Mittwoch, 3. Dezember 2014


„Es war einmal“  oder  "Die Gans, die nicht sterben musste"

Das ist wieder einmal so eine Geschichte, die mit den Worten beginnen könnte: „Es war einmal.“ Sie liegt nämlich schon viele Jahre, inzwischen Jahrzehnte, zurück. Es war noch die Zeit, in der man stolz seinen Trabant fuhr und überglücklich war, wenn man nach gut 13 Jahren Wartezeit, so ein Gefährt sein eigen nennen konnte. Mit so einer  „Rennpappe“, wie der Trabi auch liebevoll ironisch genannt wurde, ging es dann in die „weite Welt“ hinaus. Na ja, nicht ganz soweit. Es gab nur eine Richtung, immer nach Osten, denn an der Westgrenze des Landes war ja bekanntlich an der Mauer bzw. am Stacheldrahtzaun abrupt Schluss. 
In diesen Zeiten sollten die  „fürsorglich behüteten“ DDR-Bürger nämlich auch vor jeglicher „Schmutz- und Schundliteratur“ und anderen "westlichen" Einflüssen bewahrt werden, wie die Staatsführung meinte. Genauso wie die DDR-Bürger nicht einfach in Richtung Westen über die Grenze durften, so durften auch Bücher und andere Druckerzeugnisse nicht bei uns einreisen. Nun, das stimmt auch nicht ganz. Über das Staatsgebiet der DDR hinweg, egal ob mit dem Flugzeug oder im Transitverkehr, konnten Bücher und Zeitschriften jedoch unbehelligt bis nach Polen reisen. Und das war gut so.

Dort, in Polen, gab es in einem kleinen Dorf im Kreis Neiße die alte Tante der Mutter eines meiner Kommilitonen. Diese erhielt eines Tages ein Paket aus Bielefeld.  Mit dem Inhalt wusste  sie nicht viel anzufangen, denn es waren nämlich nur Bücher. Diese hatten unbeschadet die Grenze überschritten, oder vielmehr überflogen. Egal, sie waren jedenfalls in Polen sicher angekommen. Es waren die Bücher, die uns Freunde aus dem Westen besorgt hatten. Nun hatten wir nicht nur ein Kommunikationsproblem mit der Tante in Polen, sondern auch das Problem, die „verbotenen Bücher“ zurück in die DDR zu schmuggeln. 

Die schwierige Verständigung mit der Tante hatte zur Folge, dass wir, mein Freund Matthias und ich, mit dem neuen Trabant meiner Schwester plötzlich und unerwartet in dem kleinen Dorf bei der Tante auftauchten. „Herr Je, Jungchen, hätte ich gewusst, dass ihr kommt, hätte ich doch die Gans geschlachtet“, war ihre Begrüßung. Uns lief gleichzeitig ein Schauer über den Rücken und der Schweiß von der Stirn bei über 30° Grad Celsius im Monat Juli. Gott sei Dank, kein Gänsebraten bei dieser Hitze. Das hätte noch gefehlt. So hatte  letztlich ein Kommunikationsproblem der amen Gans das Leben gerettet. Wenn ich jetzt daran denke, glaube ich zwar nicht, dass die Gans das nächste Weihnachtsfest heil überlebt hat., aber fürs erste hatte sie es überstanden. Sie schnatterte fröhlich weiter auf ihrem Hof und freute sich sichtlich des Lebens. 

Für uns zwei blieb aber noch das große Problem, wie wir die Bücher über die Grenze in die DDR bekommen? Doch wir hatten einen Plan! Wie gesagt, wir waren ja mit einem Trabant unterwegs. Das war ein Auto, an dem man noch selbst herum schrauben konnte. So lösten wir ohne große Schwierigkeiten die Innenverkleidungen an den Türen und den Seitenwänden und konnten dort unsere, gut in Plastetüten verpackten Bücher, verstauen. Zwar klebte alles ganz fürchterlich, denn der Wagen war zwecks Korrosionsschutz vor kurzem erst „hohlraumkoserviert“ worden. Eine gängige Methode, die den Fahrzeugen in Ostdeutschland eine lange Lebensdauer verleihen sollte. Diese war auch sehr notwendig bei den enormen Beschaffungsschwierigkeiten damals.

Kurz um, als alles wieder gut verschraubt war, verabschiedeten wir uns von der Tante und der schnatternden Gans, die nicht sterben musste. Wir fuhren mit klopfenden Herzen in Richtung DDR-Grenze bei Zittau. Uns stand der Angstschweiß auf der Stirn, als wir an den Schlagbaum kamen. Aber auch die Zöllner schwitzten bei immer noch mehr als 30° Grad Celsius und wollten schnell wieder in den Schatten. So fielen unsere schweißtriefenden Gesichter gar  nicht weiter auf. Glück gehabt, es war geschafft. Wir atmeten erleichtert auf. Das Abenteuer war geschafft und ich bin von Herzen froh, dass diese Zeiten nun vorbei sind.
„Das war einmal“, und das heißt, ich kann und will mir nicht vorstellen, dass sich heute und in Zukunft vernünftige  Menschen so eine geteilte Welt zurück wünschen.