Mittwoch, 23. Oktober 2013

Vom Sinn des Formationsfluges



Jetzt  kann  man sie wieder am Himmel sehen. Oft hört man zuerst ihr Schreien, so dass die Leute ihre Blicke nach oben richten. Und da ziehen sie vorüber, die Schwärme von Wildgänsen.  In wohlgeordneter Formation fliegen sie hoch über unseren Köpfe. Imposant bilden sie ein offenes Dreieck mit einem spitzen Winkel am blauen Himmel. Wie eine Pfeilspitze aus vielen Vögeln fliegen sie dahin. Wer sie aber einmal länger beobachtet, der bemerkt, dass ihre Formation immer die gleiche bleibt, aber die einzelnen Tiere sich bei der Führung abwechseln. Aus dem hinteren Teil des Verbandes kommt ein ausgeruhtes Tier an die Spitze und löst den Leitvogel ab, der sich allmählich nach hinten fallen lässt und sich in die Formation einreiht. Bei der Dreiecksformation haben die einzelnen Vögel alle vor ihnen fliegenden Tiere im Blick und können doch von ihrem Windschatten profitieren. Auf diese Weise legen sie lange Strecken zurück. Die Formation gibt ihnen Sicherheit und Halt.

Was bei den Wildgänsen so ganz natürlich ist, fehlt heute vielen Menschen. Der Zusammenhalt  und die Formen des Zusammenlebens sind schwächer geworden und vielfach aufgelöst. Jeder ist sich selbst überlassen oder hat sich selbst von alten Formen und Formationen verabschiedet. Diese als Einengung seiner Individualität abgestreift. Nun flattern sie, aufgeschreckt wie Tauben auf einem großen Platz, wild durcheinander. Besorgt, rasch wieder zum Futterplatz zu finden, um nicht zu kurz zu kommen. Wenn aber immer mehr nur noch an sich selbst denken, kann so manches Wichtige nicht mehr gelingen. Der Einzelne verfehlt dabei aber leicht die Orientierung. Auch unser Leben kann ohne Form und Ordnung nicht funktionieren.

In der Formation der Wildgänse werden die Schwachen gestützt und so sicher ans Ziel gebracht. Allein auf sich gestellt ist der einzelne Vogel nicht in der Lage, den Flug zu überstehen. Der Blick auf das Bild  mit der Formation der Wildgänse am blauen Himmel macht  es wohl allzu deutlich: Wer sich aus der Form des geordneten Zusammenlebens in unserer menschlichen Gesellschaft ausklingt, schwächt und gefährdet das Gemeinwohl. Denn eine Gemeinschaft ist nur so stark wie ihre schwächsten Glieder. Es muss sich jeder auf jeden verlassen können. Der Leitvogel muss alle anderen Vögel im Blick haben und jeder in der Formation kann sich an ihm ausrichten und kann sich auf ihn verlassen. Er aber erfährt die Unterstützung der anderen, wenn er mehr Ruhe braucht, um neue Kraft zu schöpfen. Jeder findet in der Formation den Platz, den er gerade zu einer bestimmten Zeit ausfüllen kann. Und weil die Wildgänse das instinktiv tun, erreichen sie gemeinsam ihr Ziel.

Warum wird das in unserer modernen Gesellschaft immer schwieriger, uns mit Vernunft und Verstand auf gemeinsame Ziele und die Wege dorthin zu verständigen?