Sonntag, 6. Oktober 2019



                                  
Klimawandel“

„Nein, nicht schon wieder! Jetzt fängt der auch noch damit an.“ Ich kann förmlich spüren, wie sich meinen Lesern die Nackenhaare sträuben. Mir geht es ja ähnlich bei diesem Thema. Es erscheint so allgegenwärtig, als gäbe es nichts anderes mehr.  Mit etwas gesundem Menschenver-stand ist doch auch so den allermeisten selbst klar, dass es den Klimawandel gibt und im Laufe der Erdgeschichte immer gegeben hat. Ist aber der Mensch der eigentliche Verursacher? Diese Frage treibt die Diskussion an und manchmal auch kuriose Blüten. 


Als ich noch zur Schule ging, das war in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts, da lebten auf dieser Erde rund 3 Milliarden Menschen. Heute sind es etwa 7,6 Milliarden. Damit hat sich die Menschheit mehr als verdoppelt. Da ist es doch selbstverständlich, dass auch der Bedarf an Nahrung, Kleidung, Wohnungen, Mobilität und vieles andere sich mehr als verdoppelt hat. Das bleibt natürlich auch nicht ohne Folgen. Wie wir jedoch damit umgehen,  das ist eine ganz andere Frage.

Das soll hier aber nicht mein Thema sein, denn da gibt es kompetentere Klimaforscher und unendlich viele selbsternannte Fachleute, die alles im ständigen Pro und Kontra diskutieren und sich ihre persönlichen Meinungen in einem heftigen Schlagabtausch um die Ohren hauen. Gegner und Befürworter bleiben sich da nichts schuldig.

Und genau das meine ich mit „Klimawandel“. Deshalb habe ich das Wort wohlweislich in Anführungszeichen gesetzt, denn ich möchte meinen Blick auf das  verschlechterte zwischenmenschliche Klima  richten, wie wir es zunehmend erfahren und beklagen müssen. Ein regelrechtes „Reizklima“ bestimmt heutzutage weithin die Diskussionen. Das Miteinander der Menschen im privaten und im öffentlichen Raum ist äußerst spannungsgeladen, wie vor einem Unwetter.  Dieses aggressive Verhalten heutiger Zeit-genossen steigt dramatischer an als der Meeresspiegel, der oft von den gleichen Leuten so vehement beklagt wird. 

Das Thema Umweltverschmutzung steht hoch im Kurs, aber die immense „Inn-weltverschmutzung“ wird dabei weniger oder gar nicht mehr zur Kenntnis genommen. Wie sollen die anstehenden großen Aufgaben dieser Welt gelöst werden, wenn der Dialog austrocknet und versiegt und wenn am Ende nur noch  gegenseitige Schuldzuweisungen und Polarisierungen stehen?

Freie Meinungsäußerung wird inzwischen mehr und mehr vom gerade angesagten Mainstream bestimmt. Manche Themen und Ansichten dürfen da nicht mehr öffentlich benannt werden. Wer es trotzdem wagt, der wird in einem heftigen Shitstorm weggespült.  Das Ausblenden und Verschweigen gegenteiliger Meinungen hat mit Vernunft und Toleranz  nicht mehr viel zu tun. Da wird Toleranz nämlich zur bloßen Worthülse und gilt nur noch für Menschen mit der gleichen ideologischen „Denke“. Hass-Kommentare und Wut-Reden fluten das Netz der sogenannten sozialen Medien, die aber schon lange nicht mehr sozial zu nennen sind. Hasserfüllte Beleidigungen verletzen die Würde anderer Menschen. Die Akzeptanz von unterschiedlicher Meinungen schmilzt dramatisch dahin, wie das Eis der Polkappen und der Gletscher. Lügen und Halbwahrheiten dagegen überschwemmen das Land aus vielen Kanälen. Rüdes und flegelhaftes Verhalten wird als selbstverständlich hingenommen und salonfähig.

Anstand und Achtung vor anderen veröden zunehmend, die Sprache erodiert und zurück bleiben lebensfeindliche Wüsten. Die Sprache wird zu verletzenden Waffe. Es scheint nur noch diese Extreme zu geben, die über die Menschen hereinbrechen wie Sturzfluten oder Gluthitze auf diesem Planeten. Persönlicher und nationaler Egoismus führen zu enormen atmosphärischen Störungen und vergiften das Klima eines guten Miteinanders und gefährden so den globalen Frieden.

Die Überheblichkeit Einzelner und ganzer Gruppen,  besser zu sein als die anderen, vergiftet das Klima und führt zur Spaltung und bringt keinen wirklichen Fortschritt. Maximalforderungen verkehren sich leicht ins Gegenteil. Kein Mensch sollte deshalb mit dem Finger auf andere zeigen und schreien:“Ihr seid schuld!“ Jeder muss und kann in dieser Hinsicht nicht nur etwas, sondern sehr viel für ein gutes Klima tun.

Ja, diesen wirklich nachhaltigen „Klimawandel“ im Denken, Reden und im Handeln jedes Einzelnen braucht unsere Erde zu allererst.




Samstag, 20. April 2019


Die Erinnerung ist ein Fenster“

und der Dichter Reiner Maria Rilke fährt in seinem Gedicht fort, „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“ 
Das ist doch ein schöner Gedanke und auch sehr tröstlich. Dieses Wort hat sicher schon so manchem Unglücklichen, der einen lieben Menschen verloren hat, in seiner Situation Trost und neuen Lebensmut geschenkt. Und weil diese Worte von einem bekannten Dichter stammen, werden sie gern als Zitat auf Trauerkarten oder bei Beisetzungen verwendet. Da geht es ja gerade um Verlust und Leere, die durch den Tod eines anderen Menschen entstanden sind. Der Verstorbene ist nun den Augen der Hinterbliebenen entzogen. Aber mit ihren inneren Augen können sie gleichsam durch das "Fenster der Erinnerung" schauen und werden ihn dort sehen. Oder, wie es Rilke so schön gesagt hat: „durch das ich Dich sehen kann, wann immer ich will.“

Erinnerung ist also etwas, was nicht von außen kommt, sondern aus dem Inneren eines jeden Einzelnen selbst. Der Mensch kann sich bewusst erinnern und durch das Fenster nach innen blicken. Was er dort sieht, ist demzufolge etwas sehr Subjektives, ganz Persönliches, was nur er sieht. Woran er sich im Rückblick aufrichtet oder was ihn betroffen macht. Nicht alle Erinnerungen sind auch gleich gute Erinnerungen.

Manch einer möchte sich deshalb lieber nicht erinnern, jedenfalls nicht an alles. Negatives wird deshalb oft in die letzte, dunkelste Ecke verbannt. Damit ist die naive Vorstellung verbunden, was ich nicht sehe, gibt es nicht. Irrtum. Denn irgendwann kommen diese Erinnerungen ganz von selbst an die Oberfläche. Das kann dann zu einer großen Belastung werden. Zudem kommen sie nicht nur, „wann immer ich will“. Der Blick in das eigene Innere lässt viele, schöne und tröstliche Bilder wach werden, die den Menschen zutiefst erfreuen und aufbauen. Diese möchte er am liebsten für immer festhalten. „Verweile doch, du bist so schön“, wie es in Goethes Faust heißt.

Erinnerung führt den Menschen zurück in sein Erlebtes und zeigt ihm Bilder aus der Vergangenheit. Dazu gehören Helles und Dunkles. Erst zusammen genommen ergibt sich ein Ganzes. Genau wie der Tag helle und dunkle Stunden kennt und die eine Münze eben zwei Seiten hat, so gehören die unterschiedlichen Bilder der Erinnerung auch zusammen. Leben kann nur ganzheitlich betrachtet werden und wird nur so, wenigsten etwas, verständlicher. Wer sich aber einseitig in seinen Erinnerungen verliert, und seien sie noch so schön und tröstlich, der verliert damit auch den Blick für das Leben im Hier und Heute. Das aber ist der Ort, an dem Leben sich ereignet.

Wenn Rilke in seinem Gedicht von einem Fenster spricht, dann sollte bedacht werden, auch Fenster haben zwei Seiten. Ein Außen und ein Innen. Man kann also durch ein Fenster in das Innere eines Hauses, eines Zimmers, blicken, aber genauso kann der Blick durch ein Fenster hinaus in die Landschaft, sprich das reale Leben gehen. Dieser Blick zeigt dann nicht nur das Vergangene, ob schön oder traurig, nein er zeigt das Gegenwärtige. Da gibt es immer lebendige Geschehnisse, Bewegungen und neue Herausforderungen zu erkennen. Jeder ist geradezu angesprochen, mitzuwirken, sich einzubringen. Keiner bleibt doch ein Unbeteiligter, ob er es will oder nicht.

Das, was der Mensch jetzt beim Blick aus dem Fenster nach draußen mit seinen Augen sieht, das fordert ihn zum Handeln heraus. Und keiner sollte sich täuschen, auch das Nichthandeln schafft oder begünstigt bestimmte Tatsachen. Genau an dieser Stelle kommen nun wieder seine ganz persönlichen Erinnerungen in den Blick. Aus früheren Fehlern und negativen Entscheidungen  kann jetzt der Mensch die richtigen Schlüsse ziehen und diese Fehler in der Gegenwart nach Möglichkeit unterlassen. Das Schöne und Gute aber, woran er sich gern erinnert, das wird ihm  sicher Motivation sein, es zu verstärken und auszuweiten.

Spätestens bei diesen Überlegungen tut sich nun bildlich gesprochen noch ein anderes Fenster auf, durch das der Mensch sehen kann, wann immer er will. Es ist das „Fenster der Hoffnung“. Der Blick durch dieses Fenster geht weit hinaus, sozusagen über den Horizont, der, wie Reiner Maria Rilke im gleichen Gedicht sagt, zwar die Grenze unseres Sehens ist, aber nicht die Grenze des Seins. Wer es schafft, aus diesem Fenster zu blicken, findet seinen Halt bei allen Unsicherheiten und Unwägbarkeiten des Lebens. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Oder auch nicht?


Samstag, 6. April 2019



„Hannibal ante portas“ –  oder die Bagger kommen!

Plötzlich herrschte eine riesige Aufregung in dem, sonst so verschlafenen, kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Na ja, Dorf kann man diesen Ort eigentlich gar nicht nennen. Es ist nicht mehr und nicht weniger eine Ansammlung von Häusern entlang der Dorfstraße, die früher als Unterkünfte für die Landarbeiterfamilien dienten. Diese aber waren alle samt auf dem ehemaligen Gut in Grammow beschäftigt. Heute bilden sie den Ort Grammow. Der Ort mit seinen etwa 145 Einwohnern liegt eher abseits allen Geschehens. Die Zufahrt zu dieser Siedlung mündet auf der sogenannten Dorfstraße. Diese aber endet in beiden Richtung auf einem Feldweg und verliert sich zwischen den Ackerflächen. Damit ist der Ort vom störenden Durchgangsverkehr verschont und in dieser Hinsicht ungestört und ruhig. Kommt tatsächlich einmal ein Fremder in den Ort, so wird der gleich von den Bewohnern neugierig beäugt, doch meistens ist die Dorfstraße fast menschenleer. Wer pulsierendes Leben erwartet, ist hier falsch. Man bleibt halt gern für sich und lässt es ruhig angehen.

Diese Abgeschiedenheit könnte ja auch ganz idyllisch und schön sein, doch das kommt nicht von Ungefähr. Die Ursache dafür ist nämlich die Autobahn, genauer die A 20, die in unmittelbarer Nähe vorbeiführt und ihr Geräuschpegel seit ihrer Fertigstellung Tag und Nacht als ein permanentes Summen und Rauschen, je nach Windrichtung, mal lauter und mal leiser, zu hören ist. Das singt den einen vielleicht sanft in den Schlaf, anderen wiederum raubt es diesen.

Ach ja, die Windrichtung ist auch in anderer Hinsicht und für das Wohlbefinden im Ort sehr entscheidend. Kommt der Wind nämlich aus westlicher Richtung, dann weht er, wie soll man es vornehm ausdrücken, die schweren „Düfte“ einer intensiven Tierhaltung und der „Bioenergie Grammow GmbH & Co“ über den Ort und seine Bewohner. Dann gilt es auch bei schönstem Sommerwetter, die Fenster und Nasen zu schließen.

Sollten aber ausnahmsweise einmal diese Lärm- und Geruchsbelästigungen etwas geringer als üblich ausfallen, dann kann man garantiert darauf warten, dass schon bald die nächste Störung einsetzt. Sie kommt von den allgegenwärtigen Rasentraktoren und den knatternden Rasenmähern. Damit ist vom frühesten Frühling bis hinein in den später Herbst jederzeit und zu jeder Stunde zu rechnen. Ganz besonders störend ist das jedoch in der Mittagsruhe und am Wochenende. Gerade dann aber sitzen wohlbeleibte Männer stolz auf ihren kleinen, und lauten Traktoren. Sie mähen Stunde um Stunde den Rasen in ihren Grundstücken millimeterkurz. Da könnte sich garantiert jeder Golfplatz  dahinter verstecken.

Doch plötzlich war es in der letzten Woche mit dieser dörflichen Ruhe und dem Frieden schlagartig aus. Es war der 26. März 19 und dieser wird immer ein denkwürdiger Tag bleiben. Was war geschehen? Ach ja, „Hannibal ante portas“, wie der Lateiner sagt und damit an den karthagischen Heerführer Hannibal erinnert, der mit seinem Heer und den gefürchteten Kriegselefanten vor den Toren der Stadt Roms auftauchte, sodass die Römer in hellste Aufregung, ja in Panik, gerieten.

Auch in Grammow herrschte schlagartig eine ähnliche, panikartige Aufregung. Es tauchten nämlich riesige gelbe Ungetüme im Ort auf. Das waren zwar keine trompetenden Kriegselefanten, sondern die Bagger einer Abrissfirma. Und dann geschah es auch schon. Damit hätte  wohl keiner der friedlichen Einwohner ernsthaft gerechnet. Der erste Bagger fuhr vor das alte Gutshaus in der Mitte des Ortes und stieß ein riesiges Loch mit seiner eisernen Baggerschaufel in dessen Rückwand.

„Welch ein Schande, welch eine Frechheit“, empörte sich ein Teil der überraschten Einwohner.  Sollten hier etwa gegen ihren Willen Tatsachen geschaffen werden? Das galt es zu verhindern. Nach diesem zerstörerischem Eingriff in die Bausubstanz des Gutshauses, das war ihnen klar, wäre das Haus nicht mehr zu retten. Alle ihre romantischen Vorstellungen vom seinem Erhalt waren damit zunichte gemacht. Die Empörung der Verfechter für die Erhaltung des Hauses, aber auch  ihre Ratlosigkeit wuchsen.  "Haus oder nicht Haus", war nun die Frage.

Das leerstehende und ziemlich heruntergekommene Gutshaus ist schon seit vielen Jahren, ach, inzwischen fast seit zwei Jahrzehnten, der Stein des Anstoßes in diesem kleinen mecklenburgischen Ort. Für die einen ein Schandfleck, der weg gehört, für andere aber das „Herz“ und die „Zierde“ des ganzen Ortes, das es um jeden Preis zu erhalten galt. Darum musste der „bösartige und heimtückische Angriff“ auf das ehemalige Gutshaus unweigerlich die Gemüter der, eher stillen und meistens behäbigen, Einwohner erhitzen. Was zu viel ist, ist zu viel. Das bringt auch den friedlichsten Mecklenburger aus der Fassung. Der Schlagabtausch mit gegenseitigen Vorwürfen und Beschuldigungen war neu entfacht.

Von einem Augenblick zum anderen überschlugen sich die Ereignisse. Eine dringende Krisensitzung des Vereins zur Erhaltung des Gutshauses wurde eilig einberufen, Einwohner eingeladen und mobilisiert, die Presse informiert, Proteste angekündigt, Transparente und Plakate gemalt  und an den Zäunen aufgehängt. So zierten am nächsten Morgen, man traute seinen eigenen Augen kaum, die Dorfstraße eine ganze Reihe dieser Zeugnisse der Entrüstung und des Widerstandes. Da stand, mit zitternden Händen und voller Zorn und Verzweiflung geschrieben, mehr oder weniger sinnreich, aber aus ganzem Herzen kommend und der Verzweiflung freien Lauf lassend:
„Wir müssen zusehen wie eine Stück Geschichte zusammengeschoben wird“ oder „Wir haben alles gegeben“. Selbst das letzte Bettlaken, wie manch schelmisch meinte. Es fehlte eben nur noch, dass die Klima- und Umweltaktivistin Greta persönlich am Ort des Frevels, an der nun tief klaffenden Wunde am Gutshaus, sich dem vehementen Protest der Verteidiger anschließen würde. "Das Gutshaus darf nicht sterben!" Es lag eine emotionale Spannung in der Luft, dass war buchstäblich fast körperlich zu spürbar. 

Jetzt endlich müsste doch der geneigte Leser fragen: „Um was geht es hier eigentlich? Was ist das für eine absurde Geschichte?" Stimmt, das ist wirklich eine längere und sehr verworrene Geschichte. Und wie schon gesagt, der Ort Grammow liegt etwas abseits. Da geht eben manches anders und ein bisschen langsamer.  Doch kurz gesagt, es geht schon allzu lange um das alte Gutshaus von Grammow. Es muss einst wirklich ein Schmuckstück in der, durch Viehzucht und Ackerbau geprägten Mecklenburger Landschaft  gewesen sein. Umgeben von einem gepflegten Park und einem schönem Teich. Die Zierde der kleinen Ortschaft und der Mittelpunkt des dörflichen Lebens. 

Diese Zeit ist jedoch seit 1945 längst zu Ende. Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Gutsherr und seine Familie vertrieben. Im neuen Deutschland brauchte man keine "Herren" und keine "Herrenhäuser" mehr. Darum wurde in den Zeiten des Sozialismus darin ein Kindergarten eingerichtet. Es gab auch einen großen Saal für die Werktätigen zum Feiern und sogar eine Kneipe. Alles volkseigen. Den Park teilten sich die Bewohner als Gärten auf. Der Teich im Park diente nun ihren schnatternden Enten als ihr Refugium. Alles war ja Volkseigentum und jeder bediente sich, wo er nur konnte. Das wollte man auch nicht wieder aufgeben.

Nach dem "Aus" der DDR 1989/90 und der volkseigenen Wirtschaft, ging es dann noch rasanter mit dem Haus bergab. Es hatte seine gesellschaftliche Funktion rasch verloren. Trotz dieses desolaten baulichem Zustandes, übernahmen nach der Wende entfernte Verwandte der ehemaligen Gutsherrenfamilie das Gutshaus und zogen ein. Die junge Familie hatte allen Mut der Welt und viel Optimismus mitgebracht. Sie wollten das alte Haus wieder mit Leben erfüllen. Das war aber nicht so einfach. Sie waren Fremde und noch dazu aus dem Westen. Das gefiel nicht allen Alteingesessenen im Ort. Manche Unternehmungen ihrerseits wurden sogleich blockiert oder ganz verhindert.

Fazit, das Haus stand alsbald wieder leer. Der Sturheit so mancher Bewohner des Ortes war die Familie einfach nicht gewachsen. Und wieder folgte  Leerstand und damit zunehmender Verfall. So kam, was kommen musste. Wind und Wetter taten über die Jahre das Ihre dazu. Ein Brand im Haus vernichtete einen Teil des Dachstuhls. Seit Jahren schließt nun eine hässliche Plane provisorisch das Loch im Dach. Das Haus ist in diesem erbärmlichen Zustand schon seit Jahren keine Zierde und längst kein Schmuckstück mehr, eher ein Schandfleck für den Ort und seine Bewohner. Zudem ein permanenter Zankapfel.

Alle gut gemeinten und doch häufig wenig zielführenden Versuche zur Rettung und Erhaltung des Gutshauses scheiterten oder schliefen bald wieder ein. Investoren kamen und gingen. Realistische Konzepte fehlten. Befürworter und Gegner blockierten sich gegenseitig. Schon lange ging es tatsächlich nicht mehr um das Haus, sondern nur darum, wer sich letztendlich durchsetzt. Für die Gemeindevertreter wurde das Haus zu einer ständig drückenderen Last. Darum musste endlich gehandelt werden. Das war schließlich ihr Auftrag. So wurde als letzte Konsequenz der Abriss des Hauses beschlossen.


Das brachte natürlich die Gegner des Abrisses wieder auf den Plan und sie zogen von Haus zu Haus, um Unterschriften zu sammeln. Dabei  trugen sie eine ganze Reihe davon  zusammen. Es schien ja auch nicht allzu schwierig zu sein, gegen den Abriss und für den Erhalt zu votieren, denn das kostete keinem Unterzeichner persönlich irgendetwas. Die Fronten waren jedenfalls klar und jede Seite fühlte sich im Recht oder wenigsten moralisch legitimiert. Fakten wurden mehr und mehr zur Nebensache. Der Worte waren eh genug gewechselt, nun sollten Taten folgen.

Dann  war es am besagten Tag soweit. Die Bagger rückten an. Der Abriss begann. Alle Genehmigungen lagen dazu vor, die Fördermittel standen bereit. Der Widerspruch gegen den Abriss wurde abgewiesen. Der "Schandfleck" sollte endlich verschwinden und an seiner Stelle ein schön gestaltetet Dorfplatz für alle Bewohner entstehen. 

Mit seiner mächtigen Schaufel zerstörte der Bagger dabei aber nicht nur die Rückwand des Hauses, sonder auch ein für allemal die sozial romantischen Träume einer Initiativgruppe zur Rettung und Erhaltung des einstigen Gutshauses. Doch welch ein Wunder, im Dachstuhl des Hauses wurden partout in letzter Sekunde Fledermäuse entdeckt, die sich dort häuslich eingerichtet hatten. 

Also Kommando zurück, Baustopp. Aus - die Fledermaus! Und täglich grüßt die Fledermaus!










Sonntag, 16. Dezember 2018


Der Engel mit dem Cello


Der kleine Engel mit dem Cello hat in dieser Adventszeit seinen Platz auf meinem Schreibtisch gefunden. Ja, er ist mir buchstäblich zugeflogen. Oder besser, ich hab ihn, nach einem Besuch bei Freunden in der letzten Woche, von diesen lieben Menschen geschenkt bekommen. Nun steht er vor mir und ich muss ihn immer wieder anschauen.

Er ist so klein und zerbrechlich. Schon auf dem Weg zu mir nach Hause, ist bei ihm ein kleiner Flügel abgeknickt. Doch schnell ein Tropfen Alleskleber und alles war wieder heil.  
Da kommt mir so ein Gedanke, wäre es nicht toll,  wenn es solchen Alleskleber auch für all die Brüche und Verletzungen bei den Menschen gäbe? Eins, zwei, drei wäre alles wieder heil und in Ordnung. Wie Vieles geht doch täglich im menschlichen Miteinander in die Brüche. Das Allerwenigste davon lässt sich aber so einfach wieder kleben, kitten oder gar heilen. Viele Brüche und Verletzungen belasten manche Menschen ein Leben lang.

Daran muss ich denken, wenn ich auf den kleinen Engel vor mir schaue. Und mir wird dabei bewusst, dass es immer die Kleinen und Schwachen sind, die am meisten verletzt werden. Es sind gerade die, die sich am wenigsten wehren können, oder die es nicht tun, weil sie nicht Gleiches mit Gleichem vergelten wollen. Es sind ausgerechnet diejenigen, die mit Anstand durchs Leben gehen. Das macht sie in der heutigen Zeit und Gesellschaft zu Außenseitern, zu Verlierern. Sie sind verletzlich und schwach. Darum passen sie wohl genau so wenig in diese raue und laute Welt, wie der kleine, zerbrechliche Engel. Und doch gibt es sie. Sie machen den Alltag in ihrem Umfeld etwas friedlicher und heller. Es würde sehr viel in der Gesellschaft fehlen, wenn es sie nicht gäbe. Dabei nehmen sie sich selbst gar nicht so wichtig. Dafür bin ich dankbar.

Und wieder fällt mein Blick auf meinen kleinen Engel mit seinem Cello. Er macht mich aufmerksam, das Kleine und Unscheinbare im Leben nicht zu unterschätzen, sondern zu achten. Auch die leisen Töne gehören dazu. Die kann aber nur der hören, der selbst still wird und lauscht. Es ist jedoch nicht allein das laute Getöse unserer Tage auf den Straßen und Plätzen, sondern es ist der beständige Drang in uns, immer und überall zu reden, zu diskutieren und zu lamentieren. Das lässt uns nicht mehr zur Ruhe kommen. Dieses Karussell der Belanglosigkeiten und Nichtigkeiten dreht sich unaufhörlich und  immer rasanter und führt letztlich zu der permanenten Aufgeregtheit in unserer Gesellschaft, die so häufig beklagt wird. 

Ist es nicht gerade die Adventszeit, die die viel beschworene Stille und Besinnung bringen soll? Doch wie soll das gehen? Sind wir es doch, die zwar ständig über den ganzen Weihnachtsrummel schimpfen, ihn aber selbst mit verursachen? Vielleicht liegt es ja daran, dass wir es gar nicht erst versuchen, einfach mal still zu werden? Es ist doch so viel einfacher, die Gründe für unser Unvermögen und unsere Unlust gleich bei anderen zu suchen. Was wir am meisten vermissen, Ruhe und inneren Frieden, verhindern wir auf diese Weise selbst durch unsere ständige Hektik und Aufgeregtheit.

Der kleine Engel spielt so zart und leise auf seinem Cello, dass wir es kaum oder gar nicht mehr hören. Aber er gibt nicht auf. Dieser lange Atem, diese Ausdauer und die Geduld, fehlen heute viel zu vielen Menschen. Sie jagen der Verheißung nach schnellem Wohlstand und äußerem Glück hinterher und merken dabei nicht mehr, dass sie selbst die Gejagten sind.

Der kleine Engel mit dem Cello auf meinem Schreibtisch hilft mir in dieser Adventszeit, daran zu denken, still zu werden und achtsamer mit mir selbst und mit anderen Menschen umzugehen. Nur so wird es möglich, seine Melodie der Freude und des Friedens aufzunehmen und sie weiterzutragen.




Freitag, 30. November 2018



Abschiedsbrief eines 
Säuglings

Liebe Mama,

Du hast mir das Leben geschenkt. So kam ich in Eure Familie. Natürlich wusstet ihr schon viel früher von meiner Ankunft. Erst war es jedoch eine große Überraschung für euch alle, dann aber wuchsen die Vorfreude und ich auch. Und endlich war ich da. Mit einem Schrei begrüßte ich Euch und die Welt. Ich war aber noch ganz klein, hilflos und zerbrechlich. Behutsam hast Du mich an die Brust gedrückt, hast mich gefüttert und liebevoll umsorgt. Mir fehlte es an nichts. Deine Liebe umgab mich wie eine wärmende Decke. Meinen Schlaf hast du gut bewacht und dich gefreut, wenn ich dann wieder aufwachte und meine Augen öffnete. Dann strahlte dein Gesicht und Du warst so glücklich. Mit der Zeit nahm ich zu und wurde allmählich neugierig, wo ich denn war. Meine kleinen Hände haben angefangen zu greifen und zu tasten. Eure Gesichter lernte ich ganz langsam zu unterscheiden. Wenn ein bekanntes und freundliches Gesicht über meinem Bettchen erschien, belohnte ich es mit einem Lächeln. Dann habt auch ihr euch immer sehr gefreut. Das tat mir gut. Wenn ich weinte, dann warst Du, Mama, gleich zur Stelle und hast mich auf den Arm genommen und getröstet.  Dann wurde ich ganz schnell ruhig und konnte friedlich wieder einschlafen. Ich hab mich in unserer Familie sehr wohlgefühlt. Mama, Papa, Oma und Opa und meine großen Geschwister waren alle für mich da und sorgten für mich. Ihr alle wart meine Familie.

Meine Geschwister nahmen mich gern und oft auf den Arm und haben mit mir rumgealbert. Das hat mir gefallen. Ja, ich hab schon gern geschäkert und geplappert. Gern wäre ich länger bei euch geblieben. Es wäre bestimmt eine ganz tolle Zeit mit euch geworden. Gemeinsam hätten wir noch so viel Schönes erleben können. Der Sonnenschein und der Regen, die Blumen und Blüten, die Vögel und die bunten Schmetterlinge hätte ich noch so gern erlebt. Das alles wären für mich große Abenteuer. Auch das Spielen und Lernen hätte mir sicher viel Spaß gemacht. Ihr hattet bestimmt schon viele schöne Ideen, was wir alles zusammen machen könnten, wenn ich erst größer bin. 

Nun ist es aber so ganz anders gekommen. Plötzlich über Nacht war mein noch so junges Leben einfach vorbei. Ich bin an dem Abend ganz friedlich eingeschlafen. Am Morgen aber  nicht wieder aus dem Schlaf erwacht. Ihr habt nur noch meinen kleinen toten Körper in meinem Bettchen gefunden. Das war ein riesiger Schreck und ein furchtbarer Schmerz für dich, Mama und Papa und auch für euch meine Geschwister. Das war und ist alles noch so unfassbar für Euch und für alle. Da blieb wohl für einen Augenblick die Erde stehen.

Doch lasst euch heute von mir sagen, dass es mir gut geht. Ich hatte keine Schmerzen, als ich fort musste. Ich hab es nicht einmal gemerkt. Was mit mir passiert ist, kann ich gar nicht genau sagen. Auch wo ich jetzt bin, ist mir nicht wirklich klar. Es ist alles so hell und friedlich hier. Mir ist, als ob ich schwebe. Darum seid bitte nicht so traurig! Mir geht es jetzt wirklich gut. Nur dass ihr nicht da seid, das ist nicht schön. Aber ich denke an Euch. Besonders an Dich, Mama, du hast alles für mich getan. Ich war ja ein Teil von Dir. Auch jetzt bleiben wir für immer miteinander verbunden. Ich hab dich und euch alle lieb.

Manche werden euch vielleicht sagen, um euch zu trösten, ich sei jetzt ein Engel im Himmel. Aber ich war doch schon immer Euer kleiner Engel, als ich noch bei euch war. Eurer Sonnenschein und euer kleiner Prinz, wie ihr mich oft genannt habt. Andere meinen deshalb, dass mein fröhliches Lachen am Sternenhimmel zu hören sei, wenn ihr ganz still seid. Das klingt sehr schön. Deshalb schaut am Abend auf zu den Sternen auf und denkt an mich, dann könnt ihr das Flimmern der Sterne sehen und seid mir über die unendliche Weite auf eine ganz eigene Weise verbunden  Aber nur weil der Himmel so dunkel ist, könnt ihr das Leuchten der Sterne sehen. Hell und Dunkel gehören zum Leben der Menschen.  Nur auf dem dunklen Hintergrund seht ihr die Sterne leuchten. Das ist und bleibt ein großes Geheimnis. 

Vielleicht spürt ihr in diesen Augenblicken, dass ich in einer ganz neuen und völlig anderen Weise bei Euch bin. Ich denke gern an euch und ich danke Euch für die sechs Monate, die ich bei Euch in der Familie sein durfte. Es war eine tolle Zeit. Ich wünschte, sie wäre nicht so schnell vergangen und ich könnte noch bei Euch sein. Seid deshalb nicht allzu traurig. Haltet alle gut zusammen, ihr seid doch eine Familie. Da ist einer für den anderen da, wenn er gebracht wird. Bitte denkt an mich und freut Euch, dass ich für eine gewisse Zeit bei Euch sein durfte. Auch wenn ich nicht mehr bei Euch bin, in euren Herzen bleibe ich für immer. 

Es grüßt euch alle ganz, ganz lieb

Euer Baby Tyler

(Dieser Text entstand anlässlich einer Trauerfeier im Monat November 2018 für den sechs Monate alten Säugling Tyler.)

Dienstag, 16. Oktober 2018



Gute Nachrichten

Gute Nachrichten sind selten geworden. Heute gilt eher: „Nur eine schlechte Nachricht ist eine gute Nachricht“. 
Das scheint jedenfalls die  Philosophie der heutigen Medienmacher zu sein. Dabei  übertrumpfen sie sich förmlich mit reißerischen Schlagzeilen und Negativmeldungen. 

Positive Meldungen kommen kaum noch vor. Wo aber die guten Nachrichten fehlen, dort entsteht sehr schnell der Eindruck, alle Welt ist schlecht und verantwortlich sind immer die Anderen. Das zieht die Stimmung vieler Menschen tief nach unter. Die Luft ist vergiftet, die Autoindustrie manipuliert, ganz Sachsen ist von Neonazis bevölkert, die Regierung tut nichts, alles wird immer teurer, das Grundwasser ist verseucht, entsetzliche Zustände in der Massentierhaltung und so weiter und so fort. So entstehen leicht Horrorszenarien und daraus folgen Ängste. Ja, das Ausland witzelt schon über diese „German Angst“.

Nach der „Tagesschau“ am Abend habe ich jedes Mal den Eindruck, alles geht zu Ende, Deutschland steht unmittelbar vor dem Abgrund und ich müsste schnellstmöglich auswandern. Aber wohin nur? „Das Böse ist immer und überall“, wie es schon die Band „Erste allgemeine Verunsicherung“ in den 80iger Jahren gesungen hat. Wenn stets und ständig nur der Teufel an die Wand gemalt wird, dann muss sich keiner wundern, wenn im Land der Teufel los ist.

Doch es gibt auch andere, gute Nachrichten, aber eben nicht bei ARD und ZDF, da sitzen Sie lediglich in der ersten Reihe, wie es so schön heißt. Wer stets nur solche Kommentare und Berichte sieht und hört, der weiß am Ende nicht mehr, was er noch glauben soll. Was ist die Wahrheit und was ist bloß Meinung? Da kommen doch bei vielen Konsumenten arge Zweifel auf. Die Macht der Bilder und der Worte ist eine nicht zu Unterschätzende, denn es gibt dabei immer eine gewisse Tendenz sich zu der einen oder auch zur anderen Seite zu neigen. Gute Berichterstattung informiert objektiv und allseitig, vermeidet  Spekulationen, Polarisierungen  und subjektive Wertungen und Abwertungen. Wo und wann erleben wir das noch in unserer medial überfrachteten Welt?

Wie wäre es da zum Beispiel mit wirklich positiven Nachrichten? Wenigsten eine in jeder Sendung, das wäre doch schon ein Anfang. Warum nicht so eine, wie ich sie in den letzten Tagen erhielt. Mein Smartphone meldete sich - eine neue Whats App erschien auf dem Display. Eine Bekannte schrieb mir aus Rom und schickte ein Foto dazu. Sie war Teilnehmerin der größten Wallfahrt nach Rom für Menschen mit Behinderungen. Seit 12 Jahren organisieren die Malteser diese Fahrten. Die Teilnehmer waren für acht Tage gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Helfern unterwegs. Von ihrem Ausflug schrieb mir die Bekannte ganz begeistert: „Sitze im Bus nach Ostia, am Nachmittag zum Lateran. Malteser haben alles toll organisiert. 760 Wallfahrtsteilnehmer aus ganz Deutschland, 20 Reisebusse. Wir fahren im Konvoi mit Polizeieskorte mit Blaulicht. Alle sind auf dem gleichen Gelände untergebracht. Stimmung bestens.“ Und in einer zweiten Nachricht kurz vor der Heimreise hießt es: „Es waren sehr schöne Tage mit vollem Programm. Gestern großer Abschieds- abend bis 24 Uhr mit Tanz.“ Das war ihr überaus positives Fazit, das sie mir mit übergroßer Freude mitteilte.

Eine ganz tolle Aktion. Menschen helfen anderen Menschen. Sie schenken Liebe und Gemeinschaft. Aus der Freude wächst neuer Lebensmut. Auch das ist Deutschland im Jahr 2018. Es gibt so viel mehr Gutes, als wir zu hören bekommen.  Wir erfahren es einfach nicht. Wer entscheidet darüber? Dagegen müssen wir tagelang Berichte über ein Foto von Mesud Özil mit seinem Präsidenten Erdogan ertragen. Durch all diese Wiederholungen  und spekulativen Kommentare werden die Dinge auch nicht wahrer und vor allem nicht besser.

Wäre es nicht gesünder für alle Menschen im Land, über die Dinge zu berichten, die gelungen sind und die Freude gebracht haben?  Da gibt es in unserem Land sicher mehr als genug. Oder Berichte über Menschen, die den Ausgleich suchen und durch ihr Tun auch schaffen? Das wirkt motivierend und würdigt den täglichen Einsatz der übergroßen Mehrheit unserer Menschen für das Gemeinwohl.  Wo kommen denn die „hart arbeitenden Menschen“, von denen der Kandidat Schulz im Wahlkampf so oft und gern gesprochen hat, in der Berichterstattung und im öffentlichen Leben noch vor? Und wo wird ihr täglicher Einsatz von der Politik und den Medien wertgeschätzt? Ist das denn wirklich so schwer? 

Eine gute Nachricht ist und bleibt auch in unserer Zeit eine gute Nachricht und sie ist es allemal wert, weitergesagt zu werden! Danke!


Dienstag, 17. April 2018



Etiketten und was wirklich drin ist

„Was drauf steht, muss auch drin sein!“ Das ist doch das Selbstverständlichste von der Welt, so möchte man meinen. Aber das ist es eben ganz und gar nicht.
Etiketten auf Flaschen, Gläsern und anderen Verpackungen geben in Schrift und Bild an, was diese beinhalten. Genauer, was diese beinhalten sollen. Das lässt sich bei einem Gurkenglas noch recht einfach nachprüfen. Jeder Kunde kann ja sofort sehn, ob wirklich Gurken im Glas sind. Aber es gibt ja nicht nur Gurkengläser. Bei anderen Produkten ist das erheblich schwieriger. Etikettenschwindel hat es wohl schon immer gegeben. Jeder Händler preist seine Ware natürlich als besonders gut und günstig an. Wie sollte es auch anders sein? Mängel werden dabei gern verschwiegen oder geschickt kaschiert. Inhaltsstoffe werden ungenau benannt oder phantasievoll verschleiert. Auch werden Käufer oft durch aufwendige Verpackungen getäuscht oder lassen sich täuschen. Diese sogenannten Mogelpackungen nerven und ärgern die Kunden. Bei anderen Produkten wird heimlich das Gewicht durch Zugabe von Zucker und Wasser unzulässig erhöht. Aufgespritztes Fleisch, wie neulich bekannt wurde, verunsichert die Konsumenten.

„Etikettenschwindel“ - Wie harmlos das doch klingt. Es ist aber nicht nur ein kleiner Schwindel oder ein geschickter Trick. Nein, es ist vorsätzlicher Betrug am Kunden. Mag es sich auch nur um eine geringfügige Manipulation handeln. Alles fängt ja mal klein an. Es wird also mehr versprochen, als gehalten wird. Diese irreführenden und falschen Etiketten gibt es aber nicht nur im Supermarkt oder beim Händler um die Ecke. Auf vielen anderen Gebieten in unserer Gesellschaft treffen wir darauf; in der Wirtschaft, der Kultur, der Politik und im alltäglichen Leben ist mit diesen oder ähnlichen Manipulationen zu rechnen. Denken wir nur an den sogenannten „Diesel-Skandal“, der längst noch nicht ausgestanden ist. Da sind die Käufer schamlos betrogen wurden. Wenn so etwas aufliegt, wird schnell zurückgerudert. Keiner will davon etwas gewusst haben. Harmloser Etikettenschwindel? Nein, bei weitem nicht!

Inzwischen sind wir alle wohl etwas hellhöriger und kritischer geworden. Gott sei Dank und das ist gut so. Doch nun möchte ich, oder besser muss ich, noch auf eine ganz andere Seite des Problems mit den Etiketten zu sprechen kommen. Werden nicht zu Unrecht vielen Menschen von anderen, auch von uns selbst, bestimmte Etiketten aufgeklebt? Klappt etwas nicht in der Gesellschaft, in der Politik oder in der Kirche, dann heißt es gleich, die da oben sind schuld. Zack, Etikett „die-da-oben“ draufgeklebt. Hinterfragt wird das nicht mehr. Hat jemand eine andere Meinung zum Beispiel zu Flüchtlingen, zur Homosexualität, zum Islam oder zu anderen strittigen Fragen, dann bekommt er gleich das Etikette; homophob, islamophob oder heute ganz beliebt, ein Rechter, ein Nazi. Ende der Fahnenstange, Ende der Diskussion. Mit denen reden wir nicht!

Wir müssen aber gar nicht so weit gehen. Wir können gern bei uns selbst stehen bleiben. Jeder von uns hat sicher unbedacht oder gar vorsätzlich einem anderen schon einmal ein bestimmtes Etikett aufgepappt. „Der ist doch arrogant, die ist falsch, dem kannst du kein Wort glauben, der ist ein Lügner, die hat es doch faustdick hinter den Ohren usw.“ Mit solchen Etikettierungen gehen wir oft sehr fahrlässig um. Ohne den anderen Menschen wirklich zu kennen, nur nach dem äußeren Augenschein geurteilt, werden Menschen in eine bestimmte Schublade gesteckt, Etiketten drauf und fertig. Diese vorgefassten Meinungen verbreiten sich wie im Flug und liegen oft ein Leben lang auf demjenigen wie ein Fluch. Der ist doch rechts, der ist links. Es zählt nicht mehr, was der andere wirklich denkt und meint oder auch tut. Er hat sein Etikett weg und fertig.

Wie war das doch gleich, was draufsteht, muss auch drin sein! Das herauszufinden, ist manchmal ganz schön anstrengend. Und jede vorgefasste Meinung vom anderen ist da sehr hinderlich. Falsche Etiketten, die wir anderen anhängen, schaden nicht nur seinem Ruf, sondern können im schlimmsten Fall seine ganze Existenz ruinieren.

Der Umgang mit der Wahrheit ist also ein sehr weites und oft schwieriges Feld. Was ist Sein und was ist nur Schein? Ja, auch das gehört zum Thema. Manche Menschen kleben sich nämlich selbst ein Etikett auf: Menschenfreund, Demokrat, Wohltäter, Freund und Vertrauter. Sie schmücken sich mit positiven Titeln, um zu beeindrucken und zu täuschen. Da geschieht gleichermaßen in der großen Politik, wie im persönlichen Familien- und Bekanntenkreis. Aber auch das ist  Augenwischerei, ja Etikettenschwindel, um andere zu täuschen. Dahinter verbergen sich nämlich sehr häufig ganz andere, sehr eigennützige Ziele und ein genau berechnetes Kalkül, um die eigenen Interessen durchzusetzen.   

Wie schwer ist es schon festzustellen, ob die Qualität der Ware dem entspricht, was das Etikett vorgibt. Aber noch schwieriger ist das wohl bei anderen Menschen. Die Gurken im Glas kann ich noch recht gut erkennen, was aber ein anderer Mensch wirklich denkt und fühlt, das bleibt im Dunkeln, ganz gleich welches Etikett er auch immer trägt. Ob es ein raffinierter Selbstdarsteller und Schwindler ist oder ein Mensch, der von anderen bösartig mit einem negativen Etikett versehen wurde, das ist nicht leicht zu unterscheiden. Wer er wirklich ist und was in ihm steckt, zeigt sich aber deutlich an seinem Tun. Nicht das Etikett ist entscheidend, sondern die Qualität der Ware und im Leben sind es die Taten der Menschen. Darum fallen Sie nicht auf solche Mogelpackungen herein. Bleiben Sie also vorsichtig, kritisch und wachsam!

Also egal, ob Gurkenglas oder Mitmensch: „Was draufsteht, muss auch drin sein!“ Sonst lieber Finger weg!