Herbst – nur Verlust und Leere?
Mensch – Du kannst die
Welt, Deine Welt riechen, schmecken, fühlen, ja mit allen Sinnen erspüren. Wer
in diesen Tagen durch einen Park oder unter den Bäumen einer Allee entlang
geht, der riecht ihn, den Herbst. Ihm strömt dieser markante, erdige Geruch,
den die herabgefallenen Blätter der Bäume verströmen, sofort in die Nase. Bald schon werden diese Blätter selbst wieder
zur Humus, zu gutem Boden, auf dem neues Leben wachsen kann.
Ist es ein sonniger und
trockener Herbsttag, dann rascheln die bunten Blätter unter den Füßen und es
ist für die Kinder eine große Freude sich in einen Blätterhaufen fallen zu
lassen oder die Blätter mit vollen Händen in den Himmel zu werfen. Der Wind trägt
sie dann davon. Derselbe Wind ist es auch, der im Herbst die Papierdrachen
aufsteigen lässt, die dann hoch am Himmel ihren farbenfrohen, ja fröhlichen Tanz in
den Wolken zur Freude aller Zuschauer zeigen.
Doch aus dem Spiel der
Blätter und der bunten Drachen im Wind kann ganz schnell bitterer Ernst werden.
Nämlich dann, wenn der Wind zum Sturm anschwillt, der alles mit seiner enormen
Kraft mit sich reißt. Es sind die gefürchteten Herbststürme, die Bäume
entwurzeln und Dächer abdecken. Sie brausen über das Land und legen das sonst
so mobile Leben für Stunden oder Tage lahm. Viele unterschiedliche Gesichter
hat also der Herbst.
Dazu gehören auch die
dunklen und nasskalten Tage und Wochen, wenn der Nebel uns einhüllt, wie eine
feuchte Decke. Die Nebelschwaden wabern durch die Straßen und hängen den ganzen
Tag wie ein bleischwerer Vorhang grau vor unseren Augen. Da wird das Sehen eher
zum Tasten und Fühlen. Alle Fortbewegung wird verlangsamt. Die kalte Nässe
benetzt unsere Haut und lässt uns schon mal frösteln. Jeden drängt es dann, schnell
wieder ins Trockene und Warme zu kommen.
Doch das, was uns an
solchen Tagen so unangenehm berührt und uns die Sicht nimmt und das Atmen
schwer macht, wird ganz plötzlich über Nacht zu einer echten Überraschung.
Welch ein Anblick, wenn wir am Morgen aus dem Fenster sehen. Die Kälte hat den
Nebel und alle Feuchtigkeit erstarren lassen und es haben sich weiße, glitzernde
Kristalle gebildet, die sich überall an den Zweigen der Bäume, auf den
Rasenflächen, den Zäunen und Hecken festgesetzt haben. Der Raureif hat alles
mit seinem weißen Zuckerguss überzogen. Alles scheint wie verzaubert. Doch ach,
wie flüchtig ist doch diese Schönheit, ist dieser Zauber. Schon bald tropft es
wieder nass und kalt auf uns herab von den Ästen und Zweigen der Bäume, so dass
die Wege gefährlich glitschig werden. Nichts bleibt für immer, oft sind es nur
kurze Momente des Glücks und der Freude. Die schönsten Augenblicke im Leben
können wir nicht festhalten. Der Herbst lässt das für uns wieder einmal ganz
deutlich werden.
Wenn etwas Schönes
vergangen ist, sind wir traurig, weil es nicht mehr da ist. Der Herbst ist die
Jahreszeit, in der alles Leben zurückfährt und so manches für alle Zeiten vergeht.
Der Herbst in all seinen Facetten ist ein deutlicher Hinweis auf die
Vergänglichkeit allen Seins. Die Blätter fallen und die Temperaturen auch. Der
Nebel lässt die Sonne für Tage verschwinden. Die Sehnsucht nach Helligkeit und
Licht macht manche Menschen förmlich krank. Nun bestimmt das eintönige Grau die
Tage und Wochen. Auch die buntesten Herbstblätter sind längst unansehnlich und
fad geworden. Sie werden am Boden zertreten. Nichts erinnert mehr an die schönen
Farben des Sommers, an seine Wärme und die Helligkeit. Die Fülle ist der Leere
gewichen. Positive Empfindungen sinken in den Minus-bereich ab, so wie die
Temperaturen auch. Das Gefühls-Barometer
fällt fast ins Bodenlose.
Aus dieser Sicht auf die
Dinge und die Menschen, drängt sich das Gefühl des Verlustes deutlich in den Vordergrund. Da ist plötzlich etwas
oder jemand einfach nicht mehr da. Nichts ist
mehr so, wie es einmal war. Und es wird auch nie wieder so sein. Eine unendliche
Leere umfängt dabei die Menschen. Sie sind nur noch auf ihre Verluste fixiert.
Es ist schmerzhaft, etwas
oder gar jemanden zu verlieren. Doch der Schmerz wird nicht geringer, wenn wir nur noch
auf den Verlust starren. Ist es da nicht viel wichtiger und befreiender für jeden, sich dankbar
und froh daran zu erinnern, dass man viele schöne Dinge im Leben genießen
durfte, einen Menschen geliebt hat oder von ihm geliebt wurde?
Der Herbst kann uns lehren, nicht
nur auf die kahlen Bäume und Sträucher zu schauen, sondern uns gern und voll Dankbarkeit an die Farben und Düfte des
Frühlings und des Sommers zu erinnern, die wir alle so selbstverständlich genießen durften. Dann können wir uns schon
jetzt auf alles Neue und Schöne freuen.
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