Freitag, 6. Januar 2017


Weihnachten – war da nicht noch was?

Wenn die letzten Geschenke ausgepackt sind, der Gänsebraten und die Klöße schwer im Magen liegen und der Ruf nach einem Magenbitter laut wird, dann ist Weihnachten.  Da müssen auch noch ganze Berge von Plätzchen und anderen Süßigkeiten vertilgt werden, komme was da kommen mag. Selbstverständlich steht auch schon die leckere Apfelsinentorte  auf der Kaffeetafel bereit. Ohne sie und ohne die legendäre Zitronencreme als Dessert, wäre ja Weihnacht sowieso kein richtiges Weihnachten. Oder?

Und ist es nicht schön, einmal Zeit zu haben? Na ja, Zeit, die sich schon einmal etwas zähe und träge zwischen den Mahlzeiten an diesen freien Tagen hinzieht. Aber Hauptsache, die Familie sitzt zusammen und Oma erzählt von früher. Für die Enkel eher eine ferne Zeit und eine ziemlich fremde Welt, die da auftaucht. Eben Omas Welt. Auch wenn sich manches bei den Erzählungen wiederholt, so gehören sie doch zum Fest, wie „Sissi“, „Der kleine Lord“ oder „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“. Eben die Klassiker.

Und wieder mal typisch, auch das Wetter ist gar nicht weihnachtlich. Was das auch immer heißen mag? Jedenfalls ist es nicht so, wie man es sich in unseren Breiten wünscht. Kein Schnee, keine klare winterliche Luft, dafür stürmt es  und ist nasskalt. Da zieht es keinen so richtig nach draußen. Obwohl gerade ein paar Schritte in freier Natur dem Bauch recht gut täten und der Kopf durchlüftet und wieder frei für neue Gedanken würde.

Doch der Weihnachtsmarathon geht unerbittlich weiter. Koste es, was es wolle. Apropos, der Blick ins Portmonee ist jetzt besser kein Thema. Schließlich ist nur einmal Weihnachten im Jahr. Wein, Sekt und Glühwein stehen bereit und dürfen auf keinen Fall fehlen. Dazu noch allerlei süße Plätzchen und Nüsse, die so ganz nebenbei verzehrt werden und den Blutzuckerwert auf ein Weihnachtshoch schnellen lassen. Macht ja nichts, der sinkt schon wieder, genau wie die Stimmung. Die kann nämlich ganz schnell mal kippen bei  allzu großen Erwartungen nach Harmonie und Nähe und das auf engstem Raum.

Nun mal ehrlich, nach drei solchen Tagen, ist das auch verständlich. Wie schon Goethe sagte: „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen“. Da sehnt sich doch fast jeder nach etwas Weniger von allem und das ist bekanntlich oft mehr und natürlich viel gesünder für den armen Magen. 

Nun liegen die Weihnachtstage schon wieder hinter den gestressten Menschen und in der Zeit zwischen den Jahren hat so mancher wohl gedacht: „Gott sei Dank, das haben wir mal wieder geschafft!“ Das neue Jahr hat begonnen. Aber vorbei ist Weihnachten nicht wirklich, denn die Zeit nach Weihnachten ist schon wieder die Zeit vor Weihnachten. Und für viele Zeitgenossen, die noch nicht genug haben von Glühwein, Plätzchen und Bratwurst, bleiben ja die Weihnachtsmärkte noch geöffnet, auch wenn sie jetzt „Wintermarkt“ heißen. Der Duft von Glühwein und Bratfett ist aber doch der gleiche.

Ja, Weihnachten – war da nicht noch was? Etwas ganz anderes? Was war das nur? Über die Jahre und Jahrzehnte hinweg ist der Sinn von Weihnachten bei einer großen Mehrheit der Menschen allmählich geschwunden oder hat zumindest seine ursprüngliche Bedeutung weithin verloren. An seine Stelle ist vielfach eine Veräußerlichung des Weihnachtsfestes und vor allem die Kommerzialisierung getreten. Doch das Weihnachtsgeschäft möchte der Handel auf keinen Fall missen.

Ein Fest, ein wirkliches Fest sollte es doch sein. Ein Fest der Freude und des Friedens in Ruhe und ohne Stress.  Die Alten wissen es noch und manche Junge ahnen es vielleicht, dass die Menschen vor zweitausend Jahren beschenkt worden sind. Man erzählt sich, dass die wahre Lieb zur Welt gekommen sei. Sie hat Hand und Fuß bekommen. Sie ist wie ein Licht in der Dunkelheit.  Sie gibt den Menschen Hoffnung und Kraft. Die Geburt Christi ist also der wahre Grund des Christfestes, wie es mancherorts noch heißt. Wer dieser seiner Liebe begegnet und sich von ihr leiten lässt,  der wird vom Beschenkten selbst zum Schenkenden. 

Dann ist Weihnachten. Die Geschenke müssen dann keine teuren, aufwändig in Hochglanzpapier verpackten, Geschenke sein, die oft nur die  anderen beeindrucken sollen. Es werden Geschenke sein, die von Herzen kommen, die dem anderen zeigen, du bist mir wichtig. Diese Geschenke liegen nicht zuhauf unter dem Weihnachtsbaum, aber sie erfüllen jeden Raum. Sie sind nämlich genau das, was jeder einzelne Menschen zum Leben braucht: Anerkennung, Aufmerksamkeit, Barmherzigkeit, Begegnung und Mitgefühl, Annahme und Empathie, Ehrlichkeit, gute Worte, die keine ungedeckten Schecks sind, Zuwendung ohne jede Berechnung und Heuchelei, Zeit ohne heimlichen Blick auf die Uhr, Gedanken des Wohlwollens, es werden erlebnisreiche Augenblicke sein und stille Momente in Harmonie und innerem Frieden. Das wird ein Fest sein!

Deshalb sind auch der Phantasie keine Grenzen gesetzt und ehrlich, dann müssen wir nicht erst auf Weihnachten warten. Schenken und beschenkt werden, öffnen die Hände und die Herzen der Menschen. Ja, da war doch noch was! Und da geht noch mehr!

 

Sonntag, 4. Dezember 2016


„Dann bin ich ganz glücklich…“

Freitagabend. Kurz noch in den Back-Shop. Schnell ein leckeres Cranberry-Walnuss-Brot erstanden und ein paar Brötchen. Beim Einpacken höre ich hinter mir die Bestellung einer älteren Dame: „Kann ich bitte auch ein halbes Cranberry-Walnuss-Brot bekommen?“ „Selbstverständlich, gern“, antwortet der Verkäufer freundlich. „Wenn Sie mir dann noch drei Scheiben davon abschneiden könnten, dann bin ich ganz glücklich“ meinte die Kundin noch.  Als ich mich nach ihr umschaute, sah ich in ihr glücklich lächelndes Gesicht. Das tat richtig gut.

Wie wenig doch zum glücklich sein genügt? Daran musste ich dann beim Abendessen wieder denken. Ein knackiger Salat und dazu eine Scheibe von dem köstlichen Cranberry-Walnuss-Brot mit Butter. Ein wahrer Genuss. „Es muss nicht immer Kaviar sein“, wie schon Mario Simmel vor vielen Jahren einen seiner Romane betitelte. Damit hatte er doch wirklich recht. 

Wie kommt es bloß, dass gerade in diesen Tagen und Wochen der Vorweihnachtszeit die Menschen meinen, sie müssten immer größere und teurere Geschenke zum Weihnachtsfest kaufen? Dabei werden doch nur die Geldbörsen und Bankkonten über alle Maße strapaziert. „Ach, es ist doch nur einmal Weihnachten im Jahr“, heißt es dann ganz schnell. Damit beruhigt sich jeder wieder selbst. Je höher der Einsatz, je größer der Gewinn.

In diesen Wochen kramt so mancher in seiner Erinnerung nach oder er hat es sich sogar notiert, was er im letzten Jahr den anderen geschenkt hat und besonders, was er im Gegenzug bekommen hat. Es darf ja auf keinen Fall jemand vergessen werden oder nur ein unscheinbares Präsent bekommen. Ein gutes und spannendes Buch, das einem selbst gefallen hat und das dem anderen sicher auch Freude machen würde, reicht da schon längst nicht mehr aus. Neueste Elektronik, teure Designerklamotten, exquisite Delikatessen, alles vom Feinsten, die Messlatte wird von Jahr zu Jahr höher gelegt. Man will sich ja nicht lumpen lassen und vor allem keinem etwas schuldig bleiben. Das große Geschenke-Spiel: "Das schenk ich Dir - was schenkst Du mir?" läuft wieder auf Hochtouren. "Alle Jahre wieder...."

Ob sich dann am Weihnachtsfest tatsächlich jeder über all die sündhaft teuren Geschenke auf dem Gabentisch freuen wird, das bleibt letztendlich abzuwarten. Können denn diese Geschenke, hinter denen solche und ähnliche Überlegungen stehen, die anderen wirklich glücklicher machen? Potenziert sich etwa das Glück automatisch mit dem Preis oder der Menge und Größe der Geschenke? Diesem Trugschluss erliegen immer noch viele Menschen und meinen ernsthaft, wenn sie dieses oder jenes endlich hätten oder bekämen, dann wären sie glücklich.

Genau das stimmt aber eben nicht, denn Glück hat nichts mit Besitz zu tun. Jemand hat einmal gesagt: „Reich ist der Mensch, der arm an Wünschen ist.“ Wer also wunschlos ist, ist glücklich. Wer es schafft, sich dem ständigen Streben nach immer mehr und größeren materiellen Dingen bewusst zu entziehen, der wird nicht unglücklich, sondern der wird die kleinen Dinge im Leben als wahre Geschenke schätzen und sich freier und glücklicher fühlen. Sein Sinnen und Trachten ist nicht mehr so sehr vom ständigen "Habenwollen" bestimmt. Das ist genau so, als ob eine Last von seinen Schultern genommen würde. Warum sollten wir einander nicht diese Freiheit schenken?

Die Kundin im Back-Shop sah nicht gerade danach aus, als ob sie alle materiellen Reichtümer dieser Welt besitzen würde. Doch sie strahlte eine Ruhe und Zufriedenheit aus, und genau das, war ihr Reichtum. Nun brauchte sie nur noch ein halbes Brot und dann war sie wirklich glücklich.







 

Mittwoch, 19. Oktober 2016


Das Klassentreffen


„Wie doch die Zeit vergangen ist“, das ist wohl der häufigste Satz, der bei einem Klassentreffen zu hören ist. Beim Blick auf das Foto von der Einschulung hat mancher schon Schwierigkeiten, sich selbst noch zu erkennen. Um wie viel mehr, wenn man einstige Mitschüler nach der Schulentlassung zum ersten Mal nach 50 Jahren wieder sieht.
Da steht dann eine Gruppe völlig fremder Menschen auf dem Hof der ehemaligen Schule. Bin ich hier wirklich richtig? Natürlich, das Klassentreffen soll doch heute hier stattfinden. Verunsichert gehe ich auf die Gruppe älterer Leute zu. Nur nichts anmerken lassen, ist jetzt die Devise. Und es klappt. Andere sind scheinbar nicht so verunsichert wie ich und kommen gleich auf mich zu. Habe ich mich etwa nicht so sehr veränder? Jedenfalls fliegt mir gleich eine ehemalige Schülerin um den Hals und begrüßt mich herzlich. „Ach wie schön, sich nach so langer Zeit mal wiederzusehen“, stammele ich noch etwas benommen. Wer das eigentlich war, weiß ich immer noch nicht.

Alles klärt sich später sicher noch auf. Dazu sind ja solche Klassentreffen da. Wen ich aber zuerst erkenne, ist ein alter Lehrer. Na gut, alt war er für uns Schüler damals schon. Jetzt ist er 80 Jahre und wir sind auch alle weit in den Sechzigern. Wie doch die Zeit vergeht! Und so manches ist auch an uns vergangen. Bei den männlichen Mitschülern sind die Haare erheblich weniger geworden und die Stirn geht nun fast bis zum Nacken. Die Gesichter sind markanter geworden. Gezeichnet von Lachfalten oder von den Sorgen der letzten Jahre. Alles gestandene Frauen und Männer.

An keinem ist das Leben spurlos vorüber gegangen. Davon ist dann auch in den nächsten Stunden des Klassentreffens viel die Rede. Nach einer gewissen Zeit kann sogar ich die einzelnen Mitschüler wieder so einigermaßen den alten Namen zuordnen. Und ich staune immer wieder neu, was sie von mir und der Schulzeit noch  alles zu berichten wissen. Vieles davon halte ich einfach für eine ganz normale Legendenbildung nach so langer Zeit. Bei diesem Austausch von alten Schulgeschichten verging auch an diesem Tag die Zeit wieder wie im Flug.

Klassentreffen geben einem die Gelegenheit, Einblicke in das Leben der ehemaligen Mitschüler zu bekommen, mit denen man in seiner Kindheit über Jahre die „Schulbank gedrückt“ hat. Hier verknüpft sich die Frage nach der vergangenen Zeit, mit der Frage, was hat jeder damit gemacht oder was hat sie mit ihm gemacht? Die äußerlichen Veränderungen der einzelnen im Vergleich zu den alten Klassenbildern sind doch unverkennbar. Aber es ist noch so unendlich viel mehr geschehen. Aus den fröhlichen Kindern sind reife Erwachsene geworden, die schon wieder Kinder und Enkelkinder haben. Manche Ehe ist gescheitert. Der nächste musste den Verlust eines Partners verkraften oder gar den tragischen Tod eines Kindes. Andere sind selbst durch Krankheiten schwer gezeichnet und konnten nicht dabei sein. Und eine ganze Reihe der ehemaligen Mitschüler ist schon im Laufe der vergangenen Jahre verstorben. Auch um sie ging es in den Gesprächen an diesem Tag immer wieder.

So ein Klassentreffen ist ein regelrechtes Fest der Erinnerung. Aber auch ein Anlass zur Selbstreflexion. Keiner von den ABC-Schützen, die auf dem Bild von der Einschulung so erwartungsvoll in die Kamera schauten, konnte wissen, wo sie oder er nach 60 Jahren stehen werden. Alle haben sich auf den Weg in die Zukunft begeben. Jeder ist dabei seinen eigenen Weg gegangen, mit allen Höhen und Tiefen. Keiner hatte dabei einen „goldenen Weg“ und stets einen heiteren Himmel über sich. Darum ist alles Schielen auf die vermeintlichen Erfolge und Stärken der anderen einfach nur müssig. Die Wirklichkeit ist immer eine andere. Und alles hat seine Zeit und auch seinen Preis.

Klassentreffen lassen uns das Leben der anderen und das eigene Leben wieder realistischer sehen. Die Erinnerung wird mit der Realität konfrontiert. Das macht etwas traurig, aber zugleich auch wieder froh. Mit diesen und anderen Gedanken im Kopf und einem guten Gefühl im Bauch fahre ich ganz zufrieden zurück nach Hause.


Donnerstag, 6. Oktober 2016


Der Rote Turm, der  gar  nicht  rot ist

In Halle an der Saale steht auf dem Marktplatz ein markanter Turm. Es ist der „Rote Turm“. Viele Male bin ich schon daran vorbei gegangen, habe auf die Turmuhr geschaut, die sich dort oben befindet, und habe mir  nichts  weiter gedacht. Doch als ich im letzten Sommer einigen Besuchern die Stadt zeigen wollte, stolperte ich förmlich über diesen Turm. Genauer gesagt über dessen Namen: „Roter Turm“. Da fiel mir eigentlich erst auf, dass  der Turm doch gar nicht rot ist.

Meine Recherchen ergaben daraufhin ganz unterschiedliche Deutungen. Eine geht davon aus, dass das ursprüngliche Kupferdach rot erstrahlte, der wahrscheinlichere Grund ist der, dass dort am Turm das sogenannte Blutgericht abgehalten wurde. Ein dritter Grund ist die Annahme, dass sein Name einen Bezug zum Namen des am Bau beteiligten Architekten Johannes Rode hat und deshalb der „Rode-Turm“, später  der rote Turm genannt wurde. Wie es auch sei, heute gehört der rote Turm, der gar nicht rot ist, zur Silhouette der Stadt Halle und nur wenige wundern sich über den Namen.

Beim Nachdenken darüber kamen mir noch weitere Bezeichnungen und Namen in den Sinn, bei denen der Inhalt nicht oder nicht mehr mit der Sache übereinstimmt. Und trotzdem weiß jeder, was damit gemeint ist.

Handwerker messen noch immer mit ihrem „Zollstock“ die Länge einer Dachlatte oder eines Rohrs ab. Ursprünglich war das ein abgeschnittenes Stück Holz, mit dem Maß genommen wurde. Auch die spätere Maßeinteilung Zoll (ein Zoll gleich 2,56 cm) ist längst dem metrischen Maß gewichen und die heutige, korrekte Bezeichnung lautet „Gliedermaßstab“, die aber keiner benutzt. Wenn nun der Meister nach dem Zollstock verlangt, weiß jeder Lehrling, Verzeihung, jeder „Auszubildende“ gleich Bescheid und er bringt den „Zollstock“, der gar nicht mehr nach Zoll eingeteilt ist, zum Chef.

Selbst beim Telefonieren mit einem Smartphone kann man immer noch hören: „Der hat doch einfach aufgelegt“. Wie soll das eigentlich gehen? Bestenfalls drückt man die Taste zum Beenden oder wischt einfach über das Display. Trotzdem versteht jeder den gemeinten Sachverhalt. Das Gespräch ist beendet. Wie auch immer das gemeint war.

Natürlich hörte beim Geld schon immer die Freundschaft auf. Da wird genau auf Heller und Pfennig abgerechnet. Kein Mensch fragt sich dabei, wieso Heller und Pfennig? Haben wir nicht bereits seit dem Jahr 2000 Euro und Cent? Doch egal, die Bilanz muss einfach stimmen.

Und wenn an einer Stelle in der Gesellschaft die Mittel knapp sind, kommt prompt der Ruf, meistens aus der Opposition: „Da muss der Staat doch einfach mal „Geld in die Hand nehmen“, um diesen Zustand zu beenden. Wer nimmt  denn in solchen Größenordnungen noch Geld in die Hand? Dafür ist längst der elektronische Zahlungsverkehr üblich, bei dem die Geldströme weltweit bewegt werden. Selbst  Brot und Brötchen beim Bäcker werden immer häufiger mit EC-Karten bezahlt. Wer heute noch größere Summen Bargeld in die Hand nimmt, der macht sich leicht verdächtig, mit „Schwarzgeld“ zu hantieren. Deshalb wird ja zunehmend die Forderung nach der Abschaffung des Bargeldes sehr kontrovers diskutiert. Trotzdem weiß jeder, was damit gemeint ist.

Sicher sind Ihnen allen auch schon einmal solche oder ähnliche Bezeichnungen aufgefallen. Meistens denken wir uns gar nichts dabei. Es ist wie es ist. Das gehört zu unserer Sprache und zu unserem Leben. Manchmal ändern sich die Inhalte im Laufe der Zeit und trotzdem behalten wir die alten Bezeichnungen bei. Manchmal werden einfach neue Namen für alte Dinge erfunden und geprägt. Was vorgestern noch "Spitze" war, war gestern eher "cool" und ist heute "Mega geil" und morgen, wer weiß das schon?






Samstag, 3. September 2016


"Sie werden platziert!"

Erinnern Sie sich noch? Zu DDR-Zeiten stand vor dem Eingang der meistens überfüllten Gaststätten ein Schild mit der Aufschrift: „Sie werden platziert!“. Wurde dann nach längerem Warten ein Tisch frei, so wurden die Gäste zu diesem geführt. Wahlfreiheit gab es kaum. Wohl oder übel blieb einem nichts anderes übrig, als die zugewiesenen Plätze zu belegen. Trotzdem war jeder froh, einen Platz gefunden zu haben.

Auch zu einem festlichen Anlass werden häufig Tischkarten mit den Namen der Gäste auf die geschmückte Tafel gestellt und den Gästen so ein Platz zugewiesen. Das erspart dem Einzelnen zwar die Qual der Wahl, aber wo man seinen Platz bekommt, das bleibt oft ein Geheimnis der Gastgeber, die gerade diese Sitzordnung festgelegt haben. Man kann sich nun fragen, ob dahinter eine gewisse Rangordnung steckt? Oder ob vermieden werden soll, dass Gäste nebeneinander sitzen, die partout nicht zusammen passen? Sei es wie es sei. Meistens ist es bei Tisch und im wirklichen Leben das Gleiche, viele Menschen fühlen sich immer deplatziert und sind deshalb permanent unzufrieden und genervt.

Und schon geht das Gezeter los. Wieso sitzt der andere auf diesem Platz. Was hat er, was ich nicht habe? Natürlich schaut dabei jeder mit großem Frust nur auf die oberen und besseren Plätze im Leben, die grundsätzlich immer die Falschen besetzen. Dass andere vielleicht einen schlechteren Platz bekommen haben, interessiert da wenig. Solche Menschen fühlen nur sich selbst immer und überall benachteiligt und zu kurz gekommen.

Das scheint aber ein zunehmendes Problem in unserer sogenannten „Neidgesellschaft“ zu sein. Das Schielen auf die lukrativsten Plätze, das Drängeln danach und das Schieben und Verschieben solcher ist an der Tagesordnung. Und wer es nicht geschafft hat, ist derartig frustriert und genervt, dass er vor Neid nicht mehr richtig aus den Augen schauen kann. Dann ist alles nur noch ungerecht und grottenschlecht in unserem Land. Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft und im persönlichen Leben nicht gefunden haben oder ihn nicht akzeptieren können, werden zu nörgelnden und aggressiven Querulanten. Ein willkommenes Reservoir für alle extremen Strömungen und Parteien in unserm Land und zudem Gift für die ganze Gesellschaft. Unzufriedenheit, ob berechtigt oder nicht, führt leicht zu Unfrieden und Streit.

Im Leben geht es aber nicht in erster Linie um Ehrenplätzen oder einen „Platz an der Sonne“ zum Nulltarif, sondern jede Gemeinschaft und jede Gesellschaft funktioniert nur, wenn alle ihren Platz eigenen finden und alles dafür tun, ihn gut und richtig auszufüllen zum eigenen und zum Wohle aller.

Das ständige Schielen auf die besseren Plätze der anderen macht jeden nur noch missmutiger und zieht ihn weiter nach unten. Genau dorthin, wo er gerade nicht hin will, auf den untersten Platz.


Montag, 29. August 2016


Zwischen Todeswunsch und Lebenswille

Wie oft hat doch Tante Frieda in letzter Zeit schon gesagt: „Ach, am liebsten möchte ich sterben.“ Gleich darauf folgten auch schon ihre Worte: „ Ich darf nicht vergessen, meine Herztabletten zu nehmen, erinnert mich bloß daran“. Sie ist ständig  hin und her gerissen zwischen Todeswunsch und Lebenswillen.

Inzwischen ist sie fast 93 Jahre alt. In den zurückliegenden Jahren hat sie viele Krankheiten und altersbedingte Leiden er-tragen müssen. Von der einst tatkräftigen Frau ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Knochen, die Gelenke, das Herz, die Lunge und anderes versagten immer mehr ihre Dienste. Schmerzen machten ihr das Leben schwer. Die unendlich vielen Medikamente bringen kaum noch Linderung, aber sie verlängern ihre Lebenszeit, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Die Kinder im Haus, nun auch nicht mehr ganz jung, betreuen sie liebevoll rund um die Uhr, stets ängstlich um sie besorgt. Bei jedem kleinsten Hilferuf sind sie sogleich zur Stelle und rufen den Notarzt. Eine Katastrophenmeldung nach der anderen macht dann ganz schnell die Runde in der Verwandtschaft. Nun beginnt wieder das Hoffen und Bangen, wird sie es schaffen? Was soll sie eigentlich schaffen?

Vor kurzem ist Friedas Mann mit 94 Jahren verstorben. Auch wenn beide füreinander nicht mehr viel tun konnten, so haben sie sich doch wenigstens umeinander gesorgt. Einer hat den anderen gebraucht. Nach einem langen gemeinsamen Eheleben, das sie über 64 Jahre in guten und in schweren Zeiten miteinander verbunden hatte, ist der Tod des Partners besonders schmerzhaft. Tante Friede fiel in ein dunkles Loch von Trauer und Schmerz.

Da ließ auch der nächste tatsächliche Fall nicht lange auf sich warten. Tante Frieda stürzte in ihrer Wohnung und brach sich den Oberschenkelhals. Was für so manch anderen im hohen Alter fast den sicheren Tod bedeutet hätte, war für sie zwar eine harte Prüfung, aber noch längst nicht das Ende. Der Bruch wurde operiert und gleichzeitig wurde ihr eine neue Hüftprothese eingesetzt. Alles ist möglich!

Tante Frieda hatte es wieder einmal überstanden, obwohl es harte Wochen für sie im Krankenhaus und in der Reha-Klinik waren.  Aber auch für das Personal und ihre Besucher ist es nicht immer ganz einfach gewesen. Manchmal war sie nicht mehr sie selbst, sie war so unwirsch und verstört und wollte nur noch nach Hause und sterben.

Das aber hatte die heutige Medizin mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wieder einmal verhindert. Ihre Schmerzen sind sogar kurzfristig etwas erträglicher geworden. Doch die innere Ruhe und Zufriedenheit kehrten bei ihr nie mehr ein. Sie klammert sich zwar an das Leben und empfindet es gleichzeitig nur noch als schwere Last.

Der Satz von Tante Frieda: „Ich möchte sterben, aber vergesst meine Herztabletten nicht“, macht  ihre innere Zerrissenheit sehr deutlich. Solche Worte zeigen auch den Gemütszustand  vieler anderer Menschen in ähnlichen Lebenssituationen auf. Die meisten von ihnen werden ebenso zwischen Todeswunsch und Lebenswillen hin und her gerissen. Sie wollen sterben, aber sie können das Leben nicht loslassen.

Die Medizin hat es heute geschafft, das Leben hochbetagter Menschen um Jahrzehnte zu verlängern, jedoch kann sie keinem von ihnen die immer schwerere Last dieser Jahre nehmen. Diese Last müssen sie nun allein und ihre pflegenden Angehörigen tragen. Jeder auf diese Weise künstlich hinzu gefügte Tag wird gleichzeitig mehr und mehr zur physischen und psychischen Belastung für sie. Dieser Zustand, der mit einem enormen Aufwand an Medizintechnik und jeder Menge an chemischen Substanzen erreicht wird, und häufig als Erfolg angesehen wird, hat aber einen hohen Preis. Selbst die medizinisch erfolgreichsten Operationen führen höchst selten zu einem selbstbestimmten und erfülltem Leben der Hochbetagten und ihrer Pfleger.

In früheren Zeiten gaben sich die Menschen viel weniger der Illusion hin, das Leben ließe sich unendlich und unbedenklich verlängern. Sie waren sich bewusst, dass jedes Leben zeitlich begrenzt ist. Wo heute diese Grenzen mit allen Mitteln der medizinischen Kunst und um jeden Preis verschoben werden, da führt das zwar zu einer Verlängerung der Lebenszeit, aber auch zur Verlängerung der Altersbeschwerden und des ungewissen Abschieds. Dieser oft zermürbende Zustand wiederum muss dann durch immer mehr Medikamente beruhigt werden und das nicht ohne „Risiken und Nebenwirkungen“.

Da stellt sich doch die Frage: „Ist wirklich alles gut, was machbar ist?“



Samstag, 6. August 2016


Ein ruhiger Sommertag

Ein herrlicher Sommertag, nicht zu warm aber sonnig. Nach dem Frühstück auf dem Balkon mit frischen Brötchen, Marmelade und duftendem Kaffee, streckte ich mich wohlig aus und machte Pläne für diesen geschenkten Tag, der so friedlich und ruhig begonnen hatte. Selbst der Lärm von der Straße ist in den Sommerferien geringer als im  geschäftige Alltagsleben. Das lädt zum längeren Verweilen im Freien ein. Kurz um, das Leben ist doch schön!

Dann aber machte ich einen gewaltigen Fehler. Ich schaute auf mein Smartphone, um nur kurz meine Mails zu checken und die neuesten Nachrichten zu lesen. Und da war sie wieder die grausame Wirklichkeit. Der Traum von einem friedlichen Sommertag war augenblicklich geplatzt. Die News, wie es heute heißt, schlugen mir buchstäblich mit harter Faust ins Gesicht. Es waren die knallharten „Schlagzeilen“, die wohl keinen Leser unberührt lassen. Dazu auch gleich die selbstgerechten bissigen Kommentare von allen Seiten.  

Zwar sind wir in diesem Sommer schon an viele Schreckensmeldungen gewöhnt, denn täglich hören und sehen wir von Terror, Mord und Krieg. Die Namen der Orte werden schnell zu Pseudonymen für diese schrecklichsten Verbrechen. Wenn wir von Afghanistan, dem Irak oder Syrien hören, stehen uns sofort die Bilder von grausamen Bombenanschlägen, Massakern und Flüchtlingsströmen vor Augen. Ortsnamen wie Paris, Nizza und Saint-Etienne-du-Rouvray lassen uns erschauern angesichts der dort verübten Gräuel. So viele Morde an unschuldigen Menschen, so viel Leid!

Lange Zeit waren die Orte des Schreckens noch so weit weg von Deutschland und von uns. Jetzt hören wir die Namen von Städten wie Ansbach, München und Würzburg. Der Terror geht weiter und er kommt näher. Eine Nachrichtensendung und ein „Brennpunkt“ nach dem anderen berichten pausenlos und liefern Berichte über Details, die noch reine Spekulation sind. Manchmal kann ich es nicht mehr mit anhören. Wem nützt dieses sensationslüsternde Gehabe und Gerede? Eine Falschmeldung jagt die andere. Weiß denn heute keiner mehr, dass jemand, der nichts Neues beizusteuern hat, doch lieber den Mund halten sollte? Auch wird eine Meldung nicht dadurch richtiger, je häufiger sie wiederholt wird.

Es hätte so ein schöner, ruhiger Sommertag werden können. Doch wir leben in unruhigen Zeiten. Brennende Fragen nach dem – „wie weiter?“ – beschäftigen die Menschen. Je mehr wir lesen und hören und die vielen schrecklichen Bilder sehen, je weniger können  wir in dieser Flut erkennen, was eine seriöse Information und was blanke Meinungsmache ist? 

Ich weiß, dass es keine Lösung ist, den Kopf buchstäblich in den Sand zu stecken, sprich sich den News total zu verweigern. Ich weiß aber auch und spüre es ganz deutlich, zu viel davon tut mir nicht gut. Das macht mich selbst parteiisch und ungerecht, traurig und zugleich böse. Aber ich will mich nicht in diesen Teufelskreis von Halbwahrheiten und Lüge, von Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit, von blankem Hass und Unmenschlichkeit hineinziehen lassen. Nein das bin ich nicht. Nein, das sind auch viele andere Menschen nicht. Keinem tut es nämlich auf Dauer gut, ständig mit Negativmeldungen, Brandmarkungen und einer  Fixierung auf einseitig ausgewählte Reizthemen bombardiert zu werden. Es führt zu negativen Denken und Handeln.

Trotzdem bleibe ich auch zukünftig kritisch interessiert, aber eine gewisse Askese (Verzicht auf mediale Dauerberieselung) hilft mir, nicht nur die Schattenseiten des Lebens als einzige Wirklichkeit wahrzunehmen zu müssen, sondern mich wieder über das Gute und Schöne auf dieser Erde zu freuen und einen sonnigen Sommertag ohne schlechtes Gewissen zu genießen.