Donnerstag, 7. April 2016

Warum wollen nur noch Vier- und Fünfjährige Baggerfahrer werden?

Eine ganze Wand in seinem Kinderzimmer sollte unbedingt mit der Baggertapete beklebt werden. Das musste sein, das war der größte Wunsch des Vierjährigen. Sein Lieblingsspielzeug ist zurzeit ein großer Bagger mit beweglicher Schaufel und sogar einem Anhänger für die Erde und den Sand.
Aber er ist da wohl kein Einzelfall in seiner Altersgruppe. Immer wieder beobachte ich an der Baustelle in unserem Viertel, dass dort regelmäßig Väter und Mütter mit ihren Kleinen am Rand der Baustelle verweilen müssen. Fasziniert beobachten die Kinder mit großen, staunenden Augen die Bewegung der Kräne, verfolgen die Fahrt der Baufahrzeuge und natürlich die Bagger bei der Arbeit. Da müssen die Eltern schon eine große Portion Geduld aufbringen, um ihren Weg dann endlich fortsetzen zu können. Mancher der Knirpse hat sogar seinen kleinen Bagger dabei und beginnt sofort damit, das Gesehene auf dem schmutzigen Fußweg nachzuspielen, oft zum Entsetzen der Eltern.
Und da kommt mir der Gedanke, ob das nicht der Punkt ist, an dem Eltern beginnen, ihren Kindern den Beruf des Bagger- oder Kranfahrer systematisch auszureden? Auf der Baustelle ist es laut, staubig und die Arbeit auch heute noch ganz schön anstrengend. „Nein, unser Kind soll es doch einmal besser haben“, meinen die besorgten Eltern.  Wie ist es sonst möglich, dass gerade im Baugewerbe und im Handwerk die Lehrlinge und die Fachkräfte fehlen? Überall dort, wo noch richtig angepackt werden muss. Der frühe Wunsch der Kinder, später einmal etwas Praktisches zu machen, zu bauen und zu gestalten, wird schon bald als Kindertraum abgestempelt, beiseitegeschoben und als nicht realistisch eingeschätzt und in die frühkindliche  Märchenwelt verwiesen. Das war es dann auch schon.
Die Schule setzt mit ihren Lehrinhalten das Ganze später fort. Sie vermittelt jede Menge Wissensstoff, Zahlen, Gleichungen und Analysen, die aber zu wenig bis keinen praktischen Bezug zu einem späteren Beruf der Kinder haben. Handfestes Anpacken, ein Umgang mit Hammer, Zange und Nägeln wäre gerade für die Jungen eine willkommene Herausforderung. Doch Fehlanzeige! Da könnte es ja mal einen blauen Daumen geben, oh je. So werden die meisten Kinder ganz schnell weichgespült und verkopft. Und das zeigt schon bald Wirkung. Sehe ich an der gleichen Baustelle etwas ältere  Schüler vorbeigehen, so bemerken diese nicht einmal mehr, dass hier gebaut wird. Sie schauen bloß noch auf das Display ihrer Smartphone und tauschen Nachrichten aus. Worüber nur, frage ich mich manchmal?
Ihre Vorstellungen vom späteren Berufen sind nun, dank ihrer Erziehung, ganz andere geworden. Sie wollen schnell reich werden, also am besten gleich Banker werden. Sie wollen etwas erleben, also etwas mit Medien oder Tourismus machen. Es wäre toll etwas mit Menschen zu machen, ja in die Richtung „Soziales“ solle es gehen, keine Ahnung. Andere haben gleich gar keine Vorstellung, Hauptsache erst mal studieren. Ein Zweit- oder Drittstudium ist keine Seltenheit.  Und mit 30 ist noch lange nicht Schluss. An einen engagierten Start ins Berufsleben ist da nicht mehr zu denken.
Wie schafft es unsere heutige Gesellschaft mit ihrem Bildungssystem nur, so viele junge Menschen in der Schule heranzubilden, deren Köpfe mit Wissen, oder was andere dafür halten, vollzustopfen, was oft so wenig für das Leben taugt?  Heißt es nicht schon bei den Alten: „Non scholae, sed vitae dicimus“ - „Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.“ Oder wie es schon Johann Wolfgang von Goethe sagt: „Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das wird die rechte Form dem Geiste geben.“
Wo aber diese Einblicke ins wirkliche Leben den Heranwachsenden nicht mehr geboten werden oder sie ihnen als „kindliche Flausen“  schnellstens wieder ausgetrieben werden, da führt dies zu einer sehr eingeschränkten Wahrnehmung der Wirklichkeit und macht echte und gute Entscheidungen immer schwieriger.
Ist es deshalb etwa zu provokant zu sagen, manch junger Mensch  wäre  sicher ein guter Handwerker oder Baufachmann geworden, wenn er nur die Möglichkeit dazu bekommen hätte?
Wir brauchen dringend tüchtige Baggerfahrer, zuverlässige Lockführer und mutige Feuerwehrleute,  also Menschen, die Werte schaffen und schützen. Und all diese Menschen, die sich um das Wohlergehen anderer Menschen kümmern, die brauchen wieder unsere  Anerkennung und Wertschätzung.

 

 

 

 

 

Sonntag, 20. März 2016


Wer ist  eigentlich behindert?

 


Es war an einem Sonntagnachmittag, das weiß ich noch ganz genau, als ich bemerkte, dass ich behindert bin! Ich war damals ein junger Mann von 23 Jahren. Die Erfahrung war recht schmerzlich. Doch bitte falsches kein Mitleid. Das ist schon der erste Fehler in der Begegnung mit behinderten Menschen. Ja, es sind zu allererst Menschen, zwar mit unterschiedlichen körperlichen oder geistigen Behinderungen, aber es sind Menschen.
Meine so plötzlich aufgetretene Behinderung war jedoch von ganz  anderer Art, denn körperlich und geistig fehlte mir nichts. Das Ganze fing damit an, dass wir als Studenten an manchen Sonntagen in die „Pfeifferschen Stiftungen“ in Magdeburg gingen. Wir hatten uns freiwillig zu einem sozialen Dienst angeboten. So betraten wir das Gebäude, in dem behinderten Kinder untergebracht waren. Schon der Geruch verschlug mir fast den Atem und mein Magen fing an, sich leicht zu drehen. Doch was sollte es, wir wollten ja helfen, Nöte lindern und den Kindern etwas Freude schenken. Also hieß es durchatmen und durch. Man gewöhnt sich schließlich fast an alles! Oder?
Die körperlich und geistig behinderten Kinder freuten sich, als sie uns sahen und taten dies mit oft unartikulierten Lauten kund. Mit dem Personal, das gerade am Sonntag immer knapp war, wurde alles abgestimmt. Die Schwestern  waren froh, wenn sich jemand zusätzlich um die Kinder kümmerte. Bei schönem Wetter gingen wir mit ihnen im  Park spazieren oder schoben die Rollstühle hinaus. Eltern und Verwandte ließen sich nicht leider nicht oft sehen.
Alles war bereit, nun sollte es losgehen. Doch heute musste ich zuerst noch dem etwa zehnjährigen Jungen beim Anziehen seiner Jacke helfen. Und da geschah es. Ich merkte, dass ich der Behinderte war. Wie dumm muss ich mich wohl angestellt haben, ihm seine Armen in die Ärmel zu stecken. Besser muss ich wohl sagen, seine kleinen Hände, die sich direkt an seinen Schultern befanden, in die viel zu langen Ärmel der Jacke zu stecken. Der Junge war zwar schwer körperlich behindert, aber geistig völlig normal und ein helles Köpfchen. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke, was er mir sagte: „Stell dich nicht so dumm an, schau so musst du das machen. Das ist doch nicht so schwer.“
Doch ich war in diesem Augenblick der „Behinderte“. Ich kam mit dieser Situation einfach nicht klar. Später habe ich noch viele Menschen erlebt, die mit ihren Behinderungen leben und klar kommen mussten. Auch wenn es eine harte Schule war, so habe ich im Laufe der Jahre eine große Hochachtung vor allen Menschen mit einem Handicap gewonnen und ganz besonders vor denen, die sie pflegen und denen es gelingt, sie als Partner mit ihren Schwachpunkten aber auch mit ihren ganz speziellen Stärken zu sehen.
Ja, wir selbst sind häufig die „Behinderten“, die wir uns für stark, gesund  und so normal halten. Wir betrachten alles, was von unserer Norm abweicht, leicht für „unnormal“. Das führt dazu, dass wir nicht natürlich mit Menschen umgehen, die etwas anders sind. In dieser Situation neigen wir leicht zu einem übertrieben, weinerlichen Mitleid oder wir wenden uns ab, um sie nicht  sehen zu müssen. Nach dem Motto, was ich nicht sehe, das gibt es nicht. Dieses für uns „fremdartige“ Aussehen und Veralten hindert uns, normal zu reagieren. Das Anderssein dieser Menschen verunsichert, ja es kann sogar ängstigen und Aggressionen auslösen. Es behindert und verhindert  einen selbstverständlichen, fairen  und guten Umgang aller Menschen miteinander.
Meine so spontan aufgetretene „Behinderung“ an jenem Sonntag, war eine tiefe Erfahrung und hat mir letztlich gezeigt und deutlich gemacht, dass meine Vorstellung von Normalität nicht die einzige ist und schon gar nicht die richtige sein muss.

Mittwoch, 9. März 2016


Findlinge – Zeugen vergangener Jahrtausende


Sicher sind sie Ihnen auch schon einmal aufgefallen, die Findlinge. Sie liegen oft am Rande des Weges oder eines Ackerfeldes. Findlinge werden diese großen runden Steine genannt, die heute noch manchem Landwirt zu schaffen machen. Als würden sie aus dem Boden wachsen, tauchen sie an der Oberfläche auf. Sie sind  tonnenschwer und jeder wundert sich, wo sie eigentlich herstammen, denn in unmittelbarer Nähe lässt nichts auf ihre Herkunft schließen. Der Name „Findlinge“ macht gleichfalls auf die Unsicherheit über deren Ursprung deutlich. Diese erratischen Blöcke werden an Orten gefunden, wo sie gar nicht hingehören. So tragen sie zu recht noch heute den Namen, Findlinge!
Natürlich wissen wir inzwischen sehr genau, dass diese Kolosse uralte Zeugen der Eiszeit und ihrer Gletscher sind. Das meterhohe Eis der Gletscher hat diese Steine einst vor tausenden von Jahren aus den Bergen in das Vorland geschleppt oder sie von Skandinavien bis nach Norddeutschland transportiert. Über lange Zeiten und Distanzen wurden die Felsbrocken durch den enormen Druck unter dem Eis über das Geröll geschleift und dabei rundeten sich ihre Ecken und Kanten allmählich ab und sie erhielten ihre heutige runde Form.  Die enormen Eismassen haben so durch ihr Vordringen und das Zurückweichen in dieser unendlich langen Zeit ihre Spuren durch das Land gezogen, die wir in Form von Endmoränen und Flusstälern noch heute deutlich erkennen können.
Wir leben in  einer sehr schnelllebigen Zeit und können uns diese riesigen Zeiträume gar nicht richtig vorstellen. Bei uns muss alles immer schnell gehen und jeder Wunsch möglichst sofort erfüllt werden. Verglichen mit der schier unendlichen  Zeitpanne der Vorgeschichte unserer Erde und den Jahrtausenden der Geschichte der Menschen, ist natürlich das Leben des einzelnen Menschen ein kaum sichtbares Pünktchen auf dem Zeitstrahl der Entwicklung. Alles was außerhalb unserer eigenen Lebensspanne liegt, bleibt uns, bei allem theoretischen Wissen darum, doch irgendwie fremd und manches wirkt sogar unheimlich.

Findlinge üben auf mich eine ganz besondere Faszination aus. Sie erscheinen mir wie „fremde Wesen“ aus einer längst vergangenen Zeit. Aber sie erinnern mich auch an Menschen, die in sich ruhen und Gelassenheit ausstrahlen. Die in ihrem Leben so manches erlebt und erlitten haben. Die gleichsam all ihre Ecken und Kanten verloren haben auf ihrem Weg durch das Leben. Doch der Druck und die Lasten haben sie nicht zerstört, sondern gerundet und bewegt. Ihre Gedanken und Worte sind nicht oberflächlich und schnell vergänglich, sondern diese kommen aus einer großen Tiefe ihres Seins. Sie sind eher schweigsam und verhalten in unserer sonst so geschwätzigen Zeit, wenn sie aber sprechen, dann hat das Gesagte wirklich Gewicht. So manchem kommen sie eher fremd und etwas verloren in unserer heutigen Zeit vor, denn sie tauchen schon mal an Orten und zu Zeiten auf, wo sie keiner so recht erwartet. Sie sind dann einfach da und präsent und wirken deshalb für andere Menschen sogar eher störend.
Sie haben noch eine Ahnung davon, dass auch heute nicht alles schnell, schnell gehen muss, von jetzt auf gleich, sondern dass Vieles eben Zeit braucht. Sie denken in anderen Dimensionen und Zusammenhängen, weil eins oft nicht ohne ein anderes denkbar ist und schon gar nicht machbar. Solche Menschen sind für mich wie „Findlinge“ am Wege. Sie laden ein zum Ausruhen und zum Verweilen. Leider begegnen uns solche Menschen nicht oft an unseren Wegen, genau wie die Findlinge, werden sie immer seltener. Doch es lohnt sich, solche Menschen zu suchen und zu finden.
 
Wenn wir ihnen begegnen, sind sie nämlich für uns wie ein Geschenkt aus der Tiefe der Zeiten und des Lebens, wie die Findlinge auch, Zeugen einer anderen Wirklichkeit.

 

Mittwoch, 2. März 2016



Straßenhunde in Paraguay

 
Neulich schaute ich mir alte Dias von unseren Reisen aus den letzten Jahren an. Dabei wurden viele der Bilder ganz lebendig und so manche Begebenheit fiel mir dazu wieder ein.  Auch diese  von unserer Reise nach Paraguay. Das war so:
 
Sie, eine ältere Dame, hatte sich von ihrem Mann ganz einfach am falschen Hotel absetzen lassen. Als sie ihren Irrtum bemerkte, war ihr Mann mit dem Auto schon wieder weg. Nun suchte sie händeringend nach einer anderen Mitfahrgelegenheit, um doch noch rechtzeitig zum Treffen der Frauengruppe deutscher Einwanderer in Paraguay zu kommen. Am schönen Lago Ypacarai, dem größten See Paraguays, liegt die Kleinstadt San Bernadino, die 1881 von deutschen Einwanderern gegründet wurde. Unseren Rundgang am See und durch die Stadt wollten wir gerade mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Käsekuchen in der „Deutschen Bäckerei“ beschließen.
 
Da kam auch schon die Frau ganz aufgeregt auf uns zu. „Sie sprechen deutsch“, sprach sie uns. „Ja, wir sind aus Deutschland.“ „Ick bin die Rosi und komme aus Berlin“, sprudelte es aus ihr heraus. In kürzester Zeit erfuhren wir, dass sie schon einige Male in Paraguay war und  jetzt mit ihrem Mann hier am See in diesem guten Klima seit Wochen alles für ihre Einwanderung nach Paraguay vorbereiteten. Deshalb wollte sie ja auch zu dieser Frauengruppe, denn von ihr erhoffte sie sich viele gute Tipps. Man tauschte sich dort nämlich über alles aus, vom Brotbacken über den Umgang mit den Behörden im Land bis zur Information, wo der beste Fisch hier am See geräuchert wird. Aber das würde sie nun alles verpassen, wenn sie nicht schnellstens in das andere Hotel käme. Kurz und gut, sie würde uns auch einen Kaffee spendieren, wenn wir sie dorthin fahren könnten. Leider hatte sie  aber auch nur eine vage Vorstellung, wo das Hotel  so ungefähr liegt.
 
 Nachdem wir uns kurz in der Bäckerei umgesehen hatten und diese dann doch nicht den erwarteten Eindruck auf uns machte und Käsekuchen gab es auch nicht mehr, fuhren wir mit Rosi zurück in die Stadt. Während der Fahrt erzählte sie uns, dass Sie und  ihr Mann einen ruhigen Lebensabend in Paraguay verbringen wollen. Mit dem Ersparten und der Rente aus Deutschland kämen sie hier viel leichter und besser klar als in Deutschland. Und es lebt sich ja auch wesentlich ruhiger hier. Aber das viele Elend und die Armut machten sie schon sehr betroffen. Davor konnte sie die Augen nicht einfach verschließen. Und sie hatte beschlossen, hier zu helfen. Wir erfuhren also von ihr, dass sie sich gern sozial engagieren wolle. Sie hätte ja schon immer eine soziale Ader gehabt, meinte sie noch.
 
 Wir waren echt beeindruckt und gespannt, was sie denn für Projekte plante. Ja, sie wolle sich um die Straßenhunde kümmern, die täten ihr so leid. Wir sahen uns nur kurz an und schluckten leicht. Wir hatten nämlich bei unserer Reise in diesem Land schon ganz andere Probleme und sehr viel Armut gesehen, worunter die Menschen litten. Wenn man ihnen helfen würde, wäre sicher auch den Hunden geholfen, dachten wir noch. Doch da waren wir auch schon am Hotel. Rosi eilte schnellstens zu ihrer der Frauengruppe und schon war sie verschwunden. Wir tranken unseren Kaffee und bezahlten ihn selbst. Wenn aber wir in den Tagen nach dieser Begegnung mit Rosi, streunende Hunde auf den Straßen und Plätzen sahen, dann mussten wir unwillkürlich an Rosi und  ihr „soziales Engagement“ denken. Auch wenn wir selbst etwas andere Vorstellungen von einem „sozialen Engagement“ hatten, so war doch Rosis Vorhaben  immerhin ein kleiner Anfang in diesem Land. Straßenhunde gibt es in Paraguay genug, buchstäblich wie Sand am Meer.
 
Sagt man nicht, dass der Hund der beste „Freund des Menschen“ sei?  Warum sollte  es nicht auch umgekehrt der Fall sein? Helfen ist in jedem Fall besser, als gar nichts zu tun.

Sonntag, 7. Februar 2016

Gedanken beim Verlegen von Fliesen



Neulich habe ich das Gäste-WC im Haus der Familie meiner Nichte neu gefliest. Ich muss ihr wohl irgendwann erzählt haben, dass ich so etwas schon einmal gemacht habe. Nun ja, das lag  jedoch schon lange zurück. Zudem bin ich auch kein gelernter Fliesenleger. Als mich dann meine Nichte verbindlich fragte, wollte ich keinen Rückzieher machen und habe zugesagt. 
 
„Ja, ich  schaffe das“, sagte ich zu ihr,  aber noch mehr zu mir selbst. Nachdem ich mir die Maße aufgeschrieben, das Material begutachtet und Fotos vom „Tatort“ gemacht hatte, begann sich  das Gedanken- Karussell schon bald auch noch im Schlaf zu drehen. Skizzen wurden gemacht und Berechnungen angestellt. Ich fühlte mich herausgefordert, was ich ja immer noch sehr mag, und natürlich bei meiner Handwerker- bzw. Heimwerker-Ehre gepackt. Gut ausgerüstet mit Werkzeug und Arbeitskluft, machte ich mich auf den Weg.
 
Wer nun aber denkt, dass meine Berechnungen und Überlegungen mit der Realität vor Ort übereinstimmen würden, der irrt gewaltig. Ich kannte zwar aus meiner Lehrzeit noch den Satz aus der Tischlerei: „Keine Rückwand eines Schrankes ist poliert“, aber es kam doch immerhin bei der Genauigkeit auf den Millimeter an. Im Bau scheint das aber nicht zu gelten. Mein Entsetzen war groß. Keine einzige Wand, ob gemauert oder als Trockenbau, war im rechten Winkel, der Fußboden war uneben und die Höhen stimmten nicht überein. Da kam eine Menge zusätzliche Arbeit auf mich zu. Doch, „Ich schaffe das“, war die Devise.
Und so ging es auch schon los. Mit  einem modernen Lasergerät wurde eine waagerechte Linie für die Oberkante der Fliesen markiert und die Senkrechte ausgelotet. Als die ersten Fliesen dann an der Wand waren, stellte sich auch bald wieder eine  gewisse Routine eine. Der Anfang war gemacht. Auf ihn  kommt es an. Wenn hier etwas, im wahrsten Sinne des Wortes, schiefgeht, dann wird alles schief.

Damit bin ich auch schon bei meinen Gedankengängen, die über das Fliesenlegen im Besonderen und das Leben der Menschen im Allgemeinen hinausgehen, angelangt. Ich musste zuerst abwägen, ob ich das wirklich schaffe. Die nächste Frage war, wie schaffe ich das und in welcher Zeit? Natürlich bleibt bei all dem ein gewisses Risiko, Unwägbarkeiten und Probleme können auftreten. Beim Fliesenlegen kommt es zu Beginn auf eine gerade Linie an, woran sich alles Weitere orientiert, wie ich es schon beschreiben habe. Das ist aber auch auf alle Bereiche in unserem Leben zu übertragen, egal ob es um persönliche oder um gesellschaftliche Fragen geht. Eine klare Linie ist das A und O. Wo die Geradlinigkeit fehlt, kommt  alles schnell in eine Schieflage. Oder  wie es ein wahres Wort sagt: „Der Anfang geht mit“, ob es nun ein guter oder ein schlechter ist.

Wie oft muss denn heute in der Tagespolitik zurückgerudert werden, gilt das nicht mehr, was gerade noch gestern gemeinsam beschlossen worden ist?  Oft wird eben einfach zu dick aufgetragen. Beim Verlegen von Fliesen kommt es entscheidend darauf  an, wie dick der Kleber aufgetragen wird. Für jedes Format gelten dabei unterschiedliche Stärken. Mit den entsprechenden Werkzeugen wird das sehr genau erreicht. Diese Kenntnis sollte man schon haben und sich zudem an die Richtlinien und Vorgaben der Branche halten. Nur so ist die Haftung der Fliesen an der Wand sicher gegeben. Ein zu dicker Auftrag führt dazu, dass der  Kleber aus den Fugen quillt, alles verschmutzt und die Arbeit zusätzlich erschwert. 

Beim Fußboden muss besonders darauf geachtet werden, dass er tragfähig ist und die Fliesen eine gute Bodenhaftung haben und eine solche gewährleisten. Diese Bodenhaftung vermisse ich  allerdings bei allzu vielen Menschen, gerade in der Öffentlichkeit,  immer mehr. Das wäre aber ein ganz eigenes Kapitel.

Das Fliesenlegen erfordert also eine ganze Menge handwerkliches Können, einen sach- und fachgerechten Umgang mit den unterschiedlichen Materialien, einen Blick für die konkrete Raumsituation und ein ästhetisches Gespür, um ein ansprechendes Gesamtbild zu schaffen, welches noch durch die Gestaltung der Fugen hervorgehoben wird. Fugen dienen aber nicht nur der Ästhetik, sonder haben als Dehnungsfugen gerade im Bodenbereich, die Aufgabe Spannungen auszugleichen und Übergänge zwischen verschieden Materialien zu gestalten. Die Fuge ist also mehr als eine Lücke zwischen zwei Fliesen. Auch zwischen zwei oder mehr Menschen kommt es auf  den entsprechenden Abstand an, damit  es weniger zu Spannungen und Verwerfungen kommt.

Nach Beendigung meiner Fliesenarbeiten bin ich richtig stolz auf mich. Die übernommene Aufgabe ist erledigt, ich hab es geschafft! Und nebenbei sind mir noch einige Gedanken über das Fliesen und das Miteinander der Menschen gekommen, die ich Ihnen heute nicht vorenthalten wollte. 

Mittwoch, 9. Dezember 2015

 „Die Geschenkefalle“


„Alle Jahre wieder… aber gewiss nicht im nächsten Jahr“, das hatten sie sich nach  dem letzten Weihnachtsfest, mit all dem Stress, dem Plätzchen backen, der Weihnachtsgans, dem Großputz, mit Weihnachtsbaum und riesigen Bergen  von Geschenken, ganz fest vorgenommen.

Doch, wie sagt man so schön, „der Weg zum Himmel ist mit guten Vorsätzen gepflastert“. Natürlich auch der Weg zu einem stressfreien Weihnachtsfest! Rasch wurde aus dem, „wir schenken uns in diesen Jahr nichts“, schon bald ein, „aber nur Geschenke für die Kinder“. Na klar, die Kinder sind schon längst dem Kindesalter entwachsen. Aber es ist doch Weihnachten!

Spätesten mit der beginnenden Werbung für das große „Fest der Geschenke“ und der weihnachtlichen Dekoration in den Schaufenstern und den Geschäften, bröckeln diese Vorsätze. Und schon sitzen wieder alle in der Geschenkefalle und der jährliche Stress geht wieder los. Als ob es nicht  schon genug Termine und Aufgaben in den letzten Wochen des Jahres gäbe. Klausuren und Tests in der Schule, die unbedingt noch vor den Weihnachtsferien geschrieben  werden müssen. Die Bilanzen und Abschlüsse in den Büros häufen sich und jeder möchte noch bedacht werden, obwohl er seit Wochen die letzten Unterlagen nicht eingereicht hat. Plötzlich muss alles auf einmal gehen. Besinnliche Adventszeit? Nein, ganz und gar nicht. Das würde wohl anders aussehen.

Und nun doch wieder diese Jagd nach den sogenannten Weihnachtsgeschenken, ohne die es nun mal nicht zu gehen scheint. Sollen sie doch schließlich Ausdruck der Verbundenheit und Zeichen der Liebe zwischen den Menschen sein. Schauen wir uns aber in dieser Welt um,  dann ist  da nicht viel von Solidarität unter den Menschen zu spüren und vom Frieden ist diese Welt meilenweit entfernt. Wenn das schon nicht überall auf  der Welt möglich ist, dann doch wenigsten in der kleinen, heilen Welt der Familie. Und Geschenke erhalten bekanntlich die Freundschaft.

Was natürlich eine Küchenwaage für Oma, eine Flasche Portwein für Opa oder ein Fleischklopfer aus Edelstahl für Tante Rita mit der Liebe der Menschen zu tun  hat, bleibt wohl allen ein Rätsel? Aber bitte, immer schön den Kassenzettel aufheben, denn nach  dem Fest des "Warenaustauschs" folgen dann die Tage des "Warenumtauschs"! 

Da müsste sich doch eigentlich jeder normale Mensch fragen, warum tun wir uns das schon wieder an? Vielleicht ist es ja für einige noch nicht zu spät und die Geschenkefalle ist noch nicht zugeschnappt. Dann schenken Sie sich doch einfach die Geschenke und schenken sich dafür  etwas mehr Zeit und Ruhe, anderen Menschen ein gutes Wort, ein Lächeln und damit unendlich viel mehr Freude.


Samstag, 5. Dezember 2015


Wir haben uns daran gewöhnt,

dass unsere Kühlschränke gut gefüllt sind und wir im Supermarkt zwischen zig verschiedenen Sorten unseren Joghurt auswählen können. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es spätestens ab September Schokoladenweihnachtsmänner und Christstollen gibt, und dass wir frische Erdbeeren im Dezember bekommen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass auf den Weihnachts-märkten und in den Kaufhäusern, den modernen Einkaufstempeln, die Besucher mit alten christlichen Liedern berieselt werden, obwohl immer  weniger Menschen in die Kirchen gehen und noch weniger  an die Weihnachtbotschaft glauben. 

Wir haben uns an so vieles gewöhnt, was uns nützlich, bequem und gut erscheint. Und an das Gute kann man sich ja ganz schnell gewöhnen.

An anderes haben wir uns auch gewöhnt oder besser gesagt, mussten wir uns gewöhnen. Daran, dass es in Deutschland keine Vollbeschäftigung mehr geben wird, dass die Sparer um ihre Zinsen betrogen werden und die Versicherungen zugesagte Zugewinne bei ihren Versicherten nicht mehr einhalten  müssen, sodass jeder von Glück reden kann, wenn er wenigstens das heraus bekommt, was er in langen Jahren eingezahlt hat. Wir haben uns daran gewöhnt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns in Film und Fernsehen häufig eine Scheinwelt vorgegaukelt wird. Dass uns sozusagen Verhaltensmuster suggeriert werden, wie man heute denkt, redet und handelt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns gezeigt wird, dass fast kein Tatortkommissar oder ein anderer Protagonist im Fernsehen verheiratet ist und eine Familie hat. Stattdessen landet er oder sie ganz selbstverständlich nach einer flüchtigen Begegnung sofort im Bett des anderen. Dass zwei Männer sich küssen, nach des Tages Last erst einmal ein Joint rein gezogen wird und natürlich immer ein Drink bereit steht, ist einfach omnipräsent. Woran andere Menschen vielleicht Anstoß nehmen, daran haben wir uns schon lange gewöhnt ohne es noch selbst zu merken, was da mit  uns gemacht wird. 

Wir sind müde und träge geworden und haben uns an solche Dinge gewöhnt und sie einfach hingenommen, auch die, die nicht in Ordnung sind. So sind die Bilder von Krieg  und Terror schon seit Jahren, fast Tag für Tag auf unseren Bildschirmen zu sehen gewesen, die Bilder von hungernden Menschen, von Ausgebeuteten und von Krankheit Gezeichneten. Bis jetzt war das alles so weit weg. Nun aber werden die Bilder Wirklichkeit. Es kommen die Flüchtlingsströme zu uns nach Europa und nach Deutschland, da werden unsere bisherigen Gewohnheiten in Frage gestellt. Wir hatten uns doch so sehr daran gewöhnt, dass es ein natürliches Gefälle zwischen Ost und West und besonders zwischen der ersten und der dritten Welt gibt. Wir merken immer mehr, dass wir alle in einer Welt leben und eben nichts mehr sicher ist, an  das wir uns so sehr gewöhnt hatten.

Wir hatten naiver Weise geglaubt, dass Freiheit zum Nulltarif zu haben ist und uns daran gewöhnt, dass andere dafür kämpfen. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass unser Wohlstand sicher ist, und wir vor Weihnachten mit einer kleinen Spende gegen Spendenbescheinigung davon kommen. 

Wir hatten uns an vieles gewöhnt. Und es ist ja auch nicht verkehrt, wenn wir gewisse Gewohnheiten entwickelt haben. Gewohnheiten erleichtern das Leben des einzelnen und ganzer Gruppen. Nicht jeder Handgriff, nicht jede Handlung muss jedes Mal neu überlegt werden, das entlastet unseren Alltag. Gewohnheiten können aber auch den Blick für das Neue und die Anderen verstellen, sie können gleichsam wie eingefahrene Geleise wirken, die nur in eine Richtung  führen.

„Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen“, heißt es manchmal sehr salopp. An Gutes und gleichermaßen an Böses. Doch der Mensch muss es nicht, und er darf es nicht. Trotzdem wird die sogenannte „Macht der Gewohnheit“ als Entschuldigung herangezogen für unser angepasstes Verhalten, welches uns fast zur zweiten Natur geworden ist, sodass es uns  so unendlich schwer fällt, es wirklich zu verändern.