen Menschen überaus wichtig. Grau, unscheinbar, unbedeutend und gar unsichtbar zu sein, das möchte so leicht keiner akzeptieren. 

Nun komme ich noch einmal zurück auf die resignierend klingende Aussage: „Mit zunehmendem Alter wird man / frau einfach unsichtbar.“ Was ist daran eigentlich so schlimm, frage ich mich? Haben wir uns nicht als Kinder oder sogar auch später noch manchmal gewünscht, unsichtbar zu sein? Bei dem Gedanken ging sogleich unsere Fantasie mit uns durch. Was hätten wir da nicht alles erleben oder still und heimlich beobachten können? Wir wären den anderen stets überlegen und einen Schritt voraus, denn wir könnten sehen, aber würden nicht gesehen. Ist das nicht eine faszinierende Vorstellung?

Menschen im öffentlichen Leben und im Rampenlicht sind einer ständigen Beobachtung und Bewertung ausgesetzt. Das ist ein enormer Dauerstress. Jedes Wort, jede Geste wird aufs Genaueste registriert, analysiert und nicht immer wohlwollend kommentiert. Deshalb sind sie gezwungen, sich immer perfekt nach dem neuesten Trend zu stylen und publikumswirksam darzustellen, denn wer bei anderen gut ankommen will, der darf sich keine Blöße geben. Der Preis dafür ist jedoch sehr hoch.

Wer aber dank seiner „Unsichtbarkeit“, solche vordergründigen Rücksichten nicht mehr nehmen muss, der kann völlig entspannt sein. Das ständige „Muss“ und der Zwang fallen von ihm ab. Sie oder Er können nun einfach und schlicht sie selber sein. Sie sind zwar äußerlich ergraut und damit so gut wie unsichtbar für die anderen, die ihren Blick nur oberflächlich auf das Äußere richten, aber sie selbst erleben auch eine große Freiheit. Es muss nicht mehr ständig betrauert werden, was vergangen ist, sondern es können neue Möglichkeiten erkundet und erprobt werden.  Jegliches konkurrierende Gehabe, alle Selbstdarstellung und die unwürdige Anbiederung an die Meinungen des Mainstream entfallen. Wer diese neue positive Sicht und Haltung in seinem Leben gewonnen hat, der muss nicht mehr auf dem Feld der Eitelkeiten kämpfen und um jeden Preis der Sieger sein. Das hat er einfach nicht mehr nötig. Ist das nicht eine echte Befreiung von inneren und äußeren Zwängen, die sich Menschen oft selbst auferlegen?  Es tut so gut, aus dem „Hamsterrad" der Eitelkeiten aus zu steigen.

Und doch ist das Äußere für unendlich viele Menschen ein so großer Wert, der über alles andere gestellt wird. Kein Preis ist ihnen dafür zu hoch. Dabei ist das Äußere eines Menschen, doch das Vergänglichste im Leben. Alles hat seine Zeit und alles fließt, das wussten schon die Alten. Ja, unser Leben fließt uns wie Sand durch die Finger.  Nichts bleibt für immer, schon gar nicht die hoch gepriesene Jugendlichkeit, die Schönheit und der äußere Schein. Die „Diktatur der Äußerlichkeit“, wie ich sie einmal nennen will, macht aber auch viele Menschen zu Verlierern und schiebt sie an den Rand der Gesellschaft. Nicht jeder ist stark genug sich diesem Diktat zu widersetzen. Aus diesem Grund fühlen sich mehr und mehr Menschen unwichtig, bedeutungslos und sogar unsichtbar. Sie passen nicht in das vorgegebene Schema. Das hat fatale Folgen, denn wer nicht mehr wahrgenommen und anerkannt wird, wie er ist, der neigt leicht zu irrationalen Gefühlen und die wiederum führen  zu einem krankhaften Verhalten.

Im Kult der heutigen Äußerlichkeiten unverantwortlich ausgeblendet, dass es sehr viel mehr und Wichtigeres im Leben der Menschen gibt. Es zählen ganz andere Dinge, die das Leben  bestimmen und erst wertvoll machen. Wer diese Erkenntnis, ja diese Weisheit im Laufe seines Lebens gewinnt, der hat es nicht mehr nötig, der Äußerlichkeit zu frönen, denn die wahren Schätze liegen oft tief im Inneren verborgen. Wer nur auf die Oberfläche starrt, der wird sie nicht entdecken. Das Unscheinbare und Unsichtbare ist häufig das Wertvollere. 

So ist es auch bei den Menschen. Nicht die „Reichen und Schönen“ sind auch gleich die besseren und wertvolleren Menschen, mit nichten, sondern es sind vielmehr gerade die Menschen, die unbeachtet geblieben sind. Sie sind nämlich ganz und gar nicht unwichtig. In turbulenten Zeiten wären sie eine echte Alternative. Genau diese Menschen fehlen zur Zeit in der Politik und der Gesellschaft. Die öffentlichen Plattformen für  Selbstdarsteller jeden Couleurs dagegen, sind gut besetzt. In kritischen Situationen sind Gelassenheit und Sachlichkeit viel entscheidender,  als jedes aufgeregte und hektische Polarisieren.

Darum wären reifte und charakterfeste Menschen, die in Anlehnung an einen bekannten Aphorismus,  in großer Gelassenheit Dinge hinnehmen können, die sie nicht oder nicht mehr ändern können und trotzdem den Mut haben, Dinge zu ändern, die sie ändern können, dringend nötig und ein Gewinn für uns alle. Vor allem aber werden solche Menschen in großer Weisheit das eine vom anderen unterscheiden können.  

  

Sonntag, 5. November 2017


Herbst – nur Verlust und Leere?

Mensch – Du kannst die Welt, Deine Welt riechen, schmecken, fühlen, ja mit allen Sinnen erspüren. Wer in diesen Tagen durch einen Park oder unter den Bäumen einer Allee entlang geht, der riecht ihn, den Herbst. Ihm strömt dieser markante, erdige Geruch, den die herabgefallenen Blätter der Bäume verströmen, sofort in die Nase.  Bald schon werden diese Blätter selbst wieder zur Humus, zu gutem Boden, auf dem neues Leben wachsen kann.

Ist es ein sonniger und trockener Herbsttag, dann rascheln die bunten Blätter unter den Füßen und es ist für die Kinder eine große Freude sich in einen Blätterhaufen fallen zu lassen oder die Blätter mit vollen Händen in den Himmel zu werfen. Der Wind trägt sie dann davon. Derselbe Wind ist es auch, der im Herbst die Papierdrachen aufsteigen lässt, die dann hoch am Himmel ihren farbenfrohen, ja fröhlichen Tanz in den Wolken zur Freude aller Zuschauer zeigen.

Doch aus dem Spiel der Blätter und der bunten Drachen im Wind kann ganz schnell bitterer Ernst werden. Nämlich dann, wenn der Wind zum Sturm anschwillt, der alles mit seiner enormen Kraft mit sich reißt. Es sind die gefürchteten Herbststürme, die Bäume entwurzeln und Dächer abdecken. Sie brausen über das Land und legen das sonst so mobile Leben für Stunden oder Tage lahm. Viele unterschiedliche Gesichter hat also der Herbst.

Dazu gehören auch die dunklen und nasskalten Tage und Wochen, wenn der Nebel uns einhüllt, wie eine feuchte Decke. Die Nebelschwaden wabern durch die Straßen und hängen den ganzen Tag wie ein bleischwerer Vorhang grau vor unseren Augen. Da wird das Sehen eher zum Tasten und Fühlen. Alle Fortbewegung wird verlangsamt. Die kalte Nässe benetzt unsere Haut und lässt uns schon mal frösteln. Jeden drängt es dann, schnell wieder ins Trockene und Warme zu kommen.

Doch das, was uns an solchen Tagen so unangenehm berührt und uns die Sicht nimmt und das Atmen schwer macht, wird ganz plötzlich über Nacht zu einer echten Überraschung. Welch ein Anblick, wenn wir am Morgen aus dem Fenster sehen. Die Kälte hat den Nebel und alle Feuchtigkeit erstarren lassen und es haben sich weiße, glitzernde Kristalle gebildet, die sich überall an den Zweigen der Bäume, auf den Rasenflächen, den Zäunen und Hecken festgesetzt haben. Der Raureif hat alles mit seinem weißen Zuckerguss überzogen. Alles scheint wie verzaubert. Doch ach, wie flüchtig ist doch diese Schönheit, ist dieser Zauber. Schon bald tropft es wieder nass und kalt auf uns herab von den Ästen und Zweigen der Bäume, so dass die Wege gefährlich glitschig werden. Nichts bleibt für immer, oft sind es nur kurze Momente des Glücks und der Freude. Die schönsten Augenblicke im Leben können wir nicht festhalten. Der Herbst lässt das für uns wieder einmal ganz deutlich werden.

Wenn etwas Schönes vergangen ist, sind wir traurig, weil es nicht mehr da ist. Der Herbst ist die Jahreszeit, in der alles Leben zurückfährt und so manches für alle Zeiten vergeht. Der Herbst in all seinen Facetten ist ein deutlicher Hinweis auf die Vergänglichkeit allen Seins. Die Blätter fallen und die Temperaturen auch. Der Nebel lässt die Sonne für Tage verschwinden. Die Sehnsucht nach Helligkeit und Licht macht manche Menschen förmlich krank. Nun bestimmt das eintönige Grau die Tage und Wochen. Auch die buntesten Herbstblätter sind längst unansehnlich und fad geworden. Sie werden am Boden zertreten. Nichts erinnert mehr an die schönen Farben des Sommers, an seine Wärme und die Helligkeit. Die Fülle ist der Leere gewichen. Positive Empfindungen sinken in den Minus-bereich ab, so wie die Temperaturen auch. Das  Gefühls-Barometer fällt fast ins Bodenlose.

Aus dieser Sicht auf die Dinge und die Menschen, drängt sich das Gefühl des Verlustes  deutlich in den Vordergrund. Da ist plötzlich etwas oder jemand einfach nicht mehr da. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Und es wird auch nie wieder so sein. Eine unendliche Leere umfängt dabei die Menschen. Sie sind nur noch auf ihre Verluste fixiert.

Es ist schmerzhaft, etwas oder gar jemanden zu verlieren. Doch der Schmerz wird nicht geringer, wenn wir nur noch auf den Verlust starren. Ist es da nicht viel wichtiger und befreiender für jeden, sich dankbar und froh daran zu erinnern, dass man viele schöne Dinge im Leben genießen durfte, einen Menschen geliebt hat oder von ihm geliebt wurde?

Der Herbst kann uns lehren, nicht nur auf die kahlen Bäume und Sträucher zu schauen, sondern uns gern und voll Dankbarkeit an die Farben und Düfte des Frühlings und des Sommers zu erinnern, die wir alle so selbstverständlich genießen durften. Dann können wir uns schon jetzt auf alles Neue und Schöne freuen.




Dienstag, 11. April 2017


Der Schatten  

Im Hochsommer und bei großer Hitze ein gesuchter Ort, der Schatten. Die Menschen wählen dann gern ein schattiges Plätzchen zum Ausruhen. „Komm in den Schatten, mach einfach mal Pause!“ Im Schatten eines Baumes lässt sich die Gluthitze des Tages sehr viel leichter ertragen. Auch parkt vernünftigerweise  kein Mensch im Sommer freiwillig sein Auto in der prallen Sonne. Und Jeder, der bei 35° C einen Weg in der Stadt zu Fuß zurückzulegen hat, der benutzt wohlweislich die Schattenseite der Straße.

 Beim Wort „Schattenseite“ steigen sofort negative Gefühle in uns auf. Mit dem Wort Schattenseite verbinden wir nämlich die dunklen und hässlichen Seiten des Lebens. Schnell fallen uns solche Situationen ein und auch die Betroffenen, die ihr Leben auf dieser „Schattenseite“ fristen müssen. Sie gehören zu den benachteiligten und oft vergessenen Menschen. Es sind die Verlierer in der Gesellschaft. Sie und ihre Sorgen werden nicht mehr wahrgenommen. Ihr Leben ist ganz und gar nicht sonnig und schön. Ihr Alltag ist überschattet von Armut, Hunger und Gewalt jeglicher Art. Der dunkle Schatten der Angst vor Terror und Krieg liegt schicksalhaft Tag für Tag auf ihnen. Die Gleichgültigkeit der Mitmenschen überschattet sie wie eine dunkle Wolke und verbirgt ihre Not. So werden sie immer unbedeutender und letztlich völlig unsichtbar. Das Leben geht an ihnen einfach vorüber.

Diese Schattenseite sucht sich gewiss keiner freiwillig aus. Vielmehr möchten auch diese Menschen aus ihrem Schattendasein heraustreten, den Schatten loswerden, sich von ihm befreien. Sie hoffen immer darauf, einmal auf der Sonnenseite des Lebens ihr Glück zu finden. Dafür nehmen aktuell Millionen von Menschen die größten Gefahren für Leib und Leben in Kauf. Uns werden in drastischen Bildern diese Szenen täglich vor Augen geführt. Bombardierte Städte und Dörfer, weinende Kinder und schreiende Frauen, gekenterte Boote auf dem Mittelmeer, überfüllt mit Menschen aus Afrika und den unzähligen Krisengebieten unserer Tage. Die Verheißung und der Traum, einmal auf der Sonnenseite in Europa zu landen, lassen sie sich ihre ganzes Geld und all ihre Habe kosten. Kinder und Jugendliche werden deshalb  von den Familien allein auf einen ungewissen und gefährlichen Weg geschickt. Sie werden ausgenutzt und verraten von skrupellosen Schleppern, die ihnen zuvor etwas von diesem angeblichen Schlaraffenland Europa vorgegaukelt haben. Tausende haben dabei nur den Tod gefunden. Das Geschäft mit der Not anderer Menschen ist immer noch sehr einträglich. Doch es ist nur ein einseitiges und gutes Geschäft für die Schlepper und andere Nutznießer. Sie versprechen, was sie nicht halten können und wecken immer neue Illusionen bei so vielen Menschen. An einer hellen und friedlichen Zukunft in den Herkunftsländern scheint ihnen nichts, aber auch rein gar nichts zu liegen.

Und diejenigen, die es am Ende nach Europa schaffen, spüren sehr schnell, dass ihnen alles so fremd ist und ganz anders als erwartet. Schon sehr bald legen sich neue, dunkle Schatten bedrückend auf sie. Jetzt sehen sie mit eigenen Augen, dass es zwar Licht, aber auch viel Schatten in Europa gibt. Alles hat auch hier seinen Preis und längst nicht alle Bewohner der europäischen Länder heißen die Flüchtlinge und die Fremden willkommen. Resigniert und enttäuscht finden sie sich dann allein in einer völlig anderen Kultur und Sprache wieder. Fremd, heimatlos, überfordert und ohne den Schutz und die Wärme der eigenen Familie spüren sie umso deutlicher ihre Verlassenheit und die Kälte Europas. Und das nicht nur im Winter, wenn die Sonne tief steht und ihre langen Schatten wirft.

Aber auch weltweit sind die Schatten länger, dunkler und bedrohlicher geworden. Viele Menschen verspüren zunehmend immer mehr Ängste. Ob im persönlichen Leben, im Beruf und der Familie oder in der Gesellschaft. Sie haben das Gefühl, im eigenen Land nicht mehr sicher zu sein. Terroristische Akten und Gewalttaten nehmen auch in unserem Land zu. Ihre Auswirkungen werden noch durch die ständige Präsenz in den Medien erheblich verstärkt. Da helfen auch nicht die Beteuerungen der kriminologischen Statistiken, die besagen,dass die Zahl der Gewaltdelikte in Deutschland rückläufig sei. Unsicherheit und Zweifel bleiben und wuchern weiter. Wo aber das Vertrauen schwindet, da legt sich Angst wie ein dunkler Schatten auf die Seele der Menschen. Das macht sie krank.

Unberechenbare Politiker in verschiedenen Ländern versuchen sich auf gefährlichste Weise durch ihr Machtgehabe in Wort und Tat hervor zu tun. Sie werfen dunkle Schatten auf ihre eigenen Völker und begünstigen ein Klima von Angst und Misstrauen. Zwischen den Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen wird Hass und Feindschaft geschürt. Diese unheimlichen und fremden Schatten reichen bis hinein in unser Land und wirken mehr als verstörend.

„Amerika first - das eigene Land zuerst“, dieses Wort grenzt andere Völker aus. Solche nationalen Egoismen zerstören das gute Verhältnis zwischen der „Alten und der Neuen Welt“. Ebenso wird in Europa durch den Brexit die mühsam gewachsene Union aufgekündigt und schwer beschädigt, gerade in Zeiten, wo die Geschlossenheit der Europäischen Union besonders gefordert ist. Populisten haben hier ein leichtes Spiel, denn sie versprechen den Menschen etwas, was sie selbst nicht erfüllen können und dafür keinerlei Verantwortung übernehmen. Damit stellen sie sich dermaßen ins Rampenlicht, sodass ihre verhängnisvollen Schatten übermäßig groß und mächtig erscheinen. Diese überdecken die Realität und verdunkeln die Zukunft der Völker.

„Schatten“ ist hier bereits mehrfach als Metapher gebraucht worden. Eingangs habe ich auf seine einladende und wohltuende Seite verwiesen. Dabei bietet er einen willkommenen Platz zum Ausruhen in der Hitze des Sommers. Dort finden Menschen einen Ort des Friedens und der Entspannung. Der „Schatten“ steht aber besonders bedrückend für die Negativerfahrungen der Menschen, für all das Dunkle und Bedrohliche, wie auch schon im Text an Beispielen aufgezeigt wurde.

Wie aber ist mit dieser dunklen Seite umzugehen? Wir starren doch häufig wie gebannt gerade auf die düsteren Ereignisse im eigenen Leben und in der Welt. Diese Bad-News verdunkeln unsere Sicht und rauben uns sogar die Lebensfreude. Es ist deshalb schwer, eine allgemein gültige Antwort zu geben. Für mich ist ein afrikanisches Sprichwort sehr hilfreich geworden.  Es sagt: „Schau in die Sonne, dann fällt dein Schatten hinter dich“. 

Dieses Wort ist wie ein Haltegriff im Leben, es hilft einem, sich nicht ständig herunter ziehen zu lassen und nur noch dunkle Schatten zu sehen und sich zu ängstigen. Schau in die Sonne, auf das österliche Licht und lass deinen Schatten hinter dir. Sieh nicht zuerst das Dunkel, sondern schau auf all das Schöne und Helle im Leben. Die Sonne scheint doch für alle, und je höher sie steigt, umso kürzer werden die Schatten.



Sonntag, 2. April 2017



 Wer ist glücklicher?

In den letzten Tagen, genau gesagt, am 20. März, dem internationalen Welt-Glückstag, ist der „Welt-Glücks-Bericht 2017“ ver-öffentlicht worden. Um zu einem solchen Ergebnis zu kommen, werden seit 2012 jährlich jeweils über 3000 Menschen in 155 Ländern zu bestimmten Bereichen ihres Lebens befragt. Dabei geht es um ihr Einkommen und das Auskommen damit, ebenso werden die Arbeitsbedingungen beleuchtet, auf die Gesundheit und die Gesundheitsversorgung wird geschaut, wie viel Freiheiten der einzelne in dem jeweiligen Land hat, spielt ebenso eine große Rolle, natürlich wird sehr genau die politische Situation beobachtet und viele andere Bereiche des täglichen Lebens betrachtet und hinterfragt. Durch die Analyse der unterschiedlichsten Antworten der Befragten und durch die Bündelung dieser Aussagen zur weiteren Errechnung von vergleichbaren Durch-schnittsergebnissen, kommen die Sozialwissenschaftler am Ende zu einem sogenannten repräsentativen Ergebnis.

In diesem Jahr überraschten uns die Wissenschaftler mit ihrem Ranking in der UN-Studie, oder auch nicht, dass Norwegen das glücklichste Land der Welt sei. Platz 1 für Norwegen. Tolles Ergebnis, tolle Menschen! Aber wo steht eigentlich Deutschland auf dieser Rangliste? Kaum war das bekannt, da gab es auch gleich wieder Kritik: „Deutschland, nur auf Platz 16?“  Kann das denn sein?

Mag man von dieser Glücks-Forschung halten, was man will, was aber heißt denn da „nur Platz 16“? Mit dieser missmutigen Haltung ist es dann doch mehr als verwunderlich, dass die Deutschen immer noch unter den ersten zwanzig Ländern rangieren. Immerhin waren doch 155 Länder bei dieser Studie weltweit im Fokus der Wissenschaftler. Also liegen weit über hundert andere Länder auf den Plätzen hinter Deutschland. Wie unglücklich müssen denn diese Menschen erst sein?

Vielleicht sind die Menschen in anderen Ländern aber auch viel glücklicher und vor allem zufriedener, als die Forscher meinen? Gibt es wirklich glückliche und weniger glückliche Länder? Oder sind es nicht vielmehr immer die Menschen, die an verschiedenen Orten und zu bestimmten Zeiten leben, die einmal mehr oder weniger glücklich sind? 

Für mich wird dabei noch einmal ganz deutlich, dass sich das Glück der Menschen nicht allein an den materiellen und politischen Verhältnissen bemessen lässt. Sagt doch schon der Volksmund: „Geld macht nicht glücklich!“ „Aber es beruhigt“, fügt sofort der Schelm hinzu. Doch stimmt das? Ist es nicht eher so, dass die Angst wächst, das Geld schnell wieder zu verlieren? Jeder Besitz muss besonders gesichert und verwahrt werden. Das bereitet natürlich Sorgen und schafft so manch schlaflose Nacht. Nicht alles, was jemand hat, kann er heute noch  offen zeigen und sich damit schmücken, denn der Neid hat stark zugenommen und so eine regelrechte Neid-Debatte ausgelöst. Darin erhitzen sich zunehmend die Gemüter der Zeitgenossen.

Das Glück kann man nicht kaufen und es auch nicht selber machen. Es wird einem geschenkt, oder auch nicht. Wer es aber erlebt, der kann es oft selbst nicht fassen und schon gar nicht mit Worten beschreiben. Es ist einfach da, unbeschreiblich schön. Oft sind es zwar nur kurze Glücksmomente, kurze Augenblicke, die schnell wieder vergehen, aber sie sind dennoch ganz und gar real. Wie kann also jemand von außen dieses Glück eigentlich messen und bewerten? Keine Rangliste eines sogenannten „Glücks-Reports“ kann darüber wirklich etwas Substantielles aussagen. Glück ist und bleibt ein sehr persönliches Gefühl und ein sehr flüchtiger Zustand im Leben des Menschen.

Das Glück ist oft schillernd, zart und zerbrechlich wie eine Seifenblase. Auch sie kann ich nicht festhalten. Ich würde sie sogleich zerstören. Solange sie durch die Luft schwebt, kann ich mich aber an ihrer Schönheit erfreuen. Worüber Menschen glücklich sind, das ist so unterschiedlich, wie jeder Mensch einzigartig ist. Da freut sich der eine und ist glücklich, weil er im Spiel gewonnen hat. Ein anderer dagegen freut sich, wenn sein Nachbar, den er so gar nicht leiden kann, das Spiel verliert und unglücklich ist. Was ist nun eigentlich Glück? Woran ist es erkennbar? Was braucht der Mensch zu seinem Glück?

Für jeden Menschen hat das Glück ein anderes Gesicht. Mal ist es das Gesicht eines lieben Menschen, der mich anschaut, der mich liebt und mir nah ist. Mal ist es der Freund, dem ich wichtig bin, der mich so annimmt, wie ich bin. Jemand der einfach da ist, wenn er gebraucht wird. Diese Momente der Nähe erfahre ich dann als beglückend und befreiend. Es ist wohl diese Übereinstimmung mit anderen Menschen, mit der Natur und letztlich auch mit mir selbst, die das Glück in unserem Inneren wachsen lässt. Es muss also sehr vieles im Leben zusammenspielen und harmonieren, damit ein Mensch das Glück, sein Glück, als solches selbst verspürt. Oft nur für einen Moment, aber dann kommt es aus der tiefsten Tiefe seines Seins. Dann ist es einfach da und der Mensch ist "im Glück". Solches Glück ist immer das unerwartete Geschenk eines Anderen!

Dieses Glück lässt sich doch nicht messen und in einem Ranking  statistisch erfassen. Schon gar nicht kann es mit dem Glück anderer Menschen verglichen werden. Das wäre immer ein Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen, ein Vergleich zwischen zwei Ungleichen. Zudem machen Vergleiche erfahrungsgemäß die Menschen eher unzufrieden und nicht glücklich. Deshalb kann auch kein Wissenschaftler auf der ganzen Welt wirklich sagen, welches Land und welche Menschen am glücklichsten sind. Es stimmt zwar, nicht alle Menschen auf der Welt haben immer und überall die gleiche Situation in ihrem Leben, aber sind die einen deshalb auch gleich glücklicher und andere unglücklicher? Genau das bezweifle ich sehr stark.

Ist es deshalb nicht müssig, dem vermeintlichen Glück hinterherzujagen, auf das große Glück zu warten und dabei die geschenkten Glücksmomente zu verpassen?