Dienstag, 18. November 2014


Für alles die richtige Pille


„Der Tag fängt ja gut an, jetzt hab ich auch noch Kopfschmerzen“, klagt sie. Dabei hat sie gerade heute wieder einen an-strengenden Tag mit zwei Prüfungen. Da bleibt der rasche Griff zur Schmerztablette nicht aus. Was soll sie sonst auch tun? Die Klausur vermasseln, weil sie sich vor Kopfschmerzen nicht mehr richtig konzentrieren kann? Nein, da ist so eine Schmerztablette genau das Richtige. Sie lindert den Schmerz und gibt schnell die Leistungsfähigkeit zurück.

Toll, dass es diese gute Möglichkeit gibt, Schmerzen so einfach zu lindern. Natürlich hat dies auch eine Kehrseite, denn in einem zu häufigen und gedankenlosen Gebrauch liegen versteckte Gefahren. Viele Menschen haben den Eindruck, dass es für alles und zu jeder Zeit die richtige Pille gibt. Ich muss sie nur noch einwerfen, wie eine Münze in einen Automaten und schon stellt sich das gewünschte Ergebnis von ganz allein ein.

Beruhigungsmittel, Schlaftabletten, leistungssteigernde Mittel, „Glückspillen“, Schmerzmittel und vieles mehr wird auf diesem sehr einträglichen Markt der Pharmazie vertrieben. Es gibt heute viele Medikamente, mit denen man jeder Zeit ein vermeintliches Wohlbefinden herstellen kann. Immer mehr Menschen gehen davon aus, ihre Schwierigkeiten ohne diese „Pillen“ nicht mehr bewältigen zu können. Wenn aber die Einnahme der Medikamente zur Regel wird, entsteht eine Abhängigkeit. Und das ist nicht nur so dahin gesagt. Etwa 1,4 Millionen Menschen in Deutschland sind medikamentenabhängig. Und das sind genau 1,4 Millionen zu viel!

Wie kommt es eigentlich zu diesem Missbrauch von Medikamenten und anderen  viel beschworenen „Wundermitteln“? In unserer heutigen Zeit wird ein gewisser Lifestyle für alle Bereiche des Lebens als absolute Norm vorgegeben. So entsteht für alle  ein hoher Leistungsdruck. Die Werbeikonen werden dabei oft zur Richtschnur für Aussehen und Verhalten. Wer da mithalten will, schafft das nicht mehr ohne Hilfsmittel und die richtigen Pillen.

Schon jüngere Schüler benötigen Präparate, damit sie den Schulstress bewältigen und die hohen Anforderungen erfüllen können. Damit sie am Abend endlich einschlafen, müssen sie Beruhigungsmittel oder gar Schlafmittel einnehmen. Gesund? Gewiss nicht! Ganz krass geht es auf dem Sektor der kosmetischen Mittel zur Sache. Nach dem Motto: „Schönheit kommt von innen“, werden jede Menge Pillen und Dragees dafür beworben. Um den überhöhten Ansprüchen zu genügen, die von der Werbung suggeriert werden, werden dann diese Produkte gekauft und konsumiert. Bleibt der Erfolg aus, wird die Dosis erhöht, bis dann ein Leben ohne Medikamente und teure Pillen gar nicht mehr geht. Der Glaube, auf diese Weise ein glücklicheres und unbeschwerteres Leben zu führen, ist naiv aber wohl ungebrochen. Der kindliche Glaube, es gibt für alles die richtige Pille, lässt die Produktion solcher Produkte auf Hochtouren laufen.

Dabei wird den Verbrauchern permanent suggeriert, jeder kann so weiter leben wie bisher. „Ich will so bleiben wie ich bin!“ oder „Du darfst“, klingt doch sehr verlockend. Du brauchst keinen regelmäßigen Schlaf, dafür gibt es doch die richtige Pille, um am Morgen wieder fit und leistungsstark zu sein. Deine Depressionen sind wie weggeblasen, wenn du schnell zu den „Glückspillen“ greifst. Kopfschmerzen, Übelkeit, kein Problem, da gibt es doch etwas dagegen. Und Dank der großen „Wundersucht“ vieler Menschen floriert das Geschäft und die Kassen klingeln. 

Fachleute sagen längst, Power-Drinks für "Supermänner" und diverse Schönheitsmittel für glänzendes Haar und feste Fingernägel für die "Dame von Welt", gehören eher in den Müll. Vieles davon ist gar nicht  nötig und sogar auf Dauer schädlich, denn nicht die Symptome müssen zuerst beseitigt werden, sondern die Ursachen und die liegen oft viel tiefer.

Damit das Geschäft mit Wunderpillen auch weiterhin klappt, werden uns heute immer neue Defizite und Probleme einredet, die wir ansonsten gar nicht hätten, um sie dann für viel Geld und unter Gefährdung der körperlichen und seelischen Gesundheit mit den dafür angepriesenen Mitteln zu bekämpfen.

Darum gilt auch hier die alte Weisheit: „So viel wie nötig und so wenig wie möglich“. Oder:„Bei Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker“.