Dienstag, 24. Dezember 2019


Die Krippe oder es war einmal...

Da stehen sie wieder in ihrem Stall aus Sperrholz, einfachen Latten und mit einem Dach aus Stroh. Die Krippenfiguren sind schon recht alt. Man sieht es ihnen auch an. Ihre Farbe ist verblasst, Maria fehlt die rechte Hand und die linke hat auch nicht mehr alle Finger. Über viele Generationen sind diese Figuren weitergegeben und gut bewahrt worden, genau wie das, was sie darstellen. Man wusste noch um ihre Bedeutung. Das aber ist inzwischen vielfach in unseren Tagen längst vergessen oder in die Märchenwelt verbannt worden. Ob diese alten Figuren wohl in den nächsten Generationen weiterhin liebevoll aufbewahrt und geschätzt werden? Oder heißt es dann nur: “Ach, die alten Figuren sind ja auch noch da. Was sollen wir damit anfangen? Oma hatte sie zum Jahresende immer für ein paar Wochen in ihrer dunklen Schrankwand stehen und diese war genauso auch altmodisch. Eben aus einer anderen Zeit.“

Ja, sie sind wirklich alt, der selbst gebastelte Stall und die sehr kitschig anmutenden Krippenfiguren aus Gips. Über Jahrhunderte hin sind so die unterschiedlichsten Krippen entstanden. Dabei waren der Phantasie der Künstler kaum Grenzen gesetzt. Oft flossen auch Elemente seiner eigenen Zeitepoche mit in die Darstellung ein. Nicht alles ist dabei wirklich „künstlerisch wertvoll“, wie heute gern naserümpfend geurteilt wird. Doch das war den Menschen zu ihrer Zeit auch gar nicht so wichtig. Weihnachtskrippen geben ihrem Gefühl Ausdruck und stellen vielleicht etwas naiv dar, was Worte nicht sagen können.  Um vieles älter als die ältesten Darstellungen, ist das  Geschehen selbst. Denn so oder ähnlich soll sich ja die Szene vor rund 2000 Jahren auf den Feldern von Bethlehem abgespielt haben. Es ist also eine sehr, sehr alte Geschichte. Manches hat sich darum gerankt. 

Wir leben heute in einer schnelllebigen Zeit. Ein Auto ist bereits nach 30 Jahren ein Oldtimer. Ein neues Smartphone ist schon beim Kauf überholt, denn die neue Serie steht schon bereit. Ehe die Technik der E-Autos voll ausgereift ist und sie die Straßen füllen, sind vielleicht schon ganz andere Technologien entwickelt, die um vieles effektiver sind. Ganz zu schweigen vom Zeitgeschmack, der sich hauptsächlich vom Äußeren leiten lässt und sich ständig ändert. Die äußeren Formen dominieren oft die wesentlichen Inhalte. Wer aber so auf das Äußere fixiert ist, der verkennt schnell die eigentlichen, inneren Werte. Genauso ist das auch mit der Krippe und der Geschichte, die sie erzählt. Ist ihre Botschaft endgültig in das Reich der Märchen verbannt? Mag sein, dass sich viele Menschen, besonders junge, von den alten Formen nicht mehr angesprochen fühlen. Trotzdem läuft in diesen Tagen ständig alte und neue Weihnachtsmusik über alle Sender und auf den Märkten. So dass die  Berieselung mit „Chrismas Time“ und anderen Liedern kaum noch zu ertragen ist.

Streichen wir aber einmal diese ganze Kommerzialisierung und den Rummel um Weihnachten  weg, dann bleibt doch auch heute noch bei vielen Menschen etwas von dem ursprünglichen Sinn des Festes. Selbst wenn das alles nicht mehr bekannt ist oder gar von anderen als Märchen bezeichnet wird, ist doch wohl etwas geblieben von dem Geheimnis des Weihnachtsfestes.  So mancher spürt auch, dass Weihnachten mehr sein muss als all die vielen Äußerlichkeiten, mehr als Plätzchen und Glühwein auf dem den Märkten. Da ist und bleibt eine Sehnsucht tief im Herzen der Menschen nach Licht in dunklen Zeiten, nach Wärme und Geborgenheit in der Nähe lieber Menschen, Freude am Schenken.  Und dann ist da noch etwas, was die Menschen im Inneren anrührt. Das ist das Geheimnis der Krippe selbst und seiner so alten Geschichte, die noch heute die Geschichte und das Leben der Menschen anrührt und bewegt. Vielleicht auch bei denen, die es nicht einmal wissen.

Denn da gibt es einen Traum, ja eine Verheißung von einer heilen Welt in der alle Menschen in Frieden leben können. Gerade in dunklen und unsicheren Zeiten tritt diese unausrottbare Sehnsucht der Menschen wieder zutage und so mancher fängt ganz klein an, dieser Sehnsucht ein wenig Gestalt zu verleihen. Die Botschaft der Krippe und ihrer verblassten Figuren, auch in Omas dunkler Schrankwand, gilt auch heute noch. Friede auf Erden den Menschen guten Willens. Überall wo Menschen in diesen Tagen etwas freundlicher und menschlicher miteinander umgehen, wird etwas davon wahr.  





Donnerstag, 14. November 2019


Die Welt steht Kopf

Neulich erhielt ich eine Whats App von einer guten Bekannten. Sie erinnerte sich darin an eine kleine Episode, die sie einmal mit ihrem alten Onkel erlebt hatte und beschrieb mir diese so: „Mein Onkel, der damals schon an Demenz erkrankt war, aber die Zeitung täglich lesen wollte und sie verkehrt rum hielt, beantwortete meine Frage, was denn drin steht: "nichts von Bedeutung, die Welt wird immer schlechter." Ich schmunzelte damals, aber er hatte Recht.“

Diese kleine Anekdote machte mich doch nachdenklich und ich konnte mir den alten Herrn in seinem Sessel sehr bildlich vorstellen. Mit einem leicht verwirrten Blick schaut er interessiert aber auch irgendwie angewidert in die Tageszeitung. Er versteht die Welt nicht mehr. Alles steht Kopf. Auch wenn er seine Zeitung umdreht, würde sich daran nicht viel ändern. Es ist ja schon lange nicht mehr seine Welt, von der in der Zeitung geschrieben wird. Sein Fazit: „Nichts von Bedeutung, die Welt wird immer schlechter“.

Man muss wohl nicht erst dement sein, um beim Blick in die Zeitung oder in andere Medien zu einem ähnlichen Ergebnis zu kommen. Da fliegen einem doch häufig die abstrusesten Schlagzeilen nur so um die Ohren. Unzählige Bilder rasen im Fernsehen in schneller Folge an den Augen der Betrachter vorbei. Was ist wahr, was ist falsch? Was ist oben, was ist unten? Keiner weiß es mehr und es ändert sich auch von einer Minute zur anderen. Da steht die Welt dann förmlich Kopf und einem selbst die Haare zu Berge.

Dass die Welt auf dem Kopf steht, lässt sich natürlich nur schwer beweisen. Wissen wir doch nicht einmal, wo oben und unten ist.  Dass die Welt immer schlechter wird, ist zwar leicht dahingesagt, aber woran wird das genau fest gemacht?  Wie die Menschen in der Welt, oder lieber eine Nummer kleiner, auf der Erde miteinander umgehen, das wirkt aber schon sehr befremdlich und oft sehr erschreckend und beängstigend. Der Eindruck, die Welt wird immer schlechter, verstärkt sich noch durch eine überproportionale, negative Berichterstattung und erzeugt Ängste und große Verunsicherung. Wenn allzu häufig nach dem Leitwort: „Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“ berichtet wird, muss sich keiner mehr wundern, wenn der Eindruck entsteht, die Welt wird immer schlechter. Diesen "Untergangsszenarien" ist nur schwer etwas entgegenzusetzen. 

Es ist doch heute so einfach, sogenannte alternative Fakten, sprich Lügen, zu verbreiten. Oft werden bei Diskussionen die Aussagen eines anderen Menschen bewusst falsch verstanden und ins Gegenteil verkehrt. Ein recht perfides Spiel. Entwicklungen in der heutigen Gesellschaft werden nicht mehr von allen im Land verstanden. Was einmal galt, gilt heute schon lange nicht mehr. Die Welt steht dann für so manchen buchstäblich Kopf. Immer mehr Verrücktheiten finden schnell ihre Anhänger und diese reiten auf jeder neuen Welle mit. Das gilt für belanglos bis hin zu dumm und gefährlich. Die Grenzen zwischen Vernunft und Unvernunft werden immer fließender.

Ist es zum Beispiel nicht verrückt, wenn Modebewusste viel Geld für kaputte Jeans ausgeben? Erwachsene mit einem Roller durch die Stadt fahren und mancher Haarschnitt schon an Körperverletzung grenzt? Wenn junge Menschen vehement gegen Trinkhalme und Einkaufstüten aus Plaste demonstrieren, aber steigende Rüstungsausgaben weltweit und lokale Kriegshandlungen als „Gottgewollt“ hingenommen werden? Einseitigkeiten und Verkürzungen, Polarisierungen und Schuldzuweisungen machen es nicht besser. Doch ohne Frieden und Gerechtigkeit lässt sich auch das „Klima“ nicht retten. 

Ist es deshalb nicht verrückt, wenn hochkarätige Politiker in der UNO von einer 16-Jährigen in einer, von wem auch immer, inszenierten „Wut-Rede“  abgekanzelt werden wie unmündige Kinder und diese danach noch applaudieren? Wird da nicht die Realität auf den Kopf gestellt? Eine verkehrte Welt, wenn Klima-Aktivisten Straßen und Plätze blockieren, um gegen den CO2-Ausstoß zu protestieren, es gleichzeitig aber durch ihre Aktionen zu enormen Staus in den Städten mit einer Erhöhung der Abgase kommt? Ach ja, "Fridays for Future", das klingt so total engagiert und zukunftsorientiert. Doch was machen die Demonstranten an den anderen Tagen der Woche, wenn keine Demo ist und was läuft bei der nächsten Party?

Wenn Meinungsfreiheit heute höchste Priorität hat, mit welchem Recht darf dann die  Redefreiheit Andersdenkender eingeschränkt oder niedergebrüllt werden? Ist es nicht total anmaßend und arrogant, wenn Komiker  und Journalisten besserwisserisch Politiker in Deutschland kritisieren und lächerlich machen, aber selbst sehr komfortabel  in diesem Land leben? Es ist äußerst bedenklich und sehr fragwürdig, wenn es nicht mehr um die Wahrheit, sonder nur noch um Mehrheiten und Schlagzeilen geht.

Ist es nicht an der Zeit, sich in Deutschland auf die Werte der Aufklärung zu besinnen und  der Vernunft ihren Raum zu geben, um so die Welt wieder vom Kopf auf die Füße zu stellen? Oder wie es der Liedermacher Hans-Eckardt Wenzel in seiner sogenannten Kamenzer Rede in der Geburtsstadt Lessings im September 2019 gesagt hat:

„Sollte man nicht vielleicht vor der Entwicklung der künstlichen Intelligenz sich um die Entwicklung der natürlichen bemühen?“

Sonntag, 6. Oktober 2019



                                  
Klimawandel“

„Nein, nicht schon wieder! Jetzt fängt der auch noch damit an.“ Ich kann förmlich spüren, wie sich meinen Lesern die Nackenhaare sträuben. Mir geht es ja ähnlich bei diesem Thema. Es erscheint so allgegenwärtig, als gäbe es nichts anderes mehr.  Mit etwas gesundem Menschenver-stand ist doch auch so den allermeisten selbst klar, dass es den Klimawandel gibt und im Laufe der Erdgeschichte immer gegeben hat. Ist aber der Mensch der eigentliche Verursacher? Diese Frage treibt die Diskussion an und manchmal auch kuriose Blüten. 


Als ich noch zur Schule ging, das war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, da lebten auf dieser Erde rund 3 Milliarden Menschen. Heute sind es etwa 7,6 Milliarden. Damit hat sich die Menschheit mehr als verdoppelt. Da ist es doch selbstverständlich, dass auch der Bedarf an Nahrung, Kleidung, Wohnungen, Mobilität und vieles andere sich mehr als verdoppelt hat. Das bleibt natürlich auch nicht ohne Folgen. Wie wir jedoch damit umgehen,  das ist eine ganz andere Frage.

Das soll hier aber nicht mein Thema sein, denn da gibt es kompetentere Klimaforscher und unendlich viele selbsternannte Fachleute, die alles im ständigen Pro und Kontra diskutieren und sich ihre persönlichen Meinungen in einem heftigen Schlagabtausch um die Ohren hauen. Gegner und Befürworter bleiben sich da nichts schuldig.

Und genau das meine ich mit „Klimawandel“. Deshalb habe ich das Wort wohlweislich in Anführungszeichen gesetzt, denn ich möchte meinen Blick auf das  verschlechterte zwischenmenschliche Klima  richten, wie wir es zunehmend erfahren und beklagen müssen. Ein regelrechtes „Reizklima“ bestimmt heutzutage weithin die Diskussionen. Das Miteinander der Menschen im privaten und im öffentlichen Raum ist äußerst spannungsgeladen, wie vor einem Unwetter.  Dieses aggressive Verhalten heutiger Zeit-genossen steigt dramatischer an als der Meeresspiegel, der oft von den gleichen Leuten so vehement beklagt wird. 

Das Thema Umweltverschmutzung steht hoch im Kurs, aber die immense „Inn-weltverschmutzung“ wird dabei weniger oder gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Wie sollen die anstehenden großen Aufgaben dieser Welt gelöst werden, wenn der Dialog austrocknet und versiegt und wenn am Ende nur noch  gegenseitige Schuldzuweisungen und Polarisierungen stehen?

Freie Meinungsäußerung wird inzwischen mehr und mehr vom gerade angesagten Mainstream bestimmt. Manche Themen und Ansichten dürfen da nicht mehr öffentlich benannt werden. Wer es trotzdem wagt, der wird in einem heftigen Shitstorm weggespült.  Das Ausblenden und Verschweigen gegenteiliger Meinungen hat mit Vernunft und Toleranz  nicht mehr viel zu tun. Da wird Toleranz nämlich zur bloßen Worthülse und gilt nur noch für Menschen mit der gleichen ideologischen „Denke“. Hass-Kommentare und Wut-Reden fluten das Netz der sogenannten sozialen Medien, die aber schon lange nicht mehr sozial zu nennen sind. Hasserfüllte Beleidigungen verletzen die Würde anderer Menschen. Die Akzeptanz von unterschiedlicher Meinungen schmilzt dramatisch dahin, wie das Eis der Polkappen und der Gletscher. Lügen und Halbwahrheiten dagegen überschwemmen das Land aus vielen Kanälen. Rüdes und flegelhaftes Verhalten wird als selbstverständlich hingenommen und salonfähig.

Anstand und Achtung vor anderen veröden zunehmend, die Sprache erodiert und zurück bleiben lebensfeindliche Wüsten. Die Sprache wird zu verletzenden Waffe. Es scheint nur noch diese Extreme zu geben, die über die Menschen hereinbrechen wie Sturzfluten oder Gluthitze auf diesem Planeten. Persönlicher und nationaler Egoismus führen zu enormen atmosphärischen Störungen und vergiften das Klima eines guten Miteinanders und gefährden so den globalen Frieden.

Die Überheblichkeit Einzelner und ganzer Gruppen,  besser zu sein als die anderen, vergiftet das Klima und führt zur Spaltung und bringt keinen wirklichen Fortschritt. Maximalforderungen verkehren sich leicht ins Gegenteil. Kein Mensch sollte deshalb mit dem Finger auf andere zeigen und schreien:“Ihr seid schuld!“ Jeder muss und kann in dieser Hinsicht nicht nur etwas, sondern sehr viel für ein gutes Klima tun.

Ja, diesen wirklich nachhaltigen „Klimawandel“ im Denken, Reden und im Handeln jedes Einzelnen braucht unsere Erde zu allererst.




Samstag, 20. April 2019


Die Erinnerung ist ein Fenster“

und der Dichter Reiner Maria Rilke fährt in seinem Gedicht fort, „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“ 
Das ist doch ein schöner Gedanke und auch sehr tröstlich. Dieses Wort hat sicher schon so manchem Unglücklichen, der einen lieben Menschen verloren hat, in seiner Situation Trost und neuen Lebensmut geschenkt. Und weil diese Worte von einem bekannten Dichter stammen, werden sie gern als Zitat auf Trauerkarten oder bei Beisetzungen verwendet. Da geht es ja gerade um Verlust und Leere, die durch den Tod eines anderen Menschen entstanden sind. Der Verstorbene ist nun den Augen der Hinterbliebenen entzogen. Aber mit ihren inneren Augen können sie gleichsam durch das "Fenster der Erinnerung" schauen und werden ihn dort sehen. Oder, wie es Rilke so schön gesagt hat: „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“

Erinnerung ist also etwas, was nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren eines jeden Einzelnen selbst. Der Mensch kann sich bewusst erinnern und durch das Fenster nach innen blicken. Was er dort sieht, ist demzufolge etwas sehr Subjektives, ganz Persönliches, was nur er sieht. Woran er sich im Rückblick aufrichtet oder was ihn betroffen macht. Nicht alle Erinnerungen sind auch gleich gute Erinnerungen.

Manch einer möchte sich deshalb lieber nicht erinnern, jedenfalls nicht an alles. Negatives wird deshalb oft in die letzte, dunkelste Ecke verbannt. Damit ist die naive Vorstellung verbunden, was ich nicht sehe, gibt es nicht. Irrtum. Denn irgendwann kommen diese Erinnerungen ganz von selbst an die Oberfläche. Das kann dann zu einer großen Belastung werden. Zudem kommen sie nicht nur, „wann immer ich will“. Der Blick in das eigene Innere lässt viele, schöne und tröstliche Bilder wach werden, die den Menschen zutiefst erfreuen und aufbauen. Diese möchte er am liebsten für immer festhalten. „Verweile doch, du bist so schön“, wie es in Goethes Faust heißt.

Erinnerung führt den Menschen zurück in sein Erlebtes und zeigt ihm Bilder aus der Vergangenheit. Dazu gehören Helles und Dunkles. Erst zusammen genommen ergibt sich ein Ganzes. Genau wie der Tag helle und dunkle Stunden kennt und die eine Münze eben zwei Seiten hat, so gehören die unterschiedlichen Bilder der Erinnerung auch zusammen. Leben kann nur ganzheitlich betrachtet werden und wird nur so, wenigsten etwas, verständlicher. Wer sich aber einseitig in seinen Erinnerungen verliert, und seien sie noch so schön und tröstlich, der verliert damit auch den Blick für das Leben im Hier und Heute. Das aber ist der Ort, an dem Leben sich ereignet.

Wenn Rilke in seinem Gedicht von einem Fenster spricht, dann sollte bedacht werden, auch Fenster haben zwei Seiten. Ein Außen und ein Innen. Man kann also durch ein Fenster in das Innere eines Hauses, eines Zimmers, blicken, aber genauso kann der Blick durch ein Fenster hinaus in die Landschaft, sprich das reale Leben gehen. Dieser Blick zeigt dann nicht nur das Vergangene, ob schön oder traurig, nein er zeigt das Gegenwärtige. Da gibt es immer lebendige Geschehnisse, Bewegungen und neue Herausforderungen zu erkennen. Jeder ist geradezu angesprochen, mitzuwirken, sich einzubringen. Keiner bleibt doch ein Unbeteiligter, ob er es will oder nicht.

Das, was der Mensch jetzt beim Blick aus dem Fenster nach draußen mit seinen Augen sieht, das fordert ihn zum Handeln heraus. Und keiner sollte sich täuschen, auch das Nichthandeln schafft oder begünstigt bestimmte Tatsachen. Genau an dieser Stelle kommen nun wieder seine ganz persönlichen Erinnerungen in den Blick. Aus früheren Fehlern und negativen Entscheidungen  kann jetzt der Mensch die richtigen Schlüsse ziehen und diese Fehler in der Gegenwart nach Möglichkeit unterlassen. Das Schöne und Gute aber, woran er sich gern erinnert, das wird ihm  sicher Motivation sein, es zu verstärken und auszuweiten.

Spätestens bei diesen Überlegungen tut sich nun bildlich gesprochen noch ein anderes Fenster auf, durch das der Mensch sehen kann, wann immer er will. Es ist das „Fenster der Hoffnung“. Der Blick durch dieses Fenster geht weit hinaus, sozusagen über den Horizont, der, wie Reiner Maria Rilke im gleichen Gedicht sagt, zwar die Grenze unseres Sehens ist, aber nicht die Grenze des Seins. Wer es schafft, aus diesem Fenster zu blicken, findet seinen Halt bei allen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Oder auch nicht?


Samstag, 6. April 2019



„Hannibal ante portas“ –  oder die Bagger kommen!

Plötzlich herrschte eine riesige Aufregung in dem, sonst so verschlafenen, kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Na ja, Dorf kann man diesen Ort eigentlich gar nicht nennen. Es ist nicht mehr und nicht weniger eine Ansammlung von Häusern entlang der Dorfstraße, die früher als Unterkünfte für die Landarbeiterfamilien dienten. Diese aber waren alle samt auf dem ehemaligen Gut in Grammow beschäftigt. Heute bilden sie den Ort Grammow. Der Ort mit seinen etwa 145 Einwohnern liegt eher abseits allen Geschehens. Die Zufahrt zu dieser Siedlung mündet auf der sogenannten Dorfstraße. Diese aber endet in beiden Richtung auf einem Feldweg und verliert sich zwischen den Ackerflächen. Damit ist der Ort vom störenden Durchgangsverkehr verschont und in dieser Hinsicht ungestört und ruhig. Kommt tatsächlich einmal ein Fremder in den Ort, so wird der gleich von den Bewohnern neugierig beäugt, doch meistens ist die Dorfstraße fast menschenleer. Wer pulsierendes Leben erwartet, ist hier falsch. Man bleibt halt gern für sich und lässt es ruhig angehen.

Diese Abgeschiedenheit könnte ja auch ganz idyllisch und schön sein, doch das kommt nicht von Ungefähr. Die Ursache dafür ist nämlich die Autobahn, genauer die A 20, die in unmittelbarer Nähe vorbeiführt und ihr Geräuschpegel seit ihrer Fertigstellung Tag und Nacht als ein permanentes Summen und Rauschen, je nach Windrichtung, mal lauter und mal leiser, zu hören ist. Das singt den einen vielleicht sanft in den Schlaf, anderen wiederum raubt es diesen.

Ach ja, die Windrichtung ist auch in anderer Hinsicht und für das Wohlbefinden im Ort sehr entscheidend. Kommt der Wind nämlich aus westlicher Richtung, dann weht er, wie soll man es vornehm ausdrücken, die schweren „Düfte“ einer intensiven Tierhaltung und der „Bioenergie Grammow GmbH & Co“ über den Ort und seine Bewohner. Dann gilt es auch bei schönstem Sommerwetter, die Fenster und Nasen zu schließen.

Sollten aber ausnahmsweise einmal diese Lärm- und Geruchsbelästigungen etwas geringer als üblich ausfallen, dann kann man garantiert darauf warten, dass schon bald die nächste Störung einsetzt. Sie kommt von den allgegenwärtigen Rasentraktoren und den knatternden Rasenmähern. Damit ist vom frühesten Frühling bis hinein in den später Herbst jederzeit und zu jeder Stunde zu rechnen. Ganz besonders störend ist das jedoch in der Mittagsruhe und am Wochenende. Gerade dann aber sitzen wohlbeleibte Männer stolz auf ihren kleinen, und lauten Traktoren. Sie mähen Stunde um Stunde den Rasen in ihren Grundstücken millimeterkurz. Da könnte sich garantiert jeder Golfplatz  dahinter verstecken.

Doch plötzlich war es in der letzten Woche mit dieser dörflichen Ruhe und dem Frieden schlagartig aus. Es war der 26. März 19 und dieser wird immer ein denkwürdiger Tag bleiben. Was war geschehen? Ach ja, „Hannibal ante portas“, wie der Lateiner sagt und damit an den karthagischen Heerführer Hannibal erinnert, der mit seinem Heer und den gefürchteten Kriegselefanten vor den Toren der Stadt Roms auftauchte, sodass die Römer in hellste Aufregung, ja in Panik, gerieten.

Auch in Grammow herrschte schlagartig eine ähnliche, panikartige Aufregung. Es tauchten nämlich riesige gelbe Ungetüme im Ort auf. Das waren zwar keine trompetenden Kriegselefanten, sondern die Bagger einer Abrissfirma. Und dann geschah es auch schon. Damit hätte  wohl keiner der friedlichen Einwohner ernsthaft gerechnet. Der erste Bagger fuhr vor das alte Gutshaus in der Mitte des Ortes und stieß ein riesiges Loch mit seiner eisernen Baggerschaufel in dessen Rückwand.

„Welch ein Schande, welch eine Frechheit“, empörte sich ein Teil der überraschten Einwohner.  Sollten hier etwa gegen ihren Willen Tatsachen geschaffen werden? Das galt es zu verhindern. Nach diesem zerstörerischem Eingriff in die Bausubstanz des Gutshauses, das war ihnen klar, wäre das Haus nicht mehr zu retten. Alle ihre romantischen Vorstellungen vom seinem Erhalt waren damit zunichte gemacht. Die Empörung der Verfechter für die Erhaltung des Hauses, aber auch  ihre Ratlosigkeit wuchsen.  "Haus oder nicht Haus", war nun die Frage.

Das leerstehende und ziemlich heruntergekommene Gutshaus ist schon seit vielen Jahren, ach, inzwischen fast seit zwei Jahrzehnten, der Stein des Anstoßes in diesem kleinen mecklenburgischen Ort. Für die einen ein Schandfleck, der weg gehört, für andere aber das „Herz“ und die „Zierde“ des ganzen Ortes, das es um jeden Preis zu erhalten galt. Darum musste der „bösartige und heimtückische Angriff“ auf das ehemalige Gutshaus unweigerlich die Gemüter der, eher stillen und meistens behäbigen, Einwohner erhitzen. Was zu viel ist, ist zu viel. Das bringt auch den friedlichsten Mecklenburger aus der Fassung. Der Schlagabtausch mit gegenseitigen Vorwürfen und Beschuldigungen war neu entfacht.

Von einem Augenblick zum anderen überschlugen sich die Ereignisse. Eine dringende Krisensitzung des Vereins zur Erhaltung des Gutshauses wurde eilig einberufen, Einwohner eingeladen und mobilisiert, die Presse informiert, Proteste angekündigt, Transparente und Plakate gemalt  und an den Zäunen aufgehängt. So zierten am nächsten Morgen, man traute seinen eigenen Augen kaum, die Dorfstraße eine ganze Reihe dieser Zeugnisse der Entrüstung und des Widerstandes. Da stand, mit zitternden Händen und voller Zorn und Verzweiflung geschrieben, mehr oder weniger sinnreich, aber aus ganzem Herzen kommend und der Verzweiflung freien Lauf lassend:
„Wir müssen zusehen wie eine Stück Geschichte zusammengeschoben wird“ oder „Wir haben alles gegeben“. Selbst das letzte Bettlaken, wie manch schelmisch meinte. Es fehlte eben nur noch, dass die Klima- und Umweltaktivistin Greta persönlich am Ort des Frevels, an der nun tief klaffenden Wunde am Gutshaus, sich dem vehementen Protest der Verteidiger anschließen würde. "Das Gutshaus darf nicht sterben!" Es lag eine emotionale Spannung in der Luft, dass war buchstäblich fast körperlich zu spürbar. 

Jetzt endlich müsste doch der geneigte Leser fragen: „Um was geht es hier eigentlich? Was ist das für eine absurde Geschichte?" Stimmt, das ist wirklich eine längere und sehr verworrene Geschichte. Und wie schon gesagt, der Ort Grammow liegt etwas abseits. Da geht eben manches anders und ein bisschen langsamer.  Doch kurz gesagt, es geht schon allzu lange um das alte Gutshaus von Grammow. Es muss einst wirklich ein Schmuckstück in der, durch Viehzucht und Ackerbau geprägten Mecklenburger Landschaft  gewesen sein. Umgeben von einem gepflegten Park und einem schönem Teich. Die Zierde der kleinen Ortschaft und der Mittelpunkt des dörflichen Lebens. 

Diese Zeit ist jedoch seit 1945 längst zu Ende. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Gutsherr und seine Familie vertrieben. Im neuen Deutschland brauchte man keine "Herren" und keine "Herrenhäuser" mehr. Darum wurde in den Zeiten des Sozialismus darin ein Kindergarten eingerichtet. Es gab auch einen großen Saal für die Werktätigen zum Feiern und sogar eine Kneipe. Alles volkseigen. Den Park teilten sich die Bewohner als Gärten auf. Der Teich im Park diente nun ihren schnatternden Enten als ihr Refugium. Alles war ja Volkseigentum und jeder bediente sich, wo er nur konnte. Das wollte man auch nicht wieder aufgeben.

Nach dem "Aus" der DDR 1989/90 und der volkseigenen Wirtschaft, ging es dann noch rasanter mit dem Haus bergab. Es hatte seine gesellschaftliche Funktion rasch verloren. Trotz dieses desolaten baulichem Zustandes, übernahmen nach der Wende entfernte Verwandte der ehemaligen Gutsherrenfamilie das Gutshaus und zogen ein. Die junge Familie hatte allen Mut der Welt und viel Optimismus mitgebracht. Sie wollten das alte Haus wieder mit Leben erfüllen. Das war aber nicht so einfach. Sie waren Fremde und noch dazu aus dem Westen. Das gefiel nicht allen Alteingesessenen im Ort. Manche Unternehmungen ihrerseits wurden sogleich blockiert oder ganz verhindert.

Fazit, das Haus stand alsbald wieder leer. Der Sturheit so mancher Bewohner des Ortes war die Familie einfach nicht gewachsen. Und wieder folgte  Leerstand und damit zunehmender Verfall. So kam, was kommen musste. Wind und Wetter taten über die Jahre das Ihre dazu. Ein Brand im Haus vernichtete einen Teil des Dachstuhls. Seit Jahren schließt nun eine hässliche Plane provisorisch das Loch im Dach. Das Haus ist in diesem erbärmlichen Zustand schon seit Jahren keine Zierde und längst kein Schmuckstück mehr, eher ein Schandfleck für den Ort und seine Bewohner. Zudem ein permanenter Zankapfel.

Alle gut gemeinten und doch häufig wenig zielführenden Versuche zur Rettung und Erhaltung des Gutshauses scheiterten oder schliefen bald wieder ein. Investoren kamen und gingen. Realistische Konzepte fehlten. Befürworter und Gegner blockierten sich gegenseitig. Schon lange ging es tatsächlich nicht mehr um das Haus, sondern nur darum, wer sich letztendlich durchsetzt. Für die Gemeindevertreter wurde das Haus zu einer ständig drückenderen Last. Darum musste endlich gehandelt werden. Das war schließlich ihr Auftrag. So wurde als letzte Konsequenz der Abriss des Hauses beschlossen.


Das brachte natürlich die Gegner des Abrisses wieder auf den Plan und sie zogen von Haus zu Haus, um Unterschriften zu sammeln. Dabei  trugen sie eine ganze Reihe davon  zusammen. Es schien ja auch nicht allzu schwierig zu sein, gegen den Abriss und für den Erhalt zu votieren, denn das kostete keinem Unterzeichner persönlich irgendetwas. Die Fronten waren jedenfalls klar und jede Seite fühlte sich im Recht oder wenigsten moralisch legitimiert. Fakten wurden mehr und mehr zur Nebensache. Der Worte waren eh genug gewechselt, nun sollten Taten folgen.

Dann  war es am besagten Tag soweit. Die Bagger rückten an. Der Abriss begann. Alle Genehmigungen lagen dazu vor, die Fördermittel standen bereit. Der Widerspruch gegen den Abriss wurde abgewiesen. Der "Schandfleck" sollte endlich verschwinden und an seiner Stelle ein schön gestaltetet Dorfplatz für alle Bewohner entstehen. 

Mit seiner mächtigen Schaufel zerstörte der Bagger dabei aber nicht nur die Rückwand des Hauses, sonder auch ein für allemal die sozial romantischen Träume einer Initiativgruppe zur Rettung und Erhaltung des einstigen Gutshauses. Doch welch ein Wunder, im Dachstuhl des Hauses wurden partout in letzter Sekunde Fledermäuse entdeckt, die sich dort häuslich eingerichtet hatten. 

Also Kommando zurück, Baustopp. Aus - die Fledermaus! Und täglich grüßt die Fledermaus!










Sonntag, 16. Dezember 2018


Der Engel mit dem Cello


Der kleine Engel mit dem Cello hat in dieser Adventszeit seinen Platz auf meinem Schreibtisch gefunden. Ja, er ist mir buchstäblich zugeflogen. Oder besser, ich hab ihn, nach einem Besuch bei Freunden in der letzten Woche, von diesen lieben Menschen geschenkt bekommen. Nun steht er vor mir und ich muss ihn immer wieder anschauen.

Er ist so klein und zerbrechlich. Schon auf dem Weg zu mir nach Hause, ist bei ihm ein kleiner Flügel abgeknickt. Doch schnell ein Tropfen Alleskleber und alles war wieder heil.  
Da kommt mir so ein Gedanke, wäre es nicht toll,  wenn es solchen Alleskleber auch für all die Brüche und Verletzungen bei den Menschen gäbe? Eins, zwei, drei wäre alles wieder heil und in Ordnung. Wie Vieles geht doch täglich im menschlichen Miteinander in die Brüche. Das Allerwenigste davon lässt sich aber so einfach wieder kleben, kitten oder gar heilen. Viele Brüche und Verletzungen belasten manche Menschen ein Leben lang.

Daran muss ich denken, wenn ich auf den kleinen Engel vor mir schaue. Und mir wird dabei bewusst, dass es immer die Kleinen und Schwachen sind, die am meisten verletzt werden. Es sind gerade die, die sich am wenigsten wehren können, oder die es nicht tun, weil sie nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollen. Es sind ausgerechnet diejenigen, die mit Anstand durchs Leben gehen. Das macht sie in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu Außenseitern, zu Verlierern. Sie sind verletzlich und schwach. Darum passen sie wohl genau so wenig in diese raue und laute Welt, wie der kleine, zerbrechliche Engel. Und doch gibt es sie. Sie machen den Alltag in ihrem Umfeld etwas friedlicher und heller. Es würde sehr viel in der Gesellschaft fehlen, wenn es sie nicht gäbe. Dabei nehmen sie sich selbst gar nicht so wichtig. Dafür bin ich dankbar.

Und wieder fällt mein Blick auf meinen kleinen Engel mit seinem Cello. Er macht mich aufmerksam, das Kleine und Unscheinbare im Leben nicht zu unterschätzen, sondern zu achten. Auch die leisen Töne gehören dazu. Die kann aber nur der hören, der selbst still wird und lauscht. Es ist jedoch nicht allein das laute Getöse unserer Tage auf den Straßen und Plätzen, sondern es ist der beständige Drang in uns, immer und überall zu reden, zu diskutieren und zu lamentieren. Das lässt uns nicht mehr zur Ruhe kommen. Dieses Karussell der Belanglosigkeiten und Nichtigkeiten dreht sich unaufhörlich und  immer rasanter und führt letztlich zu der permanenten Aufgeregtheit in unserer Gesellschaft, die so häufig beklagt wird. 

Ist es nicht gerade die Adventszeit, die die viel beschworene Stille und Besinnung bringen soll? Doch wie soll das gehen? Sind wir es doch, die zwar ständig über den ganzen Weihnachtsrummel schimpfen, ihn aber selbst mit verursachen? Vielleicht liegt es ja daran, dass wir es gar nicht erst versuchen, einfach mal still zu werden? Es ist doch so viel einfacher, die Gründe für unser Unvermögen und unsere Unlust gleich bei anderen zu suchen. Was wir am meisten vermissen, Ruhe und inneren Frieden, verhindern wir auf diese Weise selbst durch unsere ständige Hektik und Aufgeregtheit.

Der kleine Engel spielt so zart und leise auf seinem Cello, dass wir es kaum oder gar nicht mehr hören. Aber er gibt nicht auf. Dieser lange Atem, diese Ausdauer und die Geduld, fehlen heute viel zu vielen Menschen. Sie jagen der Verheißung nach schnellem Wohlstand und äußerem Glück hinterher und merken dabei nicht mehr, dass sie selbst die Gejagten sind.

Der kleine Engel mit dem Cello auf meinem Schreibtisch hilft mir in dieser Adventszeit, daran zu denken, still zu werden und achtsamer mit mir selbst und mit anderen Menschen umzugehen. Nur so wird es möglich, seine Melodie der Freude und des Friedens aufzunehmen und sie weiterzutragen.




Freitag, 30. November 2018



Abschiedsbrief eines 
Säuglings

Liebe Mama,

Du hast mir das Leben geschenkt. So kam ich in Eure Familie. Natürlich wusstet ihr schon viel früher von meiner Ankunft. Erst war es jedoch eine große Überraschung für euch alle, dann aber wuchsen die Vorfreude und ich auch. Und endlich war ich da. Mit einem Schrei begrüßte ich Euch und die Welt. Ich war aber noch ganz klein, hilflos und zerbrechlich. Behutsam hast Du mich an die Brust gedrückt, hast mich gefüttert und liebevoll umsorgt. Mir fehlte es an nichts. Deine Liebe umgab mich wie eine wärmende Decke. Meinen Schlaf hast du gut bewacht und dich gefreut, wenn ich dann wieder aufwachte und meine Augen öffnete. Dann strahlte dein Gesicht und Du warst so glücklich. Mit der Zeit nahm ich zu und wurde allmählich neugierig, wo ich denn war. Meine kleinen Hände haben angefangen zu greifen und zu tasten. Eure Gesichter lernte ich ganz langsam zu unterscheiden. Wenn ein bekanntes und freundliches Gesicht über meinem Bettchen erschien, belohnte ich es mit einem Lächeln. Dann habt auch ihr euch immer sehr gefreut. Das tat mir gut. Wenn ich weinte, dann warst Du, Mama, gleich zur Stelle und hast mich auf den Arm genommen und getröstet.  Dann wurde ich ganz schnell ruhig und konnte friedlich wieder einschlafen. Ich hab mich in unserer Familie sehr wohlgefühlt. Mama, Papa, Oma und Opa und meine großen Geschwister waren alle für mich da und sorgten für mich. Ihr alle wart meine Familie.

Meine Geschwister nahmen mich gern und oft auf den Arm und haben mit mir rumgealbert. Das hat mir gefallen. Ja, ich hab schon gern geschäkert und geplappert. Gern wäre ich länger bei euch geblieben. Es wäre bestimmt eine ganz tolle Zeit mit euch geworden. Gemeinsam hätten wir noch so viel Schönes erleben können. Der Sonnenschein und der Regen, die Blumen und Blüten, die Vögel und die bunten Schmetterlinge hätte ich noch so gern erlebt. Das alles wären für mich große Abenteuer. Auch das Spielen und Lernen hätte mir sicher viel Spaß gemacht. Ihr hattet bestimmt schon viele schöne Ideen, was wir alles zusammen machen könnten, wenn ich erst größer bin. 

Nun ist es aber so ganz anders gekommen. Plötzlich über Nacht war mein noch so junges Leben einfach vorbei. Ich bin an dem Abend ganz friedlich eingeschlafen. Am Morgen aber  nicht wieder aus dem Schlaf erwacht. Ihr habt nur noch meinen kleinen toten Körper in meinem Bettchen gefunden. Das war ein riesiger Schreck und ein furchtbarer Schmerz für dich, Mama und Papa und auch für euch meine Geschwister. Das war und ist alles noch so unfassbar für Euch und für alle. Da blieb wohl für einen Augenblick die Erde stehen.

Doch lasst euch heute von mir sagen, dass es mir gut geht. Ich hatte keine Schmerzen, als ich fort musste. Ich hab es nicht einmal gemerkt. Was mit mir passiert ist, kann ich gar nicht genau sagen. Auch wo ich jetzt bin, ist mir nicht wirklich klar. Es ist alles so hell und friedlich hier. Mir ist, als ob ich schwebe. Darum seid bitte nicht so traurig! Mir geht es jetzt wirklich gut. Nur dass ihr nicht da seid, das ist nicht schön. Aber ich denke an Euch. Besonders an Dich, Mama, du hast alles für mich getan. Ich war ja ein Teil von Dir. Auch jetzt bleiben wir für immer miteinander verbunden. Ich hab dich und euch alle lieb.

Manche werden euch vielleicht sagen, um euch zu trösten, ich sei jetzt ein Engel im Himmel. Aber ich war doch schon immer Euer kleiner Engel, als ich noch bei euch war. Eurer Sonnenschein und euer kleiner Prinz, wie ihr mich oft genannt habt. Andere meinen deshalb, dass mein fröhliches Lachen am Sternenhimmel zu hören sei, wenn ihr ganz still seid. Das klingt sehr schön. Deshalb schaut am Abend auf zu den Sternen auf und denkt an mich, dann könnt ihr das Flimmern der Sterne sehen und seid mir über die unendliche Weite auf eine ganz eigene Weise verbunden  Aber nur weil der Himmel so dunkel ist, könnt ihr das Leuchten der Sterne sehen. Hell und Dunkel gehören zum Leben der Menschen.  Nur auf dem dunklen Hintergrund seht ihr die Sterne leuchten. Das ist und bleibt ein großes Geheimnis. 

Vielleicht spürt ihr in diesen Augenblicken, dass ich in einer ganz neuen und völlig anderen Weise bei Euch bin. Ich denke gern an euch und ich danke Euch für die sechs Monate, die ich bei Euch in der Familie sein durfte. Es war eine tolle Zeit. Ich wünschte, sie wäre nicht so schnell vergangen und ich könnte noch bei Euch sein. Seid deshalb nicht allzu traurig. Haltet alle gut zusammen, ihr seid doch eine Familie. Da ist einer für den anderen da, wenn er gebracht wird. Bitte denkt an mich und freut Euch, dass ich für eine gewisse Zeit bei Euch sein durfte. Auch wenn ich nicht mehr bei Euch bin, in euren Herzen bleibe ich für immer. 

Es grüßt euch alle ganz, ganz lieb

Euer Baby Tyler

(Dieser Text entstand anlässlich einer Trauerfeier im Monat November 2018 für den sechs Monate alten Säugling Tyler.)