Samstag, 5. Dezember 2015


Wir haben uns daran gewöhnt,

dass unsere Kühlschränke gut gefüllt sind und wir im Supermarkt zwischen zig verschiedenen Sorten unseren Joghurt auswählen können. Wir haben uns daran gewöhnt, dass es spätestens ab September Schokoladenweihnachtsmänner und Christstollen gibt, und dass wir frische Erdbeeren im Dezember bekommen. Wir haben uns daran gewöhnt, dass auf den Weihnachts-märkten und in den Kaufhäusern, den modernen Einkaufstempeln, die Besucher mit alten christlichen Liedern berieselt werden, obwohl immer  weniger Menschen in die Kirchen gehen und noch weniger  an die Weihnachtbotschaft glauben. 

Wir haben uns an so vieles gewöhnt, was uns nützlich, bequem und gut erscheint. Und an das Gute kann man sich ja ganz schnell gewöhnen.

An anderes haben wir uns auch gewöhnt oder besser gesagt, mussten wir uns gewöhnen. Daran, dass es in Deutschland keine Vollbeschäftigung mehr geben wird, dass die Sparer um ihre Zinsen betrogen werden und die Versicherungen zugesagte Zugewinne bei ihren Versicherten nicht mehr einhalten  müssen, sodass jeder von Glück reden kann, wenn er wenigstens das heraus bekommt, was er in langen Jahren eingezahlt hat. Wir haben uns daran gewöhnt.

Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns in Film und Fernsehen häufig eine Scheinwelt vorgegaukelt wird. Dass uns sozusagen Verhaltensmuster suggeriert werden, wie man heute denkt, redet und handelt. Wir haben uns daran gewöhnt, dass uns gezeigt wird, dass fast kein Tatortkommissar oder ein anderer Protagonist im Fernsehen verheiratet ist und eine Familie hat. Stattdessen landet er oder sie ganz selbstverständlich nach einer flüchtigen Begegnung sofort im Bett des anderen. Dass zwei Männer sich küssen, nach des Tages Last erst einmal ein Joint rein gezogen wird und natürlich immer ein Drink bereit steht, ist einfach omnipräsent. Woran andere Menschen vielleicht Anstoß nehmen, daran haben wir uns schon lange gewöhnt ohne es noch selbst zu merken, was da mit  uns gemacht wird. 

Wir sind müde und träge geworden und haben uns an solche Dinge gewöhnt und sie einfach hingenommen, auch die, die nicht in Ordnung sind. So sind die Bilder von Krieg  und Terror schon seit Jahren, fast Tag für Tag auf unseren Bildschirmen zu sehen gewesen, die Bilder von hungernden Menschen, von Ausgebeuteten und von Krankheit Gezeichneten. Bis jetzt war das alles so weit weg. Nun aber werden die Bilder Wirklichkeit. Es kommen die Flüchtlingsströme zu uns nach Europa und nach Deutschland, da werden unsere bisherigen Gewohnheiten in Frage gestellt. Wir hatten uns doch so sehr daran gewöhnt, dass es ein natürliches Gefälle zwischen Ost und West und besonders zwischen der ersten und der dritten Welt gibt. Wir merken immer mehr, dass wir alle in einer Welt leben und eben nichts mehr sicher ist, an  das wir uns so sehr gewöhnt hatten.

Wir hatten naiver Weise geglaubt, dass Freiheit zum Nulltarif zu haben ist und uns daran gewöhnt, dass andere dafür kämpfen. Wir hatten uns daran gewöhnt, dass unser Wohlstand sicher ist, und wir vor Weihnachten mit einer kleinen Spende gegen Spendenbescheinigung davon kommen. 

Wir hatten uns an vieles gewöhnt. Und es ist ja auch nicht verkehrt, wenn wir gewisse Gewohnheiten entwickelt haben. Gewohnheiten erleichtern das Leben des einzelnen und ganzer Gruppen. Nicht jeder Handgriff, nicht jede Handlung muss jedes Mal neu überlegt werden, das entlastet unseren Alltag. Gewohnheiten können aber auch den Blick für das Neue und die Anderen verstellen, sie können gleichsam wie eingefahrene Geleise wirken, die nur in eine Richtung  führen.

„Der Mensch kann sich an vieles gewöhnen“, heißt es manchmal sehr salopp. An Gutes und gleichermaßen an Böses. Doch der Mensch muss es nicht, und er darf es nicht. Trotzdem wird die sogenannte „Macht der Gewohnheit“ als Entschuldigung herangezogen für unser angepasstes Verhalten, welches uns fast zur zweiten Natur geworden ist, sodass es uns  so unendlich schwer fällt, es wirklich zu verändern. 




Sonntag, 29. November 2015


Selbstgestrickt“

Stricken ist wieder „in“. Zwei links, zwei rechts, Masche für Masche entsteht so ein Unikat und bringt dem Träger Freude und Bewunderung. Stricken ist mehr als bloß ein Zeitvertreib oder eine Erwerbstätigkeit, Stricken ist inzwischen ein angesagter  Event für Frau und Mann. In den frühen 80iger Jahren konnten wir die „grünen“ Abgeordneten im Bundestag häufig mit Nadeln und Wollknäuel sehen. Nun ist es wieder schick, die Nadeln zu kreuzen, aber nicht nur um Mützen, Schals und Pullover zu stricken, sonder die „Strickrebellen“ von heute verschönern mit ihren Strick-kunstwerken: Straßenlaternen, Brücken-geländer, Denkmale und sogar Bäume. Im Internet findet man ihre Bilder von den Kunstwerken aber auch von bunten, selbstgestrickten Socken und bei ebay jede Menge Wollsachen im Angebot. 

Schöne alte/neue Strick- und Häkelwelt. Da  ist sicher für jeden etwas dabei. Was aber gerade diese Stricksachen ausmacht, ist ihre unangefochtene Originalität in Farbe, Muster und Form. Jeder gestaltet und fertigt sein unverwechselbares Unikat, selbst wenn dazu ein fertiges Strickmuster verwendet wurde, hat es doch die eigene „Note“. So soll es wohl auch sein, wer strickt, möchte  dafür  auch bewundert werden. Wenn auch nicht alle selbstgestrickten Stücke gelingen, macht  ja nicht, sie können wieder aufgeribbelt werden. Dann geht’s von vorne los. Dass die zwei Socken nicht so gleich aussehen, wie sie  eigentlich sollten, ist gar nicht so schlimm, ist  dann eben Ausdruck von Individualität.

Und genau um diese scheint es heutzutage auch in anderen Bereichen des Lebens für immer mehr Menschen zu gehen. Frei nach Pippi Langstrumpf: „Widdewiddewitt und Drei macht Neune! Ich mach mir die Welt widdewiddewitt wie sie mir gefällt…“, machen sich viele Menschen ihre eigene „selbstgestrickte“ Weltanschauung. 

Was einem da auf dem  Markt der Meinungen und Ansichten so alles begegnet, ist oft haarsträubend. Originalität und Individualität werden ganz großgeschrieben, ob es anderen passt oder nicht. Und so wird gestrickt und gehäkelt, was das Zeug hält. Hauptsache bunt und kuschelig, dafür etwas zipfelig und mit einigen Luftmaschen durchsetzt, für die einen und für die anderen eher in einer altertümlichen, strengen Form und dunkler Farbe. Von rot und grün über braun und schwarz bis hin zu den schillernden Regenbogenfarben, ist hier alles vertreten. Jeder aber hält seine Farbe und sein Muster nicht nur für das Schönste, sonder absolut für das einzig Richtige. 

Bei Widerspruch haut man/frau sich die Anschauungen rechts und links heftig um die Ohren, sodass die Maschen fliegen. Und wie praktisch, was heute passt, gilt morgen schon nicht mehr. Da wird das „Selbstgestrickte“ einfach aufgeribbelt. Ein paar Wollreste aus der Mottenkiste genommen und dazu ein Knäuel echte, handgesponnene nepalesische Wolle aus dem Ökoladen und fertig ist das neue Stück. 

Einfach „selbstgestrickt“ – das passt  schon! Oder  vielleicht doch nicht?




Dienstag, 24. November 2015


Fallobst - was unten liegt, ist nichts mehr wert

Was auf der Erde liegt ist schmutzig und nichts mehr wert. Was runterfällt, bleibt liegen. Salopp gesagt: „Tritt sich fest“. Sich danach zu bücken, ist nicht der Mühe wert. Herunter gefallene Früchte bleiben liegen und werden auf den Wegen zertreten oder auf der Fahrbahn von den Autoreifen zerquetscht.

Wie sich  doch  die Zeiten und die Ein-stellungen ändern? Aus meiner Kindheit kenne ich es noch, dass wir zu den Obst- wiesen gingen und die herunter gefallenen Äpfel aufgesucht haben. Ebenso lasen wir diese unter den Apfelbäumen am Straßen-rand auf. Die Angst vor den schädlichen Autoabgasen war in diesen Jahren noch nicht so groß, da der Straßenverkehr im Osten recht übersichtlich war. Nun, so ganz lecker wirkten die „Falläpfel“ nun wirklich  nicht. Oft waren sie madig und hatten faulige Flecken. Aber sie waren reif und saftig. Und das war ja auch der Grund dafür, dass wir sie körbeweise aufsammelten. Es ging doch gerade um den süßen Saft, natürlich hundert Prozent Frucht.

In unserem Dorf gab es eine kleine Mosterei. Dorthin wurden die Äpfel und andere Früchte gebracht, um daraus den köstlichen Most herstellen zu lassen. Zu den Abgabeterminen bildeten sich auf  der Dorfstraße regelrechte Schlangen parkender Fahrzeuge, beladen mit Eimern, Körben und Säcken voller Obst und dazu auch jede Menge leere Flaschen, in die später die fertigen Obstsäfte abgefüllt wurden.

Es stimmt also nicht immer: „Was unten liegt, taugt nichts.“ Vielleicht ist das auch nur so eine Ausrede für alle, die zu faul sind, sich zu bücken. Schließlich erfinden wir ja allzu häufig zur eigenen Entschuldigung die kreativsten Ausreden. Diese werden dann schnell zu handfesten Vorurteilen und zu gedankenlos übernommenen Klischees. „Was am Boden liegt, taugt zu nichts.“ 

Und das gilt dann auch für Menschen, die gefallen sind und buchstäblich am Boden liegen. Sie sind halt die Verlierer. Es ist ihr Fehler, dass sie dort gelandet sind. „Jeder ist schließlich seines Glückes Schmied.“ Sie ähneln den Falläpfeln, angeschlagen, dreckig und faul. Für die Gesellschaft wertlos. Wirklich?

Ist  das nicht manchmal auch unsere Sicht,  wenn  wir von solchen Menschen hören oder ihnen begegnen? Ihre Schicksale interessieren uns wenig, wir wenden lieber den Blick ab und gehen weiter. Wir haben schließlich unsere eigenen Sorgen. Die Versager, die von der Natur Benachteiligten, die wenig Gebildeten haben kaum noch Chancen. Die Nachfrage nach "Fallobst" ist eben sehr gering. Es gut aufzubereiten, ist mühsam und viel zu teuer. So vergammelt das Obst auf dem Boden und bestätigt wieder einmal die vorherrschende Meinung: „Was am Boden liegt, taugt zu nichts mehr, ist wertlos.“ Welch eine Verschwendung von Obst und anderen Lebensmitteln, die in unserem Lande, in dieser Wegwerfgesellschaft, einfach entsorgt werden und vergammeln.

Welch ungeheures Versagen an all denjenigen Menschen in unserem Land, die in den Augen anderer (vielleicht auch in unseren) zu nichts mehr taugen, die am Boden liegen, die wir gern als die "Sozialschwachen" bezeichnen und sie mit Hartz-4 abspeisen. Man hat sie abgeschrieben und fallen gelassen. Zu nichts mehr zu gebrauchen, Sozialfall.

Hat nicht jeder Mensch eine  zweite oder auch dritte Chance verdient, wieder auf  die Beine zu kommen? Dazu muss man sich natürlich zu ihnen herabbücken, um sie aufzurichten und sie wieder auf die Beine zu stellen. Das ist zwar mühsam und auch nicht immer von Erfolg gekrönt, jedenfalls nicht nach unseren Maßstäben. Aber es wird immer  wichtiger. Diese Verschwendung können wir uns eigentlich nicht leisten. 

Wenn dennoch unsere Gesellschaft es weiterhin zulässt, dass große Teile der Bevölkerung  an die Ränder gedrängt, abgeschoben und abgeschrieben  werden,  weil sie nicht den Standards der Leistungsgesellschaft entsprechen, dann ist diese so überhebliche Gesellschaft selbst „sozialschwach“, ja unmenschlich und letztendlich der eigentliche Verlierer.

  

Sonntag, 8. November 2015


Man weiß ja nie…

„Ich brauche eine Trauerkarte“, sagte Tante Rita, „die Nachbarin ist gestorben“. Im Dorf kennt man sich halt noch und nimmt Anteil am Geschick der anderen. Jedenfalls ist das so bei den älteren und ortsansässigen Bewohnern. „Ach bringt doch gleich fünf Karten mit, man weiß ja nie“, fügte sie dann nach einer Weile noch hinzu.

Das stimmt natürlich, man weiß es wirklich nie, ob und wann der nächste Todesfall im Bekanntenkreis eintritt und schon gar nicht, wen es trifft. Mit Gewissheit wissen wir natürlich, dass jeder einmal sterben muss. Auch wir selbst.

Doch herzliches Beileid wünschen, was soll das eigentlich heißen? Wem gilt es? Dem Verstorbenen sicher nicht, denn er ist ja tot. Für ihn ist es unerheblich, ob andere Menschen um ihn weinen, ihn bemitleiden oder trauern. Und in den Augen  vieler Zeitgenossen bedeutet das Ende des Menschen ja sowieso nur:  „tot ist tot, aus und vorbei.“ Was soll´s also?

Der Tod eines Menschen, eines Angehörigen oder eines lieben Freundes bedeutet doch immer Verlust. Einen Verlust, den die Lebenden erleiden. Ihnen gilt mein  Mitgefühl, ihnen spreche ich mein herzliches Beileid aus. Das sollte aber keine bloße Floskel  sein, nur so dahingesagt oder in einem Kondolenzbrief schriftlich zum Ausdruck gebracht. Einem Hinterbliebenen, der einen so schmerzlichen Verlust erlitten hat, der Mann der seine Frau verloren hat oder die Frau, die ihren Mann oder gar ihr eigenes Kind beerdigen musste, diesen Menschen gilt mein „Herzliches Beileid“. Das aber heißt doch nichts anderes als: „In deinem Leiden und deinem Schmerz bin ich bei Dir, das sage ich Dir heute von ganzem Herzen zu“. Und wenn das nicht nur leere Worte sind, dann spürt der Trauernde auch, dieser Trost hat wirklich Hand und Fuß.

Beileid wünschen bedeutet Anteil nehmen und Anteil geben, dem Tod und der Trauer nicht auszuweichen. Der Tod eines Menschen, sowie der Schmerz und die Trauer der Hinterbliebenen verunsichern aber oft selbst Freunde und Bekannte. Sie wissen dann nicht, was sie sagen  sollen und das entstehende Schweigen ist ihnen eher peinlich und bedrückend. Man beschränkt sich bei einer Begegnung, wenn es gar nicht anders geht, auf Vordergründiges oder weicht einer Begegnung lieber aus.

Der Tod und was er mit den  Menschen macht, bleibt uns sehr suspekt. Er stellt uns selbst in Frage. Da fehlen uns die Antworten, die  wir sonst so schnell und selbstbewusst überall parat haben. Die Aussage - tot ist tot - ist deshalb für einen Trauernden nicht sehr tröstlich. Ebenso ist die Allerweltsaussage, „die Zeit heilt alle Wunden“, nur ein hilfloser Versuch das eigene Unvermögen zu verschleiern, den man sich getrost sparen kann.

Dagegen eröffnet der so banal klingende Satz, „das Leben geht weiter“, wenn dieser nicht nur eindimensional gemeint und verstanden wird, eine ganz andere Dimension, die über den Tod hinausweisen kann und so manch einem die Einsicht entlockt: „Man weiß ja wirklich nie…“ 

Freitag, 30. Oktober 2015


Trockensträuße – was vom Sommer bleibt

Jetzt ist ihre Zeit wieder gekommen. Die Zeit der Gestecke und der Trockensträuße. Die Blüten des Sommers sind längst vergangen, die Farben des Herbstes schwinden zusehend. Auch wenn die noch verbliebenen bunten Blätter an den Bäumen und Sträuchern in den weniger werdenden, sonnigen Herbststunden noch einmal ihr herrliches Leuchten zeigen, die Tage der Farben und  des Lichtes sind endgültig gezählt.

Umso beliebter sind all die Trockensträuße in einer großen Bodenvase oder auch als kleine Gestecke auf den Tischen als dekorativer Raumschmuck. Schon im Sommer wird damit begonnen die Gräser, Kräuter, Blüten, Zweige  und Silberdisteln zu sammeln und zu trocknen, damit sie später noch lange über die dunkle und oft so karge Winterzeit die Räume unserer Wohnungen schmücken.

So ein Trockenstrauß ist ganz und gar  nicht mit einem Strauß frischer Blumen zu vergleichen, aber er weckt die Erinnerung an den vergangen Sommer mit all seinen Farben und Düften. Und sind es nicht gerade die Erinnerungen, von denen wir Menschen leben, ja oft wieder aufleben? Da fühlen wir uns plötzlich wieder auf die duftende Wiese mit all ihren Kräutern und Gräsern versetzt. Wohlig hatten wir uns ausgestreckt und in den blauen Himmel mit den weißen, dahinziehenden Wolken geschaut und in die Sonne geblinzelt, die so wohlig warm unsere Haut liebkoste. Da kehrt etwas zurück von der schönen Sommerzeit. Farben, Licht, Wärme und so wundersame Düfte erfüllen wieder unser Inneres. Die bunten Schmetterlinge flattern  durch unsere Erinnerung und wir hören förmlich Vögel zwitschern.

Denn unsere Trockensträuße haben nämlich etwas von der Schönheit des letzen Sommers, der ja oft nur so flüchtig ist, eingefangen und geben sie nun wieder frei. So erfüllen uns Freude und Dankbarkeit. Die stürmische und regnerische Zeit, die kalten Tage des Sommers, von denen es im Wetterbericht immer hieß, „Für diese Jahreszeit zu kalt“, diese werden  auf  unserer Phantasiereise einfach ausgeblendet.

Wie ein Trockenstrauß die Erinnerung an den vergangenen Sommer wachhält, so können auch  Geschichten von guten Erfahrungen und Erlebnissen uns neu beleben und mehr Licht und Farbe in das oft triste und farblose Leben anderer bringen. 


Mittwoch, 14. Oktober 2015


Der Kaktus unserer Nachbarn


In diesem Sommer hat  der  Kaktus auf dem Balkon unserer Nachbarn wieder in voller Blüte gestanden. Diese Blütenfülle war eine wirkliche Pracht und ein echter Hingucker. Da konnte man schon mal richtig neidisch werden. Nach gut einer Woche war von  der ganzen Blütenpracht aber nichts mehr zu sehen. Keine einzige Blühte zierte den Kaktus. Grün und stachlig stand er etwas verloren auf  der Brüstung des Balkons, denn merke, auch die schönsten Blüten sind oft nur von kurzer Dauer.

Trotzdem können sich viele Menschen nicht über das Schöne freuen, was andere haben oder was ihnen besonders gelingt. Sogleich schleichen sich Neid und Missgunst bei ihnen ein. Sie sehen zwar den Erfolg, die Blüten, aber nicht die Mühe, die dahinter steckt. „Ohne Fleiß kein Preis“, das scheint für andere nicht zu gelten, denen gelingt einfach alles. Neidische Menschen quält ständig der Gedanke: „Wieso geht es allen anderen besser als mir?“ Wenn Menschen anfangen, sich mit anderen zu vergleichen, dann tun sie es bekanntlich aus einem sehr subjektiven Blickwinkel. Dieser einseitige Blick auf die anderen, macht sie selbst neidisch und ungerecht. Das liegt wohl auch daran, dass sich „Jede“ und „Jeder“ gern mit denen vergleicht, die es anscheinend besser haben. 

Dabei schauen Frauen oft neidisch auf jene ihrer Artgenossinnen, die schlank und rank sind und trotzdem alles und in jeder Menge essen und trinken können. Das ist ja so ungerecht und unendlich gemein. Männer blicken schon einmal neidvoll über ihren eigenen Bierbauch hinweg auf die muskulöse und athletische Gestalt ihres Nachbarn, der stets alle bewundernden Blicke auf sich zieht.  Dass er sich mehrmals in der Woche im Fitnessstudio abmüht, ja quält, das übersehen sie geflissentlich. Schlechtere Schüler verstecken ihren Neid auf die guten Noten ihrer Mitschüler, indem sie diese als Streber verunglimpfen und sich selbst für ach so cool halten. Da hilft auch keine noch so geschickte Selbsttäuschung,  das zu verbergen, denn der Neid bohrt trotzdem weiter und quält ungemein.

In unserer Gesellschaft fühlen sich heute viele Menschen als Verlierer und von der ganzen Welt betrogen. So wird es immer wieder gezielt berichtet. Riesige „Neiddebatten“ werden darüber geführt und  immer  wieder neu angeheizt. Missgünstig wird der Blick auf alle gerichtet, denen scheinbar alles gelingt, die gute Posten haben und denen es so viel besser geht. Durch solchen, zumeist geschürten Neid, werden Menschen dann unzufrieden und sogar böse. Wo aber die Zufriedenheit sinkt, ist  letztlich auch der Friede im Kleinen wie im Großen gefährdet.

Neid und Missgunst werden dort geringer oder verschwinden gar, wenn wieder mehr Menschen anfangen, sich nicht  mehr mit denen zu vergleichen, die es scheinbar besser haben, sondern mit denen, die es wesentlich schlechter haben. Und von ihnen gibt es bekanntlich  mehr als genug auf dieser Welt.

Wer also genau dahin schaut, wird weniger neidisch sein. Das würde so manchen Zeitgenossen zufriedener und dankbarer machen. Denn die Frage lautet dann nicht mehr: “Warum geht es mir schlechter als anderen“, sondern „Warum geht es mir eigentlich besser als so vielen  Menschen auf dieser Erde?“ 

Der Mensch,  der immer nur auf das Aussehen, den Reichtum und die Postion  anderer schielt und sich mit ihnen vergleicht, der wird unzufrieden, missgünstig und neidisch. Dieses einseitige Vergleichen, macht Menschen nicht nur bitter und ungerecht, sonder auch ziemlich unglücklich.

Zeigt uns doch das Leben immer wieder, worauf Menschen heute neidisch sind, das kann morgen schon vorbei und „verblüht“ sein, wie die schönste Blüte an Nachbars Kaktus. 



Donnerstag, 8. Oktober 2015


 Schiefe Leuchttürme 

Wenn Leuchttürme kippen, wenn Ihre Feuer erlöschen, dann wird es dunkel und es fehlt den Schiffen auf stürmischer See die Orientierung. Leicht können diese dann den sicheren Hafen verfehlen und auf  eine Klippe auflaufen. Es droht ihr Untergang.

Natürlich weiß ich, dass diese alte Art der Orientierung für den Schiffsverkehr längst überholt ist. Andere, bessere und genauere Orientierungshilfen stehen den heutigen Besatzungen zur Verfügung.

Und doch regte mich gerade dieses Bild des umgekippten Leuchtturms, welches ich vor zwei Jahren an der portugiesischen Atlantikküste aufnehmen konnte, zum Nachdenken an. Frage? Suchen nicht alle Menschen irgendwie für ihr Leben eine Orientierung, so eine Art Leuchtturm? Wo aber  können  sie  diesen  finden und wie zuverlässig sind die Leuchtzeichen noch?  Wenn „Leuchttürme“ kippen und „Leuchtfeuer“ erlöschen oder im Meer der  unendlich vielen, anderen Lichter untergehen, wo finden Menschen dann Richtung und Halt?

Besonders junge Menschen lassen sich bei ihrer Suche nach dem richtigen Weg leicht vom Flimmern greller Lichter blenden. Sie sehen die Glitzerwelt ihrer Stars und Sternchen und glauben, das sei der Weg zum schnellen Glück und Geld. Jedoch ist die Halbwertzeit ihrer Idole bekanntlich recht gering. Es ist oft nur ein kurzes Aufleuchten, dann fallen sie zurück ins Dunkel. Für eine nachhaltige Orientierung taugen sie eher nicht. Was nun?

In den frühen Kindertagen sind zuerst die Eltern, für ihre Kinder „Leuchttürme“ und „Wegweiser.“ „Mein Papa ist der stärkste, den haut keiner um“, sagt der Vierjährige. „Er ist stark, wie ein Bär, er weiß und kann alles!“ Und das kleine Mädchen weiß genau, dass ihre Mama nur einmal pustet und das böse "Aua" ist weg. Welch ein Urvertrauen und ein unermesslicher Vertrauensvorschuss für die Eltern. Aber auch eine enorme Verantwortung und ein permanenter Druck. Denn wehe, wenn schon früh dieses Grundvertrauen der Kinder erschüttert und zerstört wird. Zu wem sollen sie aufschauen, wem folgen? 

Die alten „Leuchttürme“, die in früheren Zeiten die Richtung wiesen und Halt gaben; die Familien, die Traditionen, der Glaube, die Nachbarschaft, die Heimat, sie alle haben ihre Bedeutung vielfach verloren. Oder Ihnen wird bewusst der feste Grund entzogen. Dieser löst sich zudem  immer mehr auf  in diffusen, individuellen Vorstellungen davon.  


So werden wichtige Orientierungspunkte mehr und mehr zum Kippen gebracht und durch ständig wechselnde Werbebotschaften und Sprechblasen ersetzt. Was gestern topp war,  ist heute schon wieder ein Flop und keiner weiß, was morgen kommt. Aber nicht alles, was alt ist, ist auch gleich "veraltet" und nicht alles, was neu aufleuchtet, ist auch gleich "gut" und schon gar nicht besser!