Samstag, 15. Mai 2021

 

Kein  Kommentar 

„Kein Kommentar“, das ist das Einzige, was die wartenden Journalisten und Reporter dem Politiker, der vorzeitig die Nachsitzung verlässt, entlocken können. Dafür haben sie nun seit Stunden vor dem Sitzungsgebäude die Stative mit ihren Kameras mit den überdimensionalen Teleobjektiven aufgebaut. Als die Tür sich endlich einmal öffnet, kommt Bewegung und Unruhe auf. Aufgeregt und hektisch werden nun gefühlt hundert Mikrophone in die Höhe gehalten, um eine sensationelle Aussage des Politikers aufzuschnappen. Jede verräterische Regung in seinem Gesicht wird heran gezoomt und akribisch im Bild festgehalten. Er aber drängt sich durch die Meute, wie er sie schon oft erlebt hat, und er sagt nur ganz lapidar: „Kein Kommentar“.

Wozu auch, fragt sich der geübte Fernsehzuschauer, der solche Szenen ja schon oft auf dem Bildschirm gesehen hat und zur Genüge kennt. Immer wieder das gleiche Spiel und ein neuer Versuch. Jeder weiß, dass die Verhandlungen noch längst nicht abgeschlossen sind und sich noch Stunden hinziehen können. Um viele Details muss noch gerungen werden, bis es zu einem Ergebnis kommt. Darum, kein Kommentar!

Das aber will man nicht einfach abwarten. Und schon tritt in der nächsten Nachrichtensendung die Kommentatorin in gewohnter, allwissender Weise vor die Kamera und gib ihren Kommentar ab. Aber auch das kennt man schon, ein ständig wiederkehrendes Ritual. Es gibt noch gar nichts, was es zu kommentieren gäbe, aber sie kommentiert auch das. „Es sind schwierige Gespräche, die Fronten haben sich verhärtet, alle Seiten müssen ihr Gesicht wahren und dürfen ihre Wähler und die Lobbyisten nicht verunsichern.  Doch so viel steht jetzt schon fest, es wird wieder ein Ergebnis sein, dass nach unserer Meinung keinesfalls befriedigend ausfallen wird. Soweit der heutige Kommentar. Ich gebe zurück zum Sender.“

Ja, soweit der äußerst erhellende Kommentar. Da möchte man doch glatt sagen: „Bitte, keine Kommentare, jedenfalls nicht solche.“ Oder wie es Martin Luther, der hier wieder einmal als Zitatengeber gut ist, es ausgedrückt haben soll: „Kümmere dich nicht um ungelegte Eier“. Aber gerade darum scheint es in der heutigen, medialen Welt und in den sogenannten sozialen Medien hauptsächlich zu gehen. Da werden auch schon mal Ergebnisse kommentiert, die es noch gar nicht gibt. Und wenn es mal an „News“ mangelt, dann bleiben ja immer noch die „ungelegten Eier“ und die alternativen Fakten. Wer solche Kommentare hört oder liest, der braucht wirklich starke Nerven, denn jedes Ereignis oder auch Nichtereignis wird sehr subjektiv und kontrovers kommentiert.

In den Kommentarspalten bei Facebook und Co. scheint es nur weiß oder schwarz, links oder rechts zu geben. Und jede Seite kämpft verbissen und immer häufiger unfair und bösartig für die eigene Sichtweise, die natürlich die einzig richtige und wahre ist. Diesem Gemetzel von Pro und Contra fallen da zuerst die Orthographie und die Grammatik zum Opfer. Dem folgen zugleich die Wahrheit, der Anstand und die Würde des Anderen. Gnadenlos wird polemisiert, verurteilt, verunglimpft, beleidig und hasserfüllt ganz offen gedroht. Was da an, gelinde gesagt, Unsinn und Unrat in den Kommentaren zu lesen ist, wenn man es denn überhaupt noch lesen kann, was oft nur schwer möglich ist, das alles würde sicher ganze Mülldeponien füllen.

Kommentare aber sollen erhellen, ergänzen und so zum besseren Verständnis beitragen. Kommentatoren, die mit ihrer eigenen, vorgefassten Meinung oder der einer bestimmten Gruppierung, ihre Kommentare abgeben und sie auch noch als objektive Wahrheit verkaufen, die sollte man sich sparen. Die braucht kein Mensch. Sie dienen nämlich nicht einem besseren Verständnis, sondern sie polarisieren und tragen nicht zur Verständigung unter den Menschen bei. Da kann ich nur sagen: „Bitte, kein Kommentar!“

Donnerstag, 18. Februar 2021

Winter in der Stadt

Es war wie ein Traum in Weiß. Die Flocken fielen leise Stunde um Stunde vom grauen Himmel aus den dicken Wolken. Der Schnee deckte schon bald alle Straßen und Plätze mit einer weißen Schicht zu. Alle Ecken und Kanten bekamen mit einem mal weiche Konturen. Die Straßenlaternen hatten plötzlich Mützen aus Schnee. Die Autos schienen in den Straßen unter einer dicken Decke zu schlafen. Alles wirkte verändert, ja fast wie verzaubert. Winterzauber zwischen grauen und beschmierten Häuserfronten. Die Stadt war einmal zur Ruhe gekommen.

Beim Anblick der weißen Pracht hellten sich sogar die Gesichter der Menschen auf. Für kurze Zeit erschien alles von einem Augenblick zum andern unberührt und von einer zarten aber auch verletzlichen Schönheit. Doch wie gesagt, nur für eine kurze Zeit, denn wie alles „Wunderbare“ waren auch diese ersten Augenblicke nur sehr flüchtig.

Schon bald brach sich der Realismus Bahn. „Wie komme ich morgen zur Arbeit? Fahren die Bahnen und Busse? Was ist, wenn mein Termin platzt?“ Schon war aller Zauber dahin. Die ersten „Schneeschaufler“ begannen, sich noch in der Nacht durch das „Weiß“ zu arbeiten. Andere durchpflügten mit durchdrehenden Rädern ihrer Autos die unberührte Schneedecke auf den Straßen und hinterließen tiefe Spuren und Rillen. Der Traum in Weiß zerplatzte in den nachfolgenden Stunden immer deutlicher. Im Alltag ist wenig Platz zum Träumen und schon gar nicht für Wunder, auch nicht für die in der Natur.

Und es dauerte nicht lange, da zeigte sich schon wieder der Schmutz der Straßen, den der Schnee so gnädig eine Weile verdeckt hatte. Die „Salzstreuer“ sorgten für aufgeweichten Schneematch auf den Wegen vor ihren Häusern. Andere kümmerte das wenig. Alle rutschten und schlitterten beim Laufen und hatten Mühe, nicht zu fallen. Die an den Rändern der Wege aufgehäuften Schneeberge wurden schon bald alle paar Meter von gelben „Pinkelflecken“ der ungezählten Stadthunde verunziert. Man hält es nicht für möglich, wie viele es gib. Auch so manch andere Hinterlassenschaften kamen schnell dazu. Sagt man nicht: „Die Sonne bringet es an den Tag?“ Jetzt war es der Schnee, auf dem sich noch deutlicher als sonst, diese Spuren abzeichneten. Allzu schnell verfärbte  sich das strahlende Weiß mehr und mehr wieder in ein schmutziges Grau. Mit dem Schmutz schwand auch sehr schnell das Strahlen auf den Gesichtern der stets geschäftigen Menschen. Es war, als hätte es das nie gegeben. Einzig die Kinder freuten sich und nutzten jeden kleinen Hügel zum Rodeln und Rutschen. Sie hatten jedenfalls ihren Spaß. Ob ihre Eltern auch? Das bleibt zumindest die Frage.

Als der Alltag der Mensch in der Stadt wieder funktionierte, der Verkehr wieder rollte, da war es endgültig mit der Idylle des Winters vorbei. Alles war wie gehabt. Nun zeigten sich auch wieder die schmutzigen und kaputten Gehwege, flankiert von überquellenden Papierkörben, Mülltonnen und alten und neuen Unrat. In den Schmelzwasserpfützen schwammen ölige Lachen und schimmerten in der Sonne. Die verbliebenen Schneereste schmolzen unter einer Schmutzschicht allmählich dahin. Es war alles Schnee von gestern.  Und schon ist alles wieder wie immer. Alles in gewohnter Ordnung oder  Unordnung?

Das Außergewöhnliche, der Traum in Weiß, der Zauber des Winters, ist allzu schnell dem  Gewöhnlichen gewichen und das ist eben oft recht Grau.

 

 

 

Freitag, 4. Dezember 2020

Mein Freund Charly

In meinem Aktenschrank steht schon lange eine Flasche Obstbrand. Immer wenn ich dort einen Ordner entnehme oder einstelle, fällt mein Blick gerade in Augenhöhe auf das bunte Etikett dieser Flasche. Nicht, dass mir dabei das Wasser im Mund zusammenliefe, nein, es ist etwas anders, was mir in den Sinn kommt und geradezu das Herz etwas schwer macht. Es ist die Erinnerung an meinen Freund Charly. So manchen Obstler haben wir zusammen getrunken.

Seit gut zwei Jahren ist er nun bereits tot. Sehr früh und für alle unerwartet kam der Tod über ihn und uns alle. Bei manchen Menschen kann man es sich nicht vorstellen, dass es sie einmal nicht mehr gibt. So auch bei Charly. Er war in seiner lebendigen Art immer sehr präsent, offen, direkt und laut. Er nahm nie ein Blatt vor den Mund. Das machte ihn bei vielen beliebt, bei anderen eher nicht. Wer hört schon gern die Wahrheit, wenn sie nicht gerade schmeichelhaft für einen selbst ist?

Die Flasche mit dem Apfel und Birnen Obstbrand hatte er mir einmal geschenkt. Sie stammt aus dem kleinen Ort Fürstenberg im Schwarzwald, wohin Charly jahrelang mit Gruppen zu Freizeiten gern gereist ist. Und er wusste was gut ist. „Der hilft bei allem, darauf kannst Du Dich verlassen“, das waren stets seine Worte und er schenkte noch einen ein. Daran und noch an vieles mehr muss ich denken, wenn ich diese Flasche in meinem Schrank sehe.

Wie oft sind es doch gerade die profansten Dinge, die uns nachdenklich werden lassen und unsere Erinnerung beflügeln. Sie werden so zu äußeren Zeichen, die uns auf eine viel tiefere, innere Wirklichkeit verweisen. Der Blick auf die Flasche Obstbrand lässt den verstorbenen Freund in der Erinnerung wieder lebendig werden, so lebendig, wie ich ihn jahrelang erleben durfte. Bei allem Verlust macht mich das sehr dankbar.

So oder ähnlich geht es sicher vielen Menschen. Ein Stein oder eine Muschel vom Strandurlaub lassen buchstäblich im grauen Herbst und Winter wieder die Sonne scheinen und das Rauschen der Wellen hören. Ein Bild an der Wand oder eine Ikone, die mir geschenkt wurden, werden auf ihre ganz eigene Weise zum Türöffner in eine andere Welt. Die Tasse auf dem Regalbrett erinnert an eine hitzige Diskussion und daran, dass dabei eine Menge Porzellan zerschlagen wurde und wie mühsam es war, alles wieder zu kitten. Hinter den Dingen, selbst den unscheinbarsten, steckt ja oft viel mehr, da werden Situationen und die Beteiligten wieder sehr lebendig mit ihren Geschichten und all dem, was sie sind oder waren.

Für jeden Menschen gibt es sicher solche, oft kleinen und für andere bedeutungslose Andenken, die ihm aber etwas bedeuten und in ihm wach werden lassen. Daran knüpfen sich ganz persönlicher Erinnerungen. Die Erinnerung an einen schönen Urlaub, die Begegnung mit einem hilfsbereiten Menschen in einer Notsituation, die Erfahrung von Nähe und Geborgenheit. Kleine Dinge werden gleichsam zu „Denkmälern“, die zum Denken und zum Danken anregen.  

Natürlich sind nicht alle Erinnerungen nur schön. Aber auch schmerzliche Erinnerungen gehören nun mal zu unserem Leben und dürfen deshalb nicht einfach verdrängt werden. Manches weist uns hin auf die Verluste in unserem Leben, die wir schmerzlich erfahren mussten. Da geht ein Freund nach einer schweren Krankheit viel zu früh von uns. Die gemeinsam erlebte Zeit ist zu Ende. Jeder kennt wohl solche oder andere  Brüche in seinem Leben.

Wo aber die Trauer über den Verlust und damit das Selbstmitleid übergroß werden, da gerät etwas viel Wichtigeres aus dem Blick der Betroffenen, nämlich der Dank und die Freude darüber, dass es den anderen gegeben hat und dass es diese Zeit der Gemeinsamkeit gab. Das gemeinsam Erlebte ist doch für jeden das, was ihm keiner mehr nehmen kann.

Genau daran erinnert mich die Flasche Obstbrand in meinem Schrank und sie weckt Freude und Dankbarkeit in mir, dass ich Charly fast dreißig Jahre als guten Freund hatte und so manchen Obstler mit ihm trinken durfte.

 

Samstag, 31. Oktober 2020

   

Der Herbst – die Zeit der reifen Früchte

Der Herbst beginnt, wenn der Sommer endet. Und das war in diesem Jahr 2020 am 22. September. Dieser Termin wird als der kalendarische Herbstanfang bezeichnet. Der meteorologische Beginn war hingegen   der 1.  September.  

In den zurückliegenden Wochen sind zuerst ganz unmerklich, dann aber immer deutlicher, die Tage kürzer geworden. Was so wiederum ja auch nicht stimmt, denn jeder Tag hatte weiterhin 24 Stunden. Lediglich hat sich die Zahl der hellen Stunden des Tages verringert und gleichzeitig haben die dunklen Stunden zugenommen. Aber wem erzähle ich das eigentlich? Wenn das Jahr seine Mitte überschritten hat, also noch in der schönsten Zeit des Sommers, beginnt bereits  die Abnahme der hellen und lichten Stunden und schreitet unaufhaltsam fort.

Jeder spürt dies selber in diesen Herbsttagen. Auch wenn anfangs die Sonne noch hell vom Himmel scheint und den Früchten die letzte Reife verleiht, so ist doch deutlich zu spüren, dass sich etwas verändert hat. Wir müssen Abschied nehmen von den sommerlichen Tagen, die doch alle so sehr liebten. Mit der Helligkeit und ihrer wohltuenden Wärme auf der Haut geht es jetzt unweigerlich zu Ende. Der Herbst überzieht das Land schon bald mit grauen Wolken, Regenschauern und Nebelschwaden. Doch er zeigt sich auch gern von seiner besten Seite und taucht die Blätter der Büsche und Bäume in viele bunte Farben. Eine Farbenpracht, die wohl jeden begeistert. Das Laub raschelt unter den Füßen und ein ganz eigener Geruch liegt in der Luft. Es ist Herbst!

In unseren Breiten ist der Herbst die Zeit, in der viele Früchte erntereif werden. Rote Äpfel, gelbe Birnen und schwarze Holunderbeeren erfreuen dabei nicht nur das Auge, sondern sind zudem gesund und überaus schmackhaft. Viele Wochen und Monate haben sie gebraucht, um zu wachsen und zu reifen. Einen langen Prozess  haben sie dabei durchlaufen von der kleinen Knospe, über die zarten Blüten bis hin zur reifen Frucht. Alles hatte hierbei seine Zeit und durfte nicht für immer sein. Oder wie es Hermann Hesse in seinem bekannten Gedicht „Stufen“ ausdrückt: Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern."

Das gilt nicht nur für die Natur, die uns umgibt, sondern ebenso für unser eigenes Werden und Sein. Auch im Leben eines jeden Menschen gibt so eine Zeit des Herbstes. Eine Zeit der reichlich gewonnenen Erfahrungen und der reifen Früchte. In den frühen Jahren der Jugend und des späteren Erwachsenwerdens reift erst der Mensch zu seiner eigenen Persönlichkeit heran. Buchstäblich erklimmt er dabei Stufe um Stufe in seinem Leben. Auf keiner darf er zu lange oder gar auf Dauer verweilen. Auch wenn die unbeschwerte Jugendzeit noch so schön und verlockend erschient, sie darf nicht „ewig dauern“. 

Jeder Anfang birgt bereits den Keim des Abschieds in sich. „Abschied muss man üben, sonst fällt er viel zu schwer“, heißt es deshalb in einem Text des Lieder-machers Heinz Rudolf Kunze. Es gibt Ankommen und Abschied. So Manches muss der Mensch also in seinem Leben lernen, üben und sich aneignen, manchmal auch schwer erkämpfen. Dabei vergehen die Jahre fast wie im Flug. Die Zeit scheint einfach zu schrumpfen. Der schönste Augenblick lässt sich nicht für immer festhalten. Genau wie im Kalenderjahr gibt es  auch in  Leben des Menschen so etwas wie eine „Sommersonnenwende“. Die Mitte seines Lebens wird nun überschritten, wann auch immer diese bei jedem Einzelnen erreicht sein wird. Keiner weiß es. Das verunsichert und führt häufig zur sogenannten Midlifecrisis oder Lebensmittekrise. Nicht alle leiden darunter, andere spüren sie dafür umso deutlicher.

Es lässt sich nun nicht mehr verheimlichen, die Schatten werden länger und diese Schatten wirken oft bedrohlich für den, auf den sie fallen. Ab jetzt werden nicht mehr die Lebensjahre seit der eigenen Geburt gezählt, sondern die Jahre, die eventuell noch zu erwarten sind. Dieses Bewusstwerden der Endlichkeit des Lebens, auch des eigenen Lebens, wird jedoch in unseren Tagen gern verdrängt. Einer stürzt sich deshalb in eine hektischer Betriebsamkeit, ein Anderer wählt die Dauerberieselung der heutigen Eventkultur. Kein Mensch kann jedoch auf Dauer folgenlos die Realität der fortschreitenden Zeit ausblenden. Hieß es doch bei Hesse, alles hat seine Zeit und darf nicht ewig dauern.

Wem es gelingt, zu verinnerlichen, dass in seiner ganz persönlichen Lebenszeit, nicht nur etwas vorbei ist, sondern dass gleichzeitig etwas Neues beginnt, der wird mit einer  großen Gelassenheit, ja Neugier und Freude in den neuen Lebens-abschnitt des persönlichen Herbstes eintreten. Deshalb hat er es auch nicht nötig, sich den fortschreitenden Veränderungen in seinem Leben zu verweigern. Jede  Lebensstufe hat ihren Reiz und ist wichtig und schön in ihrer Weise.  Für jeden aber  beginnt auch die Herbstzeit seines Lebens entweder früher oder etwas später. Ob es aber eine Zeit der „leeren Worte und der leeren Hülsen“ oder die Zeit der gereiften Früchte ist, das liegt an jedem selbst. 

Hat ein Mensch einmal diese positive Sichtweise gewonnen, dann schenkt ihm das eine viel größere Gelassenheit, als in all den Jahren seiner Selbstprofilierung und des ständigen Kampfes mit vermeintlichen Konkurrenten. Der Mensch, der in all den Jahren Stufe um Stufe genommen hat und auf keiner länger verweilte, als nötig war, hat es auch nicht mehr nötig, sich mit allen und jedem zu messen. Er hat gelernt, mit den Aufgeregtheiten des Hier und Heute souverän umzugehen. „Nichts wird doch so heiß gegessen, wie es gekocht wird“, dieses Wissen ist zu seiner Haltung geworden und das bewahrt ihn vor überzogenen Reaktionen und einem unangemessenen Aktivismus. Für den, durch Erfahrung gereiften Menschen, sind Äußerlichkeiten nichts anderes als eben nur Äußerlichkeiten. Das macht ihn nicht heiß. 

Daher wird das Spiel des herumwirbelnden, bunten Herbstlaubs im Sonnenschein an einem schönen Tag für ihn wichtiger sein, als so manche Schlagzeile im "Blätterwald der Medien" oder der Tratsch und Klatsch im Treppenhaus. Wer seinen Stand und Standpunkt gefunden hat, der steht fest im Leben und wird auch den menschlichen "Herbststürmen" trotzen. 

Es ist ein echtes Geschenk für jeden, der diesen gereiften Menschen begegnen darf. Sie tun einfach gut.





Mittwoch, 2. September 2020

Von Vorder- und Rückseiten

 


 Von Vorder- und Rückseiten

Ich gehe gern auf Friedhöfe. Es sind ruhige und friedliche Ort, wie es der Name schon sagt. Aber es sind für mich auch sehr lebendige Orte. Sie sagen so viel über das Leben der Menschen in Vergangenheit und Gegenwart aus. Die alten Grabmale erzählen von den Verstorben und ihrem Leben. Da gibt es große und aufwendig gestaltete Grabsteine mit den Namen der Verstorbenen und all ihren Titeln und Verdiensten. Heutige Gräber haben eher schlichte Grabsteine oder gar keine mehr. Die Zeiten ändern sich halt. 

Gräber und die Art und Weise, wie zu den verschiedenen Zeiten Tote bestattet wurden, gaben schon immer Auskunft über die Verstorben, aber auch über die Einstellungen der Hinterblieben zu Sterben und Tod. Alte Grabanlagen waren quasi die ersten, nicht schriftlichen Zeugnisse der Menschheit. Egal, ob wir dabei an die Pyramiden denken oder an germanische Hügelgräber. Sie alle sind noch heute für die Archäologen und Historiker eine wahre Fundgrube, denn sie geben präzise Auskunft über die darin bestatteten Toten und ihren Rang im Leben. Zugleich sind sie beredte Zeugnisse der Vorstellungswelt der Hinterbliebenen.

Doch eigentlich wollte ich hier keine Abhandlung über Bestattungskultur in Geschichte und Gegenwart halten, sondern eher einen Blick auf die Rückseiten der Grabsteine werfen und auf das, was es ungewollt zum Ausdruck bringt, wie es mein heutiges  Foto vielleicht schon zeigt.

Solche oder ähnliche Ansichten finden sich nämlich auch an anderen Ecken und Enden im alltäglichen Leben der Menschen. Da gibt es doch auch Vorder- und Rückseiten. Auf letztere aber scheinen die meisten in ihrem Leben nicht allzu großen Wert zu legen. Hauptsache die Vorderseite ist chic und hält den Blicken der Betrachter stand. Wer schaut schon hinter einen Schrank auf dessen Rückwand? Hauptsache die Vorderfront ist glänzend poliert. Der Blick des Betrachters gilt auf dem Friedhof doch auch zuerst dem schön bepflanzten Grab und dem kunstvoll gestalteten Grabstein.

Aber mal ehrlich, haben wir nicht alle ähnliche Ecken und Verstecke für irgendwelche Dinge in unserem Alltag? In jedem Haus und Garten gibt es sie gewiss. Wohin auch mit all dem, was man täglich so benötigt? Dazu noch der ganze Krempel, der immer mehr wird? Von manchen Dingen mag man sich nicht einfach trennen und so verschwindet es dann in irgendwelchen dunklen Ecken, Schubladen oder hinter einem Vorhang. Ist das wirklich eine Lösung?

Vorder- und Rückseiten, außen und innen, Sichtbares und Verborgenes bestimmen auch andere Bereiche unseres Leben. Jeder von uns hat sicher seine unaufgeräumten Bereiche, sozusagen eine Rückseite in seinem Inneren, hinter der sich so manches verbergen lässt. Davon tritt im normalen Umgang mit anderen Menschen meistens gar nichts zu Tage. Aber es gibt Situationen im Leben, da trifft uns selbst die Erkenntnis, dass wir zum Beispiel gar nicht so tolerant sind, wie wir immer meinten. Nämlich dann, wenn  uns die anderen mit ihren unsinnigen Vorstellungen und Meinungen wieder einmal nerven. Oder wir spüren plötzlich, dass es mit unserer Ehrlichkeit nicht allzu weit her ist. Immer in den Momenten, wenn es um unseren eigenen Vorteil geht. Dann ist schon mal eine sogenannte "Notlüge" erlaubt. Wir wären ja schön dumm, denn andere machen das doch auch.  So cool, wie wir meinen sind wir auch nicht. Wir vergleichen uns immer weider mit anderen, sind dann neidisch und missgünstig. Nach außen würden wir das aber niemals zugeben. Auch mit der Freundlichkeit kann es schlagartig vorbei sein, wenn wir uns angegriffen oder bloßgestellt fühlen.  Da ist unser Lächeln ganz schnell verschwunden und ein aggressiven Ton tritt an seine Stelle. Fehler und Schwächen verstecken wir gern hinter einer souveränen Fassade. Wenn Menschen die Fassung verlieren, dann wird schnell sichtbar, das sie auch eine andere Seite haben. Deshalb ist es gut, wenn wir selbst merken, dass  nicht nur das Sichtbare zu uns und unserem Leben gehört, sondern eben auch das Unsichtbare, das Verborgene in uns. Dieses Verborgene beeinflusst unser Denken und Handeln nämlich viel mehr, als wir selbst meinen.

Scheuen vielleicht wir Menschen oft einen ehrlichen Blick hinter die schön polierte Vorderseite? Sicher, es könnte sie nämlich zutiefst erschüttern und weitere Fragen aufwerfen. Wir Menschen sind bekanntlich Meister im Beschönigen und im Verdrängen: "Was ich nicht sehe, das gibt es nicht". Wir  müssen uns also häufig eingestehen, dass wir  nicht die sind, die wir gerne wären oder die wir vorgeben zu sein. Diese Einsicht kann uns zwar stark verunsichern, ist aber mitunter der erste Schritt zur Besserung. Genau diese verborgenen Seiten in uns werden immer dann sichtbar, wenn es um unsere Person, unser Ich geht, wenn es also sehr persönlich für uns wird. Wo wir uns angegriffen oder zurückgesetzt fühlen oder angefeindet und betrogen werden. Dann tauchen aus den untersten Schubladen Ver-haltensweisen auf, die uns im Nachgang selbst erschrecken. „Das hätte ich von mir nicht gedacht, dass ich so über andere denke und schlecht rede, dass ich so lieblos sein kann“, stellen wir danach ganz betroffen und zerknirscht fest. Zumeist aber achten wir jedoch vorzugsweise auf unsere Vorderseite und verstecken gern, was sich auf der Rückseite unseres Ich so alles verbirgt. Und darin sind wir auch meistens sehr erfolgreich, doch eben nicht immer und das ist gut so. 

Nicht die Erfolge zeigen, was und wie ein Mensch wirklich ist, sondern seine Niederlagen und Rückschläge und die Art und Weise, wie er damit umzugehen vermag, sie legen sowohl seine  Schwächen offen und  machen zugleich seine Stärken sichtbar. 

 

 

Sonntag, 23. August 2020

Bücher - eine eigene Welt

 

Bücher – eine eigene Welt

In der Hitze des Sommers, als jeder, der konnte, es wohl eher vorgezogen hat, in seiner Wohnung zu bleiben (Gott sei Dank haben wir recht angenehm kühle Räume im Altbau), da nahm ich mir vor, meine Bibliothek mit rund vierzig laufenden Metern Regale zu entstauben und die Bücher neu einzuordnen. Große und kleine, dicke und dünne Bücher standen dort und stapelten sich nämlich bereits mehrfach übereinander oder hintereinander.

So stieg ich auf die Leiter und begann meine Arbeit. Dazu nahm ich nun Buch für Buch in die Hand und entfernte mit einem großen Pinsel den Staub von ihnen. Ein ganz eigener Geruch von Staub und Papier stieg mir alsbald in die Nase. Das weckte sogleich verschiedene Erinnerungen in mir. Immer öfter hielt ich inne und betrachtete jedes einzelne Buch. Dabei fielen mir besonders bei den Büchern, die noch aus der DDR-Zeit stammten, wieder die Umstände ein, unter denen diese Exemplare damals in meinen Besitz gekommen sind. Oft waren es Lizenzausgaben westlicher Verlage, die nur in geringer Auflage hier im Osten erschienen. Solche Bücher gehörten, wie vieles andere auch, zur sogenannten „Bückware“, weil sie oft nur unter dem Ladentisch gehandelt wurden.

Da war zum Beispiel der dicke, grüne Band mit Erzählungen von Heinrich Böll, ihn fand ich damals nicht im Buchladen, sondern im Konsum im Dorf neben Konservendosen und anderen Dingen des „täglichen Bedarfs“ im Regal ganz unten. Kaum jemand interessierte sich dort scheinbar für Bücher. Treffer! Das schmale Büchlein von Ulrich Plenzdorf „Die neuen Leiden des jungen W.“ entdeckte ich in einem Zeitungskiosk und zog hocherfreut mit meiner Beute los. „Homo faber“ von Max Frisch bekam ich durch  Beziehungen zu einem Buchhändler in der kleinen privaten Buchhandlung. Andere Titel tauschten wir mit Freunden aus. Bücher von Alexander Solschenizyn „Der Archipel Gulag“, Georg Orwell „1984“ oder A. Huxley „Schöne neue Welt“ standen nie in meinem Regal und wenn, dann versteckt in der zweiten Reihe. Nur heimlich habe ich sie  in diesen Jahren lesen können. Manches Exemplar wurde an der Westgrenze der DDR eben doch nicht entdeckt und fand seinen Weg zu seinen Lesern im Osten, obwohl jeder Westbesucher bei der Einreise von streng dreinblickenden Zöllnern  schroff gefragt  wurde: „Führen Sie Waffen oder Druckerzeugnisse bei sich?“ Bücher erschienen der SED-Parteiführung wohl gleichermaßen gefährlich, wie Waffen. Das aber nur mal als Anmerkung zur Zeitgeschichte. Bei vielen heute leider längst vergessen oder verdrängt. Auch diese Erinnerungen halten meine Bücher in mir wach.

Beim Säubern und Sortieren, kam mir auch wieder in den Sinn, dass zu der damaligen Zeit, jeder von uns, der bei seiner „Bücherjagd“ fündig geworden war, versucht hat, gleich zwei Exemplare zu erstehen. Nach dem Motto: „Nimm zwei“, dann hatte man etwas zum Tauschen. Meine Bücheraktion in diesem Sommer dauerte also mehrere Tage und wurde allmählich doch recht schweißtreibend, bis alles wieder an Ort und Stelle stand oder lag. Ähnlich lange würde es sicher dauern, wenn ich hier alle Einzelheiten und Begebenheiten, die mir wieder in den Sinn gekommen sind,  auflisten wollte. Was ich übrigens nicht geschafft hatte, war, mich von einigen meiner Büchern zu trennen. Zwar hatte ich dazu bereits einen hohen Stapel zur Seite gelegt, doch er wurde nach und nach immer niedriger und letztlich landeten alle meine Bücher wieder im Regal und fanden dort ihren Platz. Nach oben hin war ja in den Regalfächern auch noch Platz.

Bücher sind eine ganz eigene Welt. Nicht nur der Inhalt meiner Bücher gibt Einblicke in das jeweilige Zeitgeschehen und zeigt die Charaktere unterschiedlicher Menschen, sondern sie erzählen auch von den Umstände wie sie in mein Bücherregal gefunden haben. In diese Welt meiner Bücher, wollte ich hiermit einen kleinen Einblick geben. 

Ein regelrechter Hunger nach guter Literatur hatte uns nach der dürftigen Kost der sogenannten „Pflichtliteratur“ während der Schulzeit erfasst. Wir wussten danach zwar ganz genau, „wie der Stahl gehärtet wurde“ oder wie sich das „Neuland unterm Pflug“ anfühlt. Vor allem konnten wir die obligatorische Frage des Lehrers, was uns denn der Dichter damit sagen wolle, systemgerecht beantworten. Das hatten wir ja bestens gelernt, aber wir hatten in dieser Zeit auch gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und unsere eigenen Fragen zu stellen und anderswo Antworten zu suchen.

Im Kreis Gleichgesinnter begann damals ein reger Austausch der Gedanken und das Eintauchen in die Welt der Bücher. Es war wie ein Sog, der uns erfasst und beflügelt hatte.  „Hast du schon „Homo Faber“ von Max Frisch oder den „Steppenwolf“ von Hermann Hesse gelesen? Wer einen neuen Autor für sich entdeckt hatte, versuchte möglichst alle seine greifbaren Titel zu ergattern und zu lesen. Für uns waren diese 70iger und 80iger Jahre in der damaligen DDR eine spannende und zugleich angespannte Zeit. Es bahnte sich bereits etwas an, was noch keiner so richtig erahnen konnte.

Und dann durfte ich wirklich 1987 für wenige Tage in den Westen, offiziell die BRD, zu einem Besuch nach Bielefeld fahren. Dort stand ich nun in einer riesigen Buchhandlung und da standen auch all die Autoren, von denen wir damals nur träumen konnten. Mir gingen im wahrsten Sinne die Augen über. Ich musste schnellstens raus aus dem Laden. Diese Fülle hatte mich buchstäblich erschlagen, mir blieb fast die Luft weg. Beim zweiten Versuch erstand ich dann nach langem Suchen und Abwägen zwei dünne Paperback-Büchlein, die genauso schmal waren wie mein Budget.

Wenn ich jetzt auf all die Bücher, die Romane, Fachbücher und die dicken Bildbände in meinen Bücherregalen schaue, dann leben die vergangenen Zeiten wieder in mir auf. All diese Bücher zeigen mir zwar ihren Rücken, aber die Namen ihrer Autoren und die Titel darauf sind eine beständige Einladung, eine Einladungen, ein Buch zu nehmen, es aufzuschlagen, etwa zu verweilen und zu lesen. Manchmal finde ich in dem einem oder dem anderen Buch einen Zettel von mir mit einer handschriftlichen Notiz oder ein Exzerpt auf einer Karteikarte. Bemerkungen und Gedanken, die ich teils auch heute noch unterstreichen kann, anderes sehe ich inzwischen differenzierter, eben etwas anders. Beim Lesen guter Bücher, wird der Leser buchstäblich selbst Teil der Geschichten, wie er auch immer Teil der jeweiligen Zeitgeschichte ist. Zeit und Ort aber bestimmen auch seine Position und seine Sichtweise.

Und noch ein Gedanke kam mir in diesem Zusammenhang. Ist es nicht so, dass es beim Lesen von Weintrauben, also bei der Weinlese,  genauso wie beim  Lesen von Büchern, darum geht, die guten Beeren oder eben die guten Gedanken eines Buches zu lesen, aufzulesen, zu sammeln und das Wertvolle zu behalten? Dazu muss man wissen, dass das althochdeutsche Wort „lesan“  bereits im 8. Jahrhundert zu unserem heutigen Verb „lesen“ wurde. 

Lesen also sammelt die Gedanken und ordnet sie ein in ein größeres Ganzes. Gute Bücher kann man deshalb auch zweimal und öfter mit Gewinn lesen! Oder anders gesagt: Ohne Bücher wären wir und unsere Welt um einiges oder besser um vieles ärmer!

Mittwoch, 19. August 2020

„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die schönen Stunden nur!“

 

„Mach es wie die Sonnenuhr, zähl die schönen Stunden nur!“


Vielleicht kennen Sie dieses Sprichwort auch? Es klingt doch recht gut und erscheint auf den ersten Blick sogar sehr vernünftig. Auf den zweiten Blick hin stellt sich dann aber die Frage, was ist dann mit all den anderen Stunden, Tagen und Jahren des Lebens ohne Sonnenschein? Die Sonnenstunden machen doch oft nur einen Teil des Tages aus. An manchen Tagen schein sie überhaupt nicht. Und genau so ist es auch im Leben eines jeden Menschen.

Ja, was ist dann bitte mit der übrigen Lebenszeit, wenn sich unser Leben verdunkelt und die Sonne nicht scheint? Gehören nicht auch und gerade diese dunklen und schweren Stunden dazu? Es gibt doch wohl kein einziges Leben nur in Freude und Sonnenschein, ganz ohne dunkle Wolken. Denn es gibt auch keinen Tag ohne das Dunkel der Nacht, keine Liebe ohne Schmerz und vor allem kein Leben ohne das Sterben und den Tod. Auch wenn wir uns heute gern darüber hinwegtäuschen lassen und diese Wahrheit verdrängen. Was wäre das denn für ein Leben? Zählt nicht so manch einer in seinem Leid gerade die dunklen Stunden und hofft, dass sie vorüber gehen? Sie haben ihre ganz eigene Gewichtung und zählen zum Ganzen genauso dazu. Keiner kann sie einfach unterschlagen.

Natürlich darf sich jeder Mensch über die Sonnenstunden seines Lebens freuen, über alles Schöne und Heitere und sich dankbar daran erinnern. Die Zeit vergeht aber auch ohne Sonnenschein, auch wenn sich dichte Wolken vor die Sonne schieben und die Sonnenuhr diese Stunden nicht mehr anzeigen kann. Darum heißt diese Uhr ja Sonnenuhr. Denn allein durch den Stand der Sonne zeigte der Schatten des Zeigers die jeweilige Stunde des Tages an. Niemals bleibt die Zeit stehen, ob in guten wie in schweren Stunden.

Immer geht es weiter, auch wenn Sorgen, Schmerz und Trauer den Menschen treffen. Das ist für jeden Menschen eine ganz persönliche Herausforderung, die viel Kraft und Mut kostet. Das Leben verheißt ja auch keinem, dass er alles mit Leichtigkeit und Bravur meistert oder zum Nulltarif bekommen muss. Glücksmomente sind genau wie Sonnenstunden nicht selbstverständlich und schon gar nicht einklagbar. Sie haben immer Geschenkcharakter. Das aber vergessen viele Zeitgenossen, die nur noch von ihrem Anspruchsdenken bestimmt werden. Wer nur die schönen Stunden am Tag und im Leben zählt, der muss ja zutiefst enttäuscht und verzweifelt sein, wenn sie dann vielleicht sogar für längere Zeit ausbleiben.

Für alles Erreichte und Schöne im Leben darf und soll jeder Mensch natürlich besonders dankbar sein. Aber auch dann, wenn er dunkle Stunden und  Zeiten übergestanden hat und die Sonne wieder scheint. Rückschauend wird er vielleicht erkennen, dass in dieser Zeit andere Menschen an seiner Seite waren, die  ihn durch diese dunkle Zeit begleitet oder gar getragen haben. Diese Erfahrungen können einem Menschen sehr deutlich machen, dass nicht allein die Sonnenstunden als die schönen Stunden zählen, sondern auch und gerade die dunklen Zeiten ihren ganz eigenen Wert besitzen. Einen Wert, den man vielleicht erst viel später erkennt.

Was wäre denn das Leben ohne diese wertvollen Erfahrungen eines guten Miteinander und Füreinander?