Montag, 13. Juli 2015


Die letzten Indianer

Nur wenige von ihnen sind noch übrig geblieben. Der Häuptling hat einige Schrammen abbekommen, die Friedenspfeife ist verloren gegangen. Andere Krieger liegen mit abgebrochenen Armen und Beinen, ohne ihre Bögen und Tomahawks, in einer Kramkiste aus meinen Kindertagen auf  dem Dachboden. Fast sechzig Sommer sind über das ehemalige Indianerlager ihre Bewohner hingezogen. Davon ist kaum noch etwas übrig. Eine Hütte ohne Dach, ein erloschenes Lagerfeuer, der Totempfahl, das ist alles.
Die einst stolzen Krieger und edlen Helden, die meine Kinderphantasie beflügelt haben, gibt es nicht mehr und ganz sicher hat es sie in Wirklichkeit so nie gegeben. Unsere Vorstellung von den „edlen Wilden“ entspringt einer sehr romantisierenden Sichtweise.
Die großen Jäger, die den Büffelherden in den Weiten der Prärie  nachjagten und so für das Überleben des Stammes sorgten, die Krieger, die ihre Frauen und Kinder gegen jeden Angriff der Feinde verteidigten, der weise Medizinmann, der die Natur und ihre Kräfte der Heilung genau kannte und der große Häuptling mit seinem reichen Federschmuck, der sein Volk schützte und zum Sieg führte, das sind die Vorstellungen und verblassten Bilder, die wir von den Indianern hatten. Diese wurden noch genährt von Karl May und seinen Büchern und später von den vielen Indianerfilmen, die gerade dieses Klischee bedienten.

Auch wenn wir das alles längst wissen, haben sich diese Bilder vom rothäutigen Prärieindianer mit seinem Kopfschmuck aus prächtigen Federn tief in uns eingeprägt. Dass es die verschiedensten indigenen Völker und Stämme auf dem ganzen amerikanischen Kontinent vom hohen Norden bis nach Feuerland im äußersten Süden gab und gibt, ist heute hinreichend bekannt. Auch die Tatsache, dass nach der Landnahme durch die weißen Siedler, ihre Zahl auf ein Minimum dezimiert wurde, ist kein Geheimnis mehr. Dem regelrechten Krieg der Europäer gegen die „Rothäute“, die in ihren Augen als „Wilde“ und nicht als  Menschen galten, hatten diese nur wenig entgegen zu setzen. Skrupellose Habgier hatte dem friedlichen Zusammenleben schon bald ein Ende gesetzt.

Die persönliche Begegnung mit heute lebenden Indianern ist für uns noch immer etwas ganz Besonderes. Als wir in diesem Jahr durch Kanada reisten, kamen wir durch ein Indianerreservat in der Nähe von Pemberton in Britisch Columbia. Dort im Mount Currie Reservat lebt die Gruppe der Lil´wat Indianer. Diese  Ureinwohner waren die ersten, die das Gebiet ihr Zuhause nannten. Sie waren wirklich die „First Nation“, die erste Nation, wie die Kanadier diese Nachkommen der Ureinwohner und ersten Besitzer des Landes heute anerkennend nennen. Von ihrem Land ist ihnen jedoch nicht mehr viel geblieben.

Trotzdem pflegt die Gruppe der Lil`wat, wie andere Stämme auch, ihre alten Traditionen und ihre Sprache.  Sie versuchen, der heutigen Zeit zu trotzen und ihrem völligen Verschwinden entgegen zu wirken.  Jedoch war der Einfluss der Weißen auf diese Menschen nicht immer der beste. Sie brachten ihnen das „Feuerwasser“ und so manche Zivilisationskrankheit. Darunter leiden auch heute noch viele in den Reservaten und man sieht es ihnen und ihren Behausungen auch an.

Zu einer persönlichen Begegnung mit einer alten Indianerin  kam es nach dem Gottesdienst am Fest Christi Himmelfahrt in der kleinen Holzkirche in Mount Currie, den ein polnischer Pfarrer aus Wisthler mit uns und noch etwa acht weiteren Besuchern feierte. Zum Klang einer Gitarre und einer Mundharmonika wurde auch ein indianisches Lied gesungen. Im Anschluss wurden wir zum Kirchenkaffee eingeladen und erfuhren einiges aus dem Leben dieser Indianerin. Als Lehrerin versuchte sie immer, ihren Schülern  die Traditionen der "Alten" zu vermitteln und sie gleichzeitig auf die Herausforderungen der heutigen Zeit vorzubereiten, was auch heute noch einem Spagat gleichkommt.

Nach dieser Begegnung stellten wir gemeinsam fest, dass diese alte Indianerin so gar nicht unseren Vorstellungen entsprach. Sie war so authentisch und hat uns sehr beeindruckt und zum Nachdenken gebracht. Als wir danach durch das weite Tal fuhren mit seinen grünen Wiesen und Wäldern, mit der reinen Luft und dem frischen Wasser des Flusses, da  konnten wir ermessen, was diese „First Nation“ ein für allemal verloren hat. All das, war doch ihr natürlicher und angestammter Lebensraum, den sie verloren haben und um den sie noch heute kämpfen müssen.

„Nur wenige sind noch übrig geblieben“, mit diesen Worten habe ich meinen Text und meine Betrachtungen begonnen und meinte damit zuerst das Indianerlager aus meinen Kindertagen. Doch ein Blick in die Geschichte des amerikanischen Kontinents zeigt, dass alle indigenen Völker, Ureinwohner oder wohlwollender ausgedrückt, die „First Nation“ ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Nur war ihr Schicksal eben viel grausamer, als das der Indianer aus meiner Spielkiste, denn sie waren Menschen, die getötet wurden und ihr Land verloren haben.