Sonntag, 8. November 2015


Man weiß ja nie…

„Ich brauche eine Trauerkarte“, sagte Tante Rita, „die Nachbarin ist gestorben“. Im Dorf kennt man sich halt noch und nimmt Anteil am Geschick der anderen. Jedenfalls ist das so bei den älteren und ortsansässigen Bewohnern. „Ach bringt doch gleich fünf Karten mit, man weiß ja nie“, fügte sie dann nach einer Weile noch hinzu.

Das stimmt natürlich, man weiß es wirklich nie, ob und wann der nächste Todesfall im Bekanntenkreis eintritt und schon gar nicht, wen es trifft. Mit Gewissheit wissen wir natürlich, dass jeder einmal sterben muss. Auch wir selbst.

Doch herzliches Beileid wünschen, was soll das eigentlich heißen? Wem gilt es? Dem Verstorbenen sicher nicht, denn er ist ja tot. Für ihn ist es unerheblich, ob andere Menschen um ihn weinen, ihn bemitleiden oder trauern. Und in den Augen  vieler Zeitgenossen bedeutet das Ende des Menschen ja sowieso nur:  „tot ist tot, aus und vorbei.“ Was soll´s also?

Der Tod eines Menschen, eines Angehörigen oder eines lieben Freundes bedeutet doch immer Verlust. Einen Verlust, den die Lebenden erleiden. Ihnen gilt mein  Mitgefühl, ihnen spreche ich mein herzliches Beileid aus. Das sollte aber keine bloße Floskel  sein, nur so dahingesagt oder in einem Kondolenzbrief schriftlich zum Ausdruck gebracht. Einem Hinterbliebenen, der einen so schmerzlichen Verlust erlitten hat, der Mann der seine Frau verloren hat oder die Frau, die ihren Mann oder gar ihr eigenes Kind beerdigen musste, diesen Menschen gilt mein „Herzliches Beileid“. Das aber heißt doch nichts anderes als: „In deinem Leiden und deinem Schmerz bin ich bei Dir, das sage ich Dir heute von ganzem Herzen zu“. Und wenn das nicht nur leere Worte sind, dann spürt der Trauernde auch, dieser Trost hat wirklich Hand und Fuß.

Beileid wünschen bedeutet Anteil nehmen und Anteil geben, dem Tod und der Trauer nicht auszuweichen. Der Tod eines Menschen, sowie der Schmerz und die Trauer der Hinterbliebenen verunsichern aber oft selbst Freunde und Bekannte. Sie wissen dann nicht, was sie sagen  sollen und das entstehende Schweigen ist ihnen eher peinlich und bedrückend. Man beschränkt sich bei einer Begegnung, wenn es gar nicht anders geht, auf Vordergründiges oder weicht einer Begegnung lieber aus.

Der Tod und was er mit den  Menschen macht, bleibt uns sehr suspekt. Er stellt uns selbst in Frage. Da fehlen uns die Antworten, die  wir sonst so schnell und selbstbewusst überall parat haben. Die Aussage - tot ist tot - ist deshalb für einen Trauernden nicht sehr tröstlich. Ebenso ist die Allerweltsaussage, „die Zeit heilt alle Wunden“, nur ein hilfloser Versuch das eigene Unvermögen zu verschleiern, den man sich getrost sparen kann.

Dagegen eröffnet der so banal klingende Satz, „das Leben geht weiter“, wenn dieser nicht nur eindimensional gemeint und verstanden wird, eine ganz andere Dimension, die über den Tod hinausweisen kann und so manch einem die Einsicht entlockt: „Man weiß ja wirklich nie…“