Sonntag, 22. Dezember 2013

Das Holzpferd, das übrig blieb


Es hat sich doch recht gut gehalten, oder? Mehr als 50 Jahre hat es nun schon auf seinem Pferderücken. Als Kind bekam ich es zu Weihnachten geschenkt. Es waren damals zwei Holzpferde. Beide waren vor einen Leiterwagen gespannt. Inzwischen ist mein Holzpferd etwas ramponiert, vom Geschirr und vom Zaumzeug ist nichts mehr übrig, die Mähne ist wie abrasiert. Der Wagen war blau und hatte einen gelben Einsatz, damit man ihn auch mit Sand und Erde beladen konnte. Mit viel Phantasie und Freude spielte ich als Kind lange Zeit damit. Als ich größer wurde, sind die beiden Schimmel und der Wagen auf dem Dachboden verstaut worden. Doch die ruhigen Zeiten waren für die Pferde und den Wagen schnell vorbei, als meine Nichte, ein kleiner Wirbelwind, die Holzpferdchen und den Wagen dort oben entdeckte. Nun ging es aber rund. Selbst die stabilsten Holzpferde halten das Gewicht einer Vierjährigen nicht lange aus. Zuerst musste die schöne Mähne der Pferde dran glauben, dann die Pferdeschwänze, sie wurden ausgekämmt. Danach kam dann eins zum anderen, bis das erste Pferd endgültig zusammenbrach und der Wagen ein Rad nach dem anderen verlor und mehr und mehr zerlegt wurde. Das war das „Aus“ für das stolze Pferdegespann aus meinen Kindertagen. 
Im letzten Moment konnte ich gerade noch dieses eine Pferd retten. Seitdem steht es auf dem Schrank und erinnert mich an unbeschwerte Kindertage und weckt auch so manche Fragen, wie zum Beispiel: Was können Menschen eigentlich aus ihren Kindertagen in das Erwachsenenleben hinüberretten? Ist es mehr als ein Holzpferd, eine Eisenbahn oder eine Puppe? Ich glaube schon. Doch es sind weniger die materiellen Dinge, die wir behalten können, denn den sprichwörtlichen „Kinderschuhen“ sind wir ein für alle mal entwachsen. Sie passten uns schon lange nicht mehr. Was aber bleibt uns aus dieser recht kurzen Kinderzeit in Erinnerung?
Was fällt Ihnen, was fällt mir ein, wenn wir an unsere Kindheit denken? Bei mir sind es zuerst die Eltern, die Großeltern, die Schwester, also Menschen denen ich als Kind vertraut habe und von denen ich alles erwarten durfte. Ich erinnere mich daran, dass die Oma immer gute Geschichten erzählt hat. Aber auch die Orte, wo ich zu Hause war und unbeschwert leben und spielen konnte, sehe ich noch heute vor mir.  Diese Orte und Räume, die mir damals als Kind so unendlich groß und weit vorkamen, sind nun im Blick des Erwachsenen eher klein und überschaubar. Mit zunehmendem Alter wurde meine Welt immer kleiner. Zwar erweiterte sich der Radius meines Umfeldes, aber  das unendliche Reich der Phantasie schrumpfte mehr und mehr zusammen. 
Ist die Kinderwelt nun eine verlorene Welt, für immer vergangen? Manches deutet darauf hin. Denn das absolute Vertrauen ist jetzt einer gesunden Skepsis gewichen, die ungekünstelte Offenheit ist in eine situationsgerechte Sprache übergegangen, die mehr verschweigt, als sie sagt. „Mama, Mama der Mann hat aber eine große, rote Nasen“, stellt das Kind mit ziemlich lauter Stimme fest. Die Mutter errötet und hofft, dass ihr Kind es bald lernt, was sich gehört und was es nicht sagen darf, auch wenn es stimmt.  Auch das Gefühl der Geborgenheit erfährt sehr bald erste Risse. Denn nicht immer und überall können die Eltern ihren Kindern diesen Schutzraum bieten. Jeder muss irgendwann das Nest verlassen und  in die „Schule des Lebens“ gehen, wo der Gegenwind der Realität sehr schnell die kindlichen Züge verfliegen lässt. Vielleicht haben deshalb manche Menschen immer wieder den Wunsch, noch einmal Kind zu  sein. Eine Sehnsucht nach eben dieser „heilen Welt“, die Welt des Kindes, in der es die Last der Verantwortung noch nicht gab. Aber auch diese "heile Welt" gab es nicht wirklich für jedes Kind, es sei denn in einer verklärten Erinnerung. Ein Gefängnisseelsorger wurde einmal gefragt, welche die schwierigsten Gefangenen seinen, mit denen er es in seiner Arbeit zu tun hatte. Er antwortete: „Diejenigen, denen beim Wort Mutter nichts Gutes mehr einfällt“. Kann es etwas Traurigeres für einen Menschen geben?
Darum meine ich, ist die wichtigste Aufgabe der Erwachsen, dafür zu sorgen,  dass sich die Kinder auch nach Jahrzehnten noch gern an ihre Kindheit erinnern. Lassen wir sie so lange als möglich auch Kinder sein und machen nicht vorzeitig „kleine Erwachsene“ aus ihnen. Jedes Kind braucht genügend Raum und Zeit für Phantasie und Träume. Kreatives Spielen und Lernen gelingt nur dort, wo nicht alles vorgefertigt ist und dem Leistungsdruck unterworfen ist. Dazu ist ein umgrenzter aber sicherer Freiraum die beste Chance für eine glückliche Kindheit, an die jeder sich später gern erinnert. 
Genau daran denke  auch ich, wenn ich das alte Holzpferd aus den Tagen meiner Kindheit vor mir sehe. Für diese unbeschwerten Jahre bin ich noch heute sehr dankbar.