Montag, 22. Dezember 2014


Der kleine Muck – nur ein Märchen


„Mach das Märchenbuch zu“, sagte meine heran-wachsende Nichte vor Jahren immer zu mir, wenn ich begann etwas von früher aus meiner Jugend zu erzählen. Sie wollte die alten Geschichten einfach nicht hören, sie hatten wohl nicht viel mit ihrem Leben zu tun, wie sie meinte.
Märchen haben bei den meisten Menschen keinen großen Stellenwert. Es sei denn bei den ganz Kleinen oder bei älteren Leuten, die sie wieder entdeckt haben, weil sie die Schönheit der Märchen und die tiefere Wahrheit darin schätzen gelernt haben. Die anderen tun sie leicht als Kinderkram ab. Für sie ist bestenfalls in ihrem Sprachgebrauch einmal ein schönes Wochenende „märchenhaft“, weil es sie der Realität des Alltags enthoben hatte und sie sich wie im „siebenten Himmel“ gefühlt haben.
Und genau das ist es ja gerade, was die Märchen tun. Sie führen uns auf ihre Weisen durch das Leben. In ihnen werden die Wünsche und Hoffnungen aller Menschen sichtbar. 

In einem alten Märchenbuch aus meinen Kindertagen wird von dem Märchenschreiber Wilhelm Hauff vom kleinen Muck erzählt. Muck ist nicht gerade vom Schicksal verwöhnt. Er ist kleinwüchsig und hat einen viel zu großen Wasserkopf, den der riesige Turban noch größer erscheinen lässt. Die Leute verlachen ihn und seine Herrschaft ist sehr streng zu ihm. Nach einem Missgeschick in seinem Dienst befürchtet er harte Strafen. Er will lieber fliehen. In einer Kammer des Hauses entdeckt er überdimensionale Pantoffeln und ein kleines Stöckchen mit einem Knauf. Für seine Flucht nimmt er beides mit. 

Erst später merkt er, was es mit den Pantoffeln auf sich hat. Mit ihnen kann er sogar fliegen. Seine ungewöhnliche Schnelligkeit macht ihn zum hochgeschätzten Boten des Königs und damit erfährt er die Missgunst der anderen Höflinge. Mit seinem Stöckchen kann er verborgene Schätze finden und er wird dadurch reich. Doch der Neid der anderen ist groß, sie bezichtigen ihn des Diebstahls. So muss er wieder einmal  schleunigst die Stadt verlassen. Unterwegs findet er einen Feigenbaum, wenn jemand von seinen Früchten isst, dann wachsen ihm regelrechte Eselsohren und eine lange Nase.

Von diesen Feigen ließ der kleine Muck den treulosen König und seine Günstlinge essen, als er verkleidet als hoch gelehrter Weiser, unerkannt in die Stadt und den Palast gelangte. So strafte er die Verleumdung und alle ungerechte Behandlung, die er hier erfuhr. Noch ehe der König begriffen hatte, dass er für sein schändliches Verhalten zeitleben mit hässlichen Eselsohren gestraft wurde, war der kleine Muck auch schon verschwunden. Fortan lebte dieser in großem Wohlstand aber zurückgezogen von den Menschen, denn er hatte sie alle kennen gelernt und durch seine Erfahrungen mit ihnen war er weise geworden.

Der kleine Muck war wie so viele Menschen auf der Suche nach Glück, Anerkennung und Frieden, aber er fand nur Unrecht, Neid, Missgunst und Lüge am Königshof der Welt. Dort wo die Mächtigen herrschen, werden andere unterdrückt und verraten. Die Aufrichtigen und Ehrlichen aber ziehen immer noch den Kürzeren. „Man muss mit den Wölfen heulen, die Fahne nach dem Wind drehen“, das ist dort ein ungeschriebenes Gesetzt zum  Erhalt der eigenen Macht. Lügen, Korruption, hinterhältige Verleumdungen, Hetzkampagnen  und Diffamierungen sind dabei nicht selten. Wer zwischen diese Mahlsteine gerät, ist kurz über lang verloren. Und das ist fürwahr kein Märchen, das ist selbst in unserer Zeit noch so.

Im Märchen vom kleinen Muck erhielten alle diese Übeltäter ihre wohl verdiente Strafe und mussten mit den großen Eselsohren herumlaufen. So waren sie öffentlich zeitlebens gebrandmarkt. Leider nur ein Märchen?!

Da möchte ich gern wieder an Märchen glauben, in denen das Böse bestraft wird und das Gute siegt. Und ich sehe schon ganz genau in einem aktuellen Bericht der Tagesschau all die Mächtigen und Großen mit riesigen Eselsohren und langen Nasen gestraft über den Bildschirm flimmern. Weg wäre ihr überhebliches Grinsen, ihr permanentes Geschwafel und ihr zur Schau gestelltes Gehabe.

Und Sie können mir glauben, es sind gewiss viel mehr als Sie und ich meinen und für möglich halten. Da würden nicht einmal die Feigen einer ganzen Ernte reichen!