Samstag, 22. November 2014


Was soll ich nur anziehen?

Er und sie wollen verreisen. In einer Stunde fährt der Zug. Sie steht aber immer noch vor ihrem vollen Kleiderschrank und sucht die passende Kleidung für die Reise. Und nun wird es schwierig. Das eine ist zu warm, das andere zu dünn, das eine zu kurz, das nächste zu lang. Irgendwie ist nichts das Richtige, kein Stück will farblich oder vom Schnitt her zum anderen passen. Er drängt sie ungeduldig immer wieder zur Eile. Schließlich wartet der Zug  nicht auf sie. Sie aber stöhnt und jammert: „Was soll ich nur anziehen? Ich kann mich einfach nicht entscheiden!“ Er bleibt ruhig, er kennt sie ja. Die Zeit vergeht, beide werden zunehmend nervöser und so ergibt ein Wort das andere. Letztendlich ist der Krach da und der Zug ist weg.

Wer sich nicht entscheiden kann, über den entscheiden halt andere. In unserem Fall ist es der Fahrplan. Das ist jedoch noch kein Beinbruch. Es fährt gewiss noch ein anderer Zug, wenn nicht gerade wieder einmal gestreikt wird.

Jeder Mensch muss sich täglich und in vielen kleinen aber auch in größeren Dingen entscheiden. Dabei sind so manche Entscheidungen bereits Routine geworden und fallen einem gar nicht mehr auf. Der Tagesablauf wird nicht jeden Tag aufs Neue verändert. Auch nimmt keiner jeden Tag einen anderen Weg zur Schule, ins Büro oder zum Einkaufen. Bei der Programmauswahl im Fernsehen am Abend sieht das schon anders aus. Da braucht es gewisse Kriterien, um sich für die richtige Sendung zu entscheiden oder einfach auszuschalten. Jeder hat dabei zahlreiche  Wahlmöglichkeiten. Viele zappen heute von einem Programm zum anderen. Dabei gehen die Bildsequenzen und Inhalte in rasanter Folge über den Bildschirm. Was kann davon noch den Zuschauer erreichen, wenn eine Information die andere jagt? Sich ein eigenes Urteil über das Gehörte und Gesehene zu bilden, ist von den Machern wohl gar nicht mehr gewünscht.

Ähnlich erscheint heute das Verhalten vieler Zeitgenossen in ihrem persönlichen und beruflichen Alltag. Sie zappen einfach hin und her. Bei Nichtgefallen nächstes Bild, nächster Ort, nächster Job, nächster Mensch und nächster Partner. Diese Unentschlossenheit ist aber nicht nur ein persönliches Problem des einzelnen, nein es tangiert ganz stark andere Menschen, die nicht mehr auf die Verlässlichkeit des andren zählen können. Es ist einfach schwer mit jemanden aus zu kommen, der sich einfach nicht entscheiden kann.

Lehrlinge brechen vorzeitig ihre Lehre ab, weil sie meinen, sich falsch entschieden zu haben oder die Anforderungen nicht erfüllen können oder wollen. Ein neuer Versuch wird gestartet, oft mit genauso  wenig Erfolg. Studenten wechseln mehrmals während ihrer Studienzeit das Studienfach, weil es immer wieder andere Möglichkeiten gibt, sich zu versuchen. Immer wenn es im Leben ernst wird, zeigt es sich, ob ein Mensch entschieden dazu  steht, was er ausgewählt hat.

Sich bloß nicht zu früh festlegen, sich ein Hintertürchen offen halten, man weiß ja nie, ob sich noch etwas besseres findet, das scheint für immer mehr Menschen die Devise zu sein. Sind sie nun "entscheidungsunfähig" oder nur "entscheidungsunwillig"? Ganz egal. Wer sich nicht entscheiden kann, macht es sich und anderen oft sehr schwer. Aber auch sogenannte "Spontanentscheidungen" haben so ihre Tücken. 

Darum gilt es hiebei, zuerst vernünftig abzuwägen, sich nicht drängen zu lassen, lieber noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen, dann aber eine begründete Entscheidung zu treffen. Das macht einem wieder den Kopf frei und nimmt das Grummeln im Bauch. Jetzt kann man wieder durchatmen, der Blick geht nach vorn, das Hin und Her ist vorbei. Die Entscheidung ist gefallen, denn die kann einem sowieso keiner abnehmen.