Montag, 29. August 2016


Zwischen Todeswunsch und Lebenswille

Wie oft hat doch Tante Frieda in letzter Zeit schon gesagt: „Ach, am liebsten möchte ich sterben.“ Gleich darauf folgten auch schon ihre Worte: „ Ich darf nicht vergessen, meine Herztabletten zu nehmen, erinnert mich bloß daran“. Sie ist ständig  hin und her gerissen zwischen Todeswunsch und Lebenswillen.

Inzwischen ist sie fast 93 Jahre alt. In den zurückliegenden Jahren hat sie viele Krankheiten und altersbedingte Leiden er-tragen müssen. Von der einst tatkräftigen Frau ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Knochen, die Gelenke, das Herz, die Lunge und anderes versagten immer mehr ihre Dienste. Schmerzen machten ihr das Leben schwer. Die unendlich vielen Medikamente bringen kaum noch Linderung, aber sie verlängern ihre Lebenszeit, Monat um Monat, Jahr um Jahr. Die Kinder im Haus, nun auch nicht mehr ganz jung, betreuen sie liebevoll rund um die Uhr, stets ängstlich um sie besorgt. Bei jedem kleinsten Hilferuf sind sie sogleich zur Stelle und rufen den Notarzt. Eine Katastrophenmeldung nach der anderen macht dann ganz schnell die Runde in der Verwandtschaft. Nun beginnt wieder das Hoffen und Bangen, wird sie es schaffen? Was soll sie eigentlich schaffen?

Vor kurzem ist Friedas Mann mit 94 Jahren verstorben. Auch wenn beide füreinander nicht mehr viel tun konnten, so haben sie sich doch wenigstens umeinander gesorgt. Einer hat den anderen gebraucht. Nach einem langen gemeinsamen Eheleben, das sie über 64 Jahre in guten und in schweren Zeiten miteinander verbunden hatte, ist der Tod des Partners besonders schmerzhaft. Tante Friede fiel in ein dunkles Loch von Trauer und Schmerz.

Da ließ auch der nächste tatsächliche Fall nicht lange auf sich warten. Tante Frieda stürzte in ihrer Wohnung und brach sich den Oberschenkelhals. Was für so manch anderen im hohen Alter fast den sicheren Tod bedeutet hätte, war für sie zwar eine harte Prüfung, aber noch längst nicht das Ende. Der Bruch wurde operiert und gleichzeitig wurde ihr eine neue Hüftprothese eingesetzt. Alles ist möglich!

Tante Frieda hatte es wieder einmal überstanden, obwohl es harte Wochen für sie im Krankenhaus und in der Reha-Klinik waren.  Aber auch für das Personal und ihre Besucher ist es nicht immer ganz einfach gewesen. Manchmal war sie nicht mehr sie selbst, sie war so unwirsch und verstört und wollte nur noch nach Hause und sterben.

Das aber hatte die heutige Medizin mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wieder einmal verhindert. Ihre Schmerzen sind sogar kurzfristig etwas erträglicher geworden. Doch die innere Ruhe und Zufriedenheit kehrten bei ihr nie mehr ein. Sie klammert sich zwar an das Leben und empfindet es gleichzeitig nur noch als schwere Last.

Der Satz von Tante Frieda: „Ich möchte sterben, aber vergesst meine Herztabletten nicht“, macht  ihre innere Zerrissenheit sehr deutlich. Solche Worte zeigen auch den Gemütszustand  vieler anderer Menschen in ähnlichen Lebenssituationen auf. Die meisten von ihnen werden ebenso zwischen Todeswunsch und Lebenswillen hin und her gerissen. Sie wollen sterben, aber sie können das Leben nicht loslassen.

Die Medizin hat es heute geschafft, das Leben hochbetagter Menschen um Jahrzehnte zu verlängern, jedoch kann sie keinem von ihnen die immer schwerere Last dieser Jahre nehmen. Diese Last müssen sie nun allein und ihre pflegenden Angehörigen tragen. Jeder auf diese Weise künstlich hinzu gefügte Tag wird gleichzeitig mehr und mehr zur physischen und psychischen Belastung für sie. Dieser Zustand, der mit einem enormen Aufwand an Medizintechnik und jeder Menge an chemischen Substanzen erreicht wird, und häufig als Erfolg angesehen wird, hat aber einen hohen Preis. Selbst die medizinisch erfolgreichsten Operationen führen höchst selten zu einem selbstbestimmten und erfülltem Leben der Hochbetagten und ihrer Pfleger.

In früheren Zeiten gaben sich die Menschen viel weniger der Illusion hin, das Leben ließe sich unendlich und unbedenklich verlängern. Sie waren sich bewusst, dass jedes Leben zeitlich begrenzt ist. Wo heute diese Grenzen mit allen Mitteln der medizinischen Kunst und um jeden Preis verschoben werden, da führt das zwar zu einer Verlängerung der Lebenszeit, aber auch zur Verlängerung der Altersbeschwerden und des ungewissen Abschieds. Dieser oft zermürbende Zustand wiederum muss dann durch immer mehr Medikamente beruhigt werden und das nicht ohne „Risiken und Nebenwirkungen“.

Da stellt sich doch die Frage: „Ist wirklich alles gut, was machbar ist?“



Samstag, 6. August 2016


Ein ruhiger Sommertag

Ein herrlicher Sommertag, nicht zu warm aber sonnig. Nach dem Frühstück auf dem Balkon mit frischen Brötchen, Marmelade und duftendem Kaffee, streckte ich mich wohlig aus und machte Pläne für diesen geschenkten Tag, der so friedlich und ruhig begonnen hatte. Selbst der Lärm von der Straße ist in den Sommerferien geringer als im  geschäftige Alltagsleben. Das lädt zum längeren Verweilen im Freien ein. Kurz um, das Leben ist doch schön!

Dann aber machte ich einen gewaltigen Fehler. Ich schaute auf mein Smartphone, um nur kurz meine Mails zu checken und die neuesten Nachrichten zu lesen. Und da war sie wieder die grausame Wirklichkeit. Der Traum von einem friedlichen Sommertag war augenblicklich geplatzt. Die News, wie es heute heißt, schlugen mir buchstäblich mit harter Faust ins Gesicht. Es waren die knallharten „Schlagzeilen“, die wohl keinen Leser unberührt lassen. Dazu auch gleich die selbstgerechten bissigen Kommentare von allen Seiten.  

Zwar sind wir in diesem Sommer schon an viele Schreckensmeldungen gewöhnt, denn täglich hören und sehen wir von Terror, Mord und Krieg. Die Namen der Orte werden schnell zu Pseudonymen für diese schrecklichsten Verbrechen. Wenn wir von Afghanistan, dem Irak oder Syrien hören, stehen uns sofort die Bilder von grausamen Bombenanschlägen, Massakern und Flüchtlingsströmen vor Augen. Ortsnamen wie Paris, Nizza und Saint-Etienne-du-Rouvray lassen uns erschauern angesichts der dort verübten Gräuel. So viele Morde an unschuldigen Menschen, so viel Leid!

Lange Zeit waren die Orte des Schreckens noch so weit weg von Deutschland und von uns. Jetzt hören wir die Namen von Städten wie Ansbach, München und Würzburg. Der Terror geht weiter und er kommt näher. Eine Nachrichtensendung und ein „Brennpunkt“ nach dem anderen berichten pausenlos und liefern Berichte über Details, die noch reine Spekulation sind. Manchmal kann ich es nicht mehr mit anhören. Wem nützt dieses sensationslüsternde Gehabe und Gerede? Eine Falschmeldung jagt die andere. Weiß denn heute keiner mehr, dass jemand, der nichts Neues beizusteuern hat, doch lieber den Mund halten sollte? Auch wird eine Meldung nicht dadurch richtiger, je häufiger sie wiederholt wird.

Es hätte so ein schöner, ruhiger Sommertag werden können. Doch wir leben in unruhigen Zeiten. Brennende Fragen nach dem – „wie weiter?“ – beschäftigen die Menschen. Je mehr wir lesen und hören und die vielen schrecklichen Bilder sehen, je weniger können  wir in dieser Flut erkennen, was eine seriöse Information und was blanke Meinungsmache ist? 

Ich weiß, dass es keine Lösung ist, den Kopf buchstäblich in den Sand zu stecken, sprich sich den News total zu verweigern. Ich weiß aber auch und spüre es ganz deutlich, zu viel davon tut mir nicht gut. Das macht mich selbst parteiisch und ungerecht, traurig und zugleich böse. Aber ich will mich nicht in diesen Teufelskreis von Halbwahrheiten und Lüge, von Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit, von blankem Hass und Unmenschlichkeit hineinziehen lassen. Nein das bin ich nicht. Nein, das sind auch viele andere Menschen nicht. Keinem tut es nämlich auf Dauer gut, ständig mit Negativmeldungen, Brandmarkungen und einer  Fixierung auf einseitig ausgewählte Reizthemen bombardiert zu werden. Es führt zu negativen Denken und Handeln.

Trotzdem bleibe ich auch zukünftig kritisch interessiert, aber eine gewisse Askese (Verzicht auf mediale Dauerberieselung) hilft mir, nicht nur die Schattenseiten des Lebens als einzige Wirklichkeit wahrzunehmen zu müssen, sondern mich wieder über das Gute und Schöne auf dieser Erde zu freuen und einen sonnigen Sommertag ohne schlechtes Gewissen zu genießen.





Montag, 6. Juni 2016


Grün ist beautiful“

Das, was hier wie ein euphorisches Parteitagsmotto der „Grünen“ klingen könnte, ist es aber bei Weitem nicht. Es handelt sich auch nicht um einen Werbeslogan der Vegetarier und Veganer, die für grüne Kost oder andere grüne Produkte werben, sondern es ist ein Ausruf des reinen Entzückens beim Blick in die unendlich grüne Landschaft, von der das Foto leider nur einen ganz kleinen Teil wiedergeben kann. Grün soweit das Auge reicht.
Nicht ohne Grund wird deshalb Irland ja auch die „grüne Insel“ genannt. Gerade im Monat Mai, wenn alles Grün noch ganz jung und frisch ist, wird jeder Betrachter von dieser grünen Vielfalt fast überwältigt. Er stellt mit Erstaunen fest, dass grün eben nicht gleich grün ist. Die Anzahl der Farbnuancen scheint schier unendlich zu sein. Blätter, Büsche, Bäume und immer wieder die saftigen Weiden, alles prangt im satten Grün. Je nach Lichteinfall und Sonnenschein wechseln die verschiedenen Grüntönungen von einem Augenblick zum anderen ihr Aussehen. Und doch wirkt dieses Farbenspiel nicht etwa unruhig, sondern es schenkt dem Auge des Betrachters Ruhe und führt zum inneren Frieden.

Abgesehen von der Hauptstadt Dublin und den wenigen größeren Städten Irlands, strahlt das ganze Land eine besonders ruhige und friedliche Atmosphäre aus. Das Leben geht in den ländlichen Gebieten noch immer langsam und beschaulich zu. Hier wird der gestresste Besucher schnell zu Ruhe kommen, wenn er sich darauf einlassen kann.
Und doch hatte gerade dieses Land in seiner langen Geschichte selbst so wenig Frieden und Ruhe. Die „grüne Insel“ war oft eher rot vom Blut der Menschen, die immer wieder ums blanke Überleben und gegen Unterdrückung von außen kämpfen mussten. Bis in die jüngste Zeit hinein gab es die schlimmsten Auseinandersetzungen zwischen dem britisch dominierten Norden  und dem Süden der Insel. Die Folgen von Bomben, Terror und Trennung sind bis heute noch besonders in Belfast in Nordirland zu sehen und werden den Besuchern dort gezeigt. Wie viel Blut ist doch auf beiden Seiten in diesem Land vergossen worden? Und noch immer sind Ungleichheit und die Trennung nicht restlos überwunden. Noch längst sind nicht alle Iren einander „grün“, wie wir es zu sagen pflegen, wenn einer mit dem anderen nicht zurechtkommt.

Zwar ist der lange Irlandkonflikt, der in der jüngsten Geschichte 3600 Terroropfer kostete und unendlich viel Leid über die Betroffenen brachte, aus den Schlagzeilen der Presse und den Nachrichten verschwunden und seit 1998 weitgehend befriedet, aber Gras ist noch lange nicht über alles gewachsen und wenn, dann ist die Grasnarbe sehr dünn und verletzlich. Noch heute werden in Belfast die von Katholiken und die von Protestanten bewohnten Stadtviertel von einer acht Meter hohen Mauer getrennt und die schweren Eisentore zwischen ihnen werden nachts immer noch geschlossen. Als wir beim unserem Besuch in Belfast davon hörten, konnten wir das fast gar nicht glauben. Wir mussten aber erfahren, dass die Angst vor Übergriffen noch tief sitzt und sehr real ist. Leider wird diese Trennung noch von Hardlinern auf beiden Seiten künstlich aufrecht erhalten. Die Gräben sind tief und die Mauern hoch. Abgrenzung kann aber auf Dauer keine Lösung sein.
Auch wenn es bei der jüngeren Generation jetzt Zeichen der Hoffnung und der Gemeinsamkeit gibt, denn sie haben im 21. Jahrhundert ganz andere Sorgen und Herausforderungen, als diese jahrhundertealte Konflikttradition zu pflegen, so wird ihnen doch von den älteren Genrationen diese schwere Last immer wieder auferlegt. Es kostet viel Kraft und guten Willen, sich davon zu befreien. Was für ein schweres und schmerzliches Erbe können doch die Taten früherer Generationen für die heute Lebenden sein?

Schuld und Versagen, Hass und Streit der Menschen sind also nicht nur persönliche Verfehlungen, sondern haben immer eine strukturelle Dimension. Sie sind wie ein Erbe, dass der Einzelne nicht einfach ablehnen könnte. Alles Handeln der Menschen bringt eine Nachhaltigkeit mit sich, die entweder als drückende Last erfahren wird oder sie schenkt Freiheit und Frieden.
Mauern aufzurichten, Stacheldrahtzäune zu ziehen  oder Gräben auszuheben ist verhältnismäßig leicht und geht oft sehr schnell. Sie aber wieder abzubrechen und zuzuschütten ist dagegen schwer, denn sie hinterlassen ihre Spuren ganz  tief im Denken und Fühlen der Menschen. Darum stellt es für jede Generation eine große Herausforderung für alle Verantwortlichen dar, was sie den nachfolgenden Generationen ins Herz pflanzen; Hass und Streit, der die Zukunft vergiftet und Leben zerstört oder Versöhnung und Liebe. Das Letztere sollte immer das Ziel jeden Handelns sein.

Diese Hoffnung schenkt Leben und diese Hoffnung ist so „beautiful grün“ wie Irland selbst, die „Grüne Insel“.

 

 

 

 

Donnerstag, 7. April 2016

Warum wollen nur noch Vier- und Fünfjährige Baggerfahrer werden?

Eine ganze Wand in seinem Kinderzimmer sollte unbedingt mit der Baggertapete beklebt werden. Das musste sein, das war der größte Wunsch des Vierjährigen. Sein Lieblingsspielzeug ist zurzeit ein großer Bagger mit beweglicher Schaufel und sogar einem Anhänger für die Erde und den Sand.
Aber er ist da wohl kein Einzelfall in seiner Altersgruppe. Immer wieder beobachte ich an der Baustelle in unserem Viertel, dass dort regelmäßig Väter und Mütter mit ihren Kleinen am Rand der Baustelle verweilen müssen. Fasziniert beobachten die Kinder mit großen, staunenden Augen die Bewegung der Kräne, verfolgen die Fahrt der Baufahrzeuge und natürlich die Bagger bei der Arbeit. Da müssen die Eltern schon eine große Portion Geduld aufbringen, um ihren Weg dann endlich fortsetzen zu können. Mancher der Knirpse hat sogar seinen kleinen Bagger dabei und beginnt sofort damit, das Gesehene auf dem schmutzigen Fußweg nachzuspielen, oft zum Entsetzen der Eltern.
Und da kommt mir der Gedanke, ob das nicht der Punkt ist, an dem Eltern beginnen, ihren Kindern den Beruf des Bagger- oder Kranfahrer systematisch auszureden? Auf der Baustelle ist es laut, staubig und die Arbeit auch heute noch ganz schön anstrengend. „Nein, unser Kind soll es doch einmal besser haben“, meinen die besorgten Eltern.  Wie ist es sonst möglich, dass gerade im Baugewerbe und im Handwerk die Lehrlinge und die Fachkräfte fehlen? Überall dort, wo noch richtig angepackt werden muss. Der frühe Wunsch der Kinder, später einmal etwas Praktisches zu machen, zu bauen und zu gestalten, wird schon bald als Kindertraum abgestempelt, beiseitegeschoben und als nicht realistisch eingeschätzt und in die frühkindliche  Märchenwelt verwiesen. Das war es dann auch schon.
Die Schule setzt mit ihren Lehrinhalten das Ganze später fort. Sie vermittelt jede Menge Wissensstoff, Zahlen, Gleichungen und Analysen, die aber zu wenig bis keinen praktischen Bezug zu einem späteren Beruf der Kinder haben. Handfestes Anpacken, ein Umgang mit Hammer, Zange und Nägeln wäre gerade für die Jungen eine willkommene Herausforderung. Doch Fehlanzeige! Da könnte es ja mal einen blauen Daumen geben, oh je. So werden die meisten Kinder ganz schnell weichgespült und verkopft. Und das zeigt schon bald Wirkung. Sehe ich an der gleichen Baustelle etwas ältere  Schüler vorbeigehen, so bemerken diese nicht einmal mehr, dass hier gebaut wird. Sie schauen bloß noch auf das Display ihrer Smartphone und tauschen Nachrichten aus. Worüber nur, frage ich mich manchmal?
Ihre Vorstellungen vom späteren Berufen sind nun, dank ihrer Erziehung, ganz andere geworden. Sie wollen schnell reich werden, also am besten gleich Banker werden. Sie wollen etwas erleben, also etwas mit Medien oder Tourismus machen. Es wäre toll etwas mit Menschen zu machen, ja in die Richtung „Soziales“ solle es gehen, keine Ahnung. Andere haben gleich gar keine Vorstellung, Hauptsache erst mal studieren. Ein Zweit- oder Drittstudium ist keine Seltenheit.  Und mit 30 ist noch lange nicht Schluss. An einen engagierten Start ins Berufsleben ist da nicht mehr zu denken.
Wie schafft es unsere heutige Gesellschaft mit ihrem Bildungssystem nur, so viele junge Menschen in der Schule heranzubilden, deren Köpfe mit Wissen, oder was andere dafür halten, vollzustopfen, was oft so wenig für das Leben taugt?  Heißt es nicht schon bei den Alten: „Non scholae, sed vitae dicimus“ - „Nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir.“ Oder wie es schon Johann Wolfgang von Goethe sagt: „Ein Blick ins Buch und zwei ins Leben, das wird die rechte Form dem Geiste geben.“
Wo aber diese Einblicke ins wirkliche Leben den Heranwachsenden nicht mehr geboten werden oder sie ihnen als „kindliche Flausen“  schnellstens wieder ausgetrieben werden, da führt dies zu einer sehr eingeschränkten Wahrnehmung der Wirklichkeit und macht echte und gute Entscheidungen immer schwieriger.
Ist es deshalb etwa zu provokant zu sagen, manch junger Mensch  wäre  sicher ein guter Handwerker oder Baufachmann geworden, wenn er nur die Möglichkeit dazu bekommen hätte?
Wir brauchen dringend tüchtige Baggerfahrer, zuverlässige Lockführer und mutige Feuerwehrleute,  also Menschen, die Werte schaffen und schützen. Und all diese Menschen, die sich um das Wohlergehen anderer Menschen kümmern, die brauchen wieder unsere  Anerkennung und Wertschätzung.

 

 

 

 

 

Sonntag, 20. März 2016


Wer ist  eigentlich behindert?

 


Es war an einem Sonntagnachmittag, das weiß ich noch ganz genau, als ich bemerkte, dass ich behindert bin! Ich war damals ein junger Mann von 23 Jahren. Die Erfahrung war recht schmerzlich. Doch bitte falsches kein Mitleid. Das ist schon der erste Fehler in der Begegnung mit behinderten Menschen. Ja, es sind zu allererst Menschen, zwar mit unterschiedlichen körperlichen oder geistigen Behinderungen, aber es sind Menschen.
Meine so plötzlich aufgetretene Behinderung war jedoch von ganz  anderer Art, denn körperlich und geistig fehlte mir nichts. Das Ganze fing damit an, dass wir als Studenten an manchen Sonntagen in die „Pfeifferschen Stiftungen“ in Magdeburg gingen. Wir hatten uns freiwillig zu einem sozialen Dienst angeboten. So betraten wir das Gebäude, in dem behinderten Kinder untergebracht waren. Schon der Geruch verschlug mir fast den Atem und mein Magen fing an, sich leicht zu drehen. Doch was sollte es, wir wollten ja helfen, Nöte lindern und den Kindern etwas Freude schenken. Also hieß es durchatmen und durch. Man gewöhnt sich schließlich fast an alles! Oder?
Die körperlich und geistig behinderten Kinder freuten sich, als sie uns sahen und taten dies mit oft unartikulierten Lauten kund. Mit dem Personal, das gerade am Sonntag immer knapp war, wurde alles abgestimmt. Die Schwestern  waren froh, wenn sich jemand zusätzlich um die Kinder kümmerte. Bei schönem Wetter gingen wir mit ihnen im  Park spazieren oder schoben die Rollstühle hinaus. Eltern und Verwandte ließen sich nicht leider nicht oft sehen.
Alles war bereit, nun sollte es losgehen. Doch heute musste ich zuerst noch dem etwa zehnjährigen Jungen beim Anziehen seiner Jacke helfen. Und da geschah es. Ich merkte, dass ich der Behinderte war. Wie dumm muss ich mich wohl angestellt haben, ihm seine Armen in die Ärmel zu stecken. Besser muss ich wohl sagen, seine kleinen Hände, die sich direkt an seinen Schultern befanden, in die viel zu langen Ärmel der Jacke zu stecken. Der Junge war zwar schwer körperlich behindert, aber geistig völlig normal und ein helles Köpfchen. Mir läuft es heute noch kalt den Rücken herunter, wenn ich daran denke, was er mir sagte: „Stell dich nicht so dumm an, schau so musst du das machen. Das ist doch nicht so schwer.“
Doch ich war in diesem Augenblick der „Behinderte“. Ich kam mit dieser Situation einfach nicht klar. Später habe ich noch viele Menschen erlebt, die mit ihren Behinderungen leben und klar kommen mussten. Auch wenn es eine harte Schule war, so habe ich im Laufe der Jahre eine große Hochachtung vor allen Menschen mit einem Handicap gewonnen und ganz besonders vor denen, die sie pflegen und denen es gelingt, sie als Partner mit ihren Schwachpunkten aber auch mit ihren ganz speziellen Stärken zu sehen.
Ja, wir selbst sind häufig die „Behinderten“, die wir uns für stark, gesund  und so normal halten. Wir betrachten alles, was von unserer Norm abweicht, leicht für „unnormal“. Das führt dazu, dass wir nicht natürlich mit Menschen umgehen, die etwas anders sind. In dieser Situation neigen wir leicht zu einem übertrieben, weinerlichen Mitleid oder wir wenden uns ab, um sie nicht  sehen zu müssen. Nach dem Motto, was ich nicht sehe, das gibt es nicht. Dieses für uns „fremdartige“ Aussehen und Veralten hindert uns, normal zu reagieren. Das Anderssein dieser Menschen verunsichert, ja es kann sogar ängstigen und Aggressionen auslösen. Es behindert und verhindert  einen selbstverständlichen, fairen  und guten Umgang aller Menschen miteinander.
Meine so spontan aufgetretene „Behinderung“ an jenem Sonntag, war eine tiefe Erfahrung und hat mir letztlich gezeigt und deutlich gemacht, dass meine Vorstellung von Normalität nicht die einzige ist und schon gar nicht die richtige sein muss.

Mittwoch, 9. März 2016


Findlinge – Zeugen vergangener Jahrtausende


Sicher sind sie Ihnen auch schon einmal aufgefallen, die Findlinge. Sie liegen oft am Rande des Weges oder eines Ackerfeldes. Findlinge werden diese großen runden Steine genannt, die heute noch manchem Landwirt zu schaffen machen. Als würden sie aus dem Boden wachsen, tauchen sie an der Oberfläche auf. Sie sind  tonnenschwer und jeder wundert sich, wo sie eigentlich herstammen, denn in unmittelbarer Nähe lässt nichts auf ihre Herkunft schließen. Der Name „Findlinge“ macht gleichfalls auf die Unsicherheit über deren Ursprung deutlich. Diese erratischen Blöcke werden an Orten gefunden, wo sie gar nicht hingehören. So tragen sie zu recht noch heute den Namen, Findlinge!
Natürlich wissen wir inzwischen sehr genau, dass diese Kolosse uralte Zeugen der Eiszeit und ihrer Gletscher sind. Das meterhohe Eis der Gletscher hat diese Steine einst vor tausenden von Jahren aus den Bergen in das Vorland geschleppt oder sie von Skandinavien bis nach Norddeutschland transportiert. Über lange Zeiten und Distanzen wurden die Felsbrocken durch den enormen Druck unter dem Eis über das Geröll geschleift und dabei rundeten sich ihre Ecken und Kanten allmählich ab und sie erhielten ihre heutige runde Form.  Die enormen Eismassen haben so durch ihr Vordringen und das Zurückweichen in dieser unendlich langen Zeit ihre Spuren durch das Land gezogen, die wir in Form von Endmoränen und Flusstälern noch heute deutlich erkennen können.
Wir leben in  einer sehr schnelllebigen Zeit und können uns diese riesigen Zeiträume gar nicht richtig vorstellen. Bei uns muss alles immer schnell gehen und jeder Wunsch möglichst sofort erfüllt werden. Verglichen mit der schier unendlichen  Zeitpanne der Vorgeschichte unserer Erde und den Jahrtausenden der Geschichte der Menschen, ist natürlich das Leben des einzelnen Menschen ein kaum sichtbares Pünktchen auf dem Zeitstrahl der Entwicklung. Alles was außerhalb unserer eigenen Lebensspanne liegt, bleibt uns, bei allem theoretischen Wissen darum, doch irgendwie fremd und manches wirkt sogar unheimlich.

Findlinge üben auf mich eine ganz besondere Faszination aus. Sie erscheinen mir wie „fremde Wesen“ aus einer längst vergangenen Zeit. Aber sie erinnern mich auch an Menschen, die in sich ruhen und Gelassenheit ausstrahlen. Die in ihrem Leben so manches erlebt und erlitten haben. Die gleichsam all ihre Ecken und Kanten verloren haben auf ihrem Weg durch das Leben. Doch der Druck und die Lasten haben sie nicht zerstört, sondern gerundet und bewegt. Ihre Gedanken und Worte sind nicht oberflächlich und schnell vergänglich, sondern diese kommen aus einer großen Tiefe ihres Seins. Sie sind eher schweigsam und verhalten in unserer sonst so geschwätzigen Zeit, wenn sie aber sprechen, dann hat das Gesagte wirklich Gewicht. So manchem kommen sie eher fremd und etwas verloren in unserer heutigen Zeit vor, denn sie tauchen schon mal an Orten und zu Zeiten auf, wo sie keiner so recht erwartet. Sie sind dann einfach da und präsent und wirken deshalb für andere Menschen sogar eher störend.
Sie haben noch eine Ahnung davon, dass auch heute nicht alles schnell, schnell gehen muss, von jetzt auf gleich, sondern dass Vieles eben Zeit braucht. Sie denken in anderen Dimensionen und Zusammenhängen, weil eins oft nicht ohne ein anderes denkbar ist und schon gar nicht machbar. Solche Menschen sind für mich wie „Findlinge“ am Wege. Sie laden ein zum Ausruhen und zum Verweilen. Leider begegnen uns solche Menschen nicht oft an unseren Wegen, genau wie die Findlinge, werden sie immer seltener. Doch es lohnt sich, solche Menschen zu suchen und zu finden.
 
Wenn wir ihnen begegnen, sind sie nämlich für uns wie ein Geschenkt aus der Tiefe der Zeiten und des Lebens, wie die Findlinge auch, Zeugen einer anderen Wirklichkeit.

 

Mittwoch, 2. März 2016



Straßenhunde in Paraguay

 
Neulich schaute ich mir alte Dias von unseren Reisen aus den letzten Jahren an. Dabei wurden viele der Bilder ganz lebendig und so manche Begebenheit fiel mir dazu wieder ein.  Auch diese  von unserer Reise nach Paraguay. Das war so:
 
Sie, eine ältere Dame, hatte sich von ihrem Mann ganz einfach am falschen Hotel absetzen lassen. Als sie ihren Irrtum bemerkte, war ihr Mann mit dem Auto schon wieder weg. Nun suchte sie händeringend nach einer anderen Mitfahrgelegenheit, um doch noch rechtzeitig zum Treffen der Frauengruppe deutscher Einwanderer in Paraguay zu kommen. Am schönen Lago Ypacarai, dem größten See Paraguays, liegt die Kleinstadt San Bernadino, die 1881 von deutschen Einwanderern gegründet wurde. Unseren Rundgang am See und durch die Stadt wollten wir gerade mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Käsekuchen in der „Deutschen Bäckerei“ beschließen.
 
Da kam auch schon die Frau ganz aufgeregt auf uns zu. „Sie sprechen deutsch“, sprach sie uns. „Ja, wir sind aus Deutschland.“ „Ick bin die Rosi und komme aus Berlin“, sprudelte es aus ihr heraus. In kürzester Zeit erfuhren wir, dass sie schon einige Male in Paraguay war und  jetzt mit ihrem Mann hier am See in diesem guten Klima seit Wochen alles für ihre Einwanderung nach Paraguay vorbereiteten. Deshalb wollte sie ja auch zu dieser Frauengruppe, denn von ihr erhoffte sie sich viele gute Tipps. Man tauschte sich dort nämlich über alles aus, vom Brotbacken über den Umgang mit den Behörden im Land bis zur Information, wo der beste Fisch hier am See geräuchert wird. Aber das würde sie nun alles verpassen, wenn sie nicht schnellstens in das andere Hotel käme. Kurz und gut, sie würde uns auch einen Kaffee spendieren, wenn wir sie dorthin fahren könnten. Leider hatte sie  aber auch nur eine vage Vorstellung, wo das Hotel  so ungefähr liegt.
 
 Nachdem wir uns kurz in der Bäckerei umgesehen hatten und diese dann doch nicht den erwarteten Eindruck auf uns machte und Käsekuchen gab es auch nicht mehr, fuhren wir mit Rosi zurück in die Stadt. Während der Fahrt erzählte sie uns, dass Sie und  ihr Mann einen ruhigen Lebensabend in Paraguay verbringen wollen. Mit dem Ersparten und der Rente aus Deutschland kämen sie hier viel leichter und besser klar als in Deutschland. Und es lebt sich ja auch wesentlich ruhiger hier. Aber das viele Elend und die Armut machten sie schon sehr betroffen. Davor konnte sie die Augen nicht einfach verschließen. Und sie hatte beschlossen, hier zu helfen. Wir erfuhren also von ihr, dass sie sich gern sozial engagieren wolle. Sie hätte ja schon immer eine soziale Ader gehabt, meinte sie noch.
 
 Wir waren echt beeindruckt und gespannt, was sie denn für Projekte plante. Ja, sie wolle sich um die Straßenhunde kümmern, die täten ihr so leid. Wir sahen uns nur kurz an und schluckten leicht. Wir hatten nämlich bei unserer Reise in diesem Land schon ganz andere Probleme und sehr viel Armut gesehen, worunter die Menschen litten. Wenn man ihnen helfen würde, wäre sicher auch den Hunden geholfen, dachten wir noch. Doch da waren wir auch schon am Hotel. Rosi eilte schnellstens zu ihrer der Frauengruppe und schon war sie verschwunden. Wir tranken unseren Kaffee und bezahlten ihn selbst. Wenn aber wir in den Tagen nach dieser Begegnung mit Rosi, streunende Hunde auf den Straßen und Plätzen sahen, dann mussten wir unwillkürlich an Rosi und  ihr „soziales Engagement“ denken. Auch wenn wir selbst etwas andere Vorstellungen von einem „sozialen Engagement“ hatten, so war doch Rosis Vorhaben  immerhin ein kleiner Anfang in diesem Land. Straßenhunde gibt es in Paraguay genug, buchstäblich wie Sand am Meer.
 
Sagt man nicht, dass der Hund der beste „Freund des Menschen“ sei?  Warum sollte  es nicht auch umgekehrt der Fall sein? Helfen ist in jedem Fall besser, als gar nichts zu tun.