Dienstag, 24. November 2015


Fallobst - was unten liegt, ist nichts mehr wert

Was auf der Erde liegt ist schmutzig und nichts mehr wert. Was runterfällt, bleibt liegen. Salopp gesagt: „Tritt sich fest“. Sich danach zu bücken, ist nicht der Mühe wert. Herunter gefallene Früchte bleiben liegen und werden auf den Wegen zertreten oder auf der Fahrbahn von den Autoreifen zerquetscht.

Wie sich  doch  die Zeiten und die Ein-stellungen ändern? Aus meiner Kindheit kenne ich es noch, dass wir zu den Obst- wiesen gingen und die herunter gefallenen Äpfel aufgesucht haben. Ebenso lasen wir diese unter den Apfelbäumen am Straßen-rand auf. Die Angst vor den schädlichen Autoabgasen war in diesen Jahren noch nicht so groß, da der Straßenverkehr im Osten recht übersichtlich war. Nun, so ganz lecker wirkten die „Falläpfel“ nun wirklich  nicht. Oft waren sie madig und hatten faulige Flecken. Aber sie waren reif und saftig. Und das war ja auch der Grund dafür, dass wir sie körbeweise aufsammelten. Es ging doch gerade um den süßen Saft, natürlich hundert Prozent Frucht.

In unserem Dorf gab es eine kleine Mosterei. Dorthin wurden die Äpfel und andere Früchte gebracht, um daraus den köstlichen Most herstellen zu lassen. Zu den Abgabeterminen bildeten sich auf  der Dorfstraße regelrechte Schlangen parkender Fahrzeuge, beladen mit Eimern, Körben und Säcken voller Obst und dazu auch jede Menge leere Flaschen, in die später die fertigen Obstsäfte abgefüllt wurden.

Es stimmt also nicht immer: „Was unten liegt, taugt nichts.“ Vielleicht ist das auch nur so eine Ausrede für alle, die zu faul sind, sich zu bücken. Schließlich erfinden wir ja allzu häufig zur eigenen Entschuldigung die kreativsten Ausreden. Diese werden dann schnell zu handfesten Vorurteilen und zu gedankenlos übernommenen Klischees. „Was am Boden liegt, taugt zu nichts.“ 

Und das gilt dann auch für Menschen, die gefallen sind und buchstäblich am Boden liegen. Sie sind halt die Verlierer. Es ist ihr Fehler, dass sie dort gelandet sind. „Jeder ist schließlich seines Glückes Schmied.“ Sie ähneln den Falläpfeln, angeschlagen, dreckig und faul. Für die Gesellschaft wertlos. Wirklich?

Ist  das nicht manchmal auch unsere Sicht,  wenn  wir von solchen Menschen hören oder ihnen begegnen? Ihre Schicksale interessieren uns wenig, wir wenden lieber den Blick ab und gehen weiter. Wir haben schließlich unsere eigenen Sorgen. Die Versager, die von der Natur Benachteiligten, die wenig Gebildeten haben kaum noch Chancen. Die Nachfrage nach "Fallobst" ist eben sehr gering. Es gut aufzubereiten, ist mühsam und viel zu teuer. So vergammelt das Obst auf dem Boden und bestätigt wieder einmal die vorherrschende Meinung: „Was am Boden liegt, taugt zu nichts mehr, ist wertlos.“ Welch eine Verschwendung von Obst und anderen Lebensmitteln, die in unserem Lande, in dieser Wegwerfgesellschaft, einfach entsorgt werden und vergammeln.

Welch ungeheures Versagen an all denjenigen Menschen in unserem Land, die in den Augen anderer (vielleicht auch in unseren) zu nichts mehr taugen, die am Boden liegen, die wir gern als die "Sozialschwachen" bezeichnen und sie mit Hartz-4 abspeisen. Man hat sie abgeschrieben und fallen gelassen. Zu nichts mehr zu gebrauchen, Sozialfall.

Hat nicht jeder Mensch eine  zweite oder auch dritte Chance verdient, wieder auf  die Beine zu kommen? Dazu muss man sich natürlich zu ihnen herabbücken, um sie aufzurichten und sie wieder auf die Beine zu stellen. Das ist zwar mühsam und auch nicht immer von Erfolg gekrönt, jedenfalls nicht nach unseren Maßstäben. Aber es wird immer  wichtiger. Diese Verschwendung können wir uns eigentlich nicht leisten. 

Wenn dennoch unsere Gesellschaft es weiterhin zulässt, dass große Teile der Bevölkerung  an die Ränder gedrängt, abgeschoben und abgeschrieben  werden,  weil sie nicht den Standards der Leistungsgesellschaft entsprechen, dann ist diese so überhebliche Gesellschaft selbst „sozialschwach“, ja unmenschlich und letztendlich der eigentliche Verlierer.