Montag, 2. Dezember 2013

Engel & Co


Die Engel, und was die Menschen heute dafür halten, sind in diesen Tagen wieder zuhauf ausgeschwärmt. Sie bevölkern die Weihnachtsmärkte, die Schaufensterauslagen, sie kleben oder funkeln an den Fenstern der Häuser. Nirgends trifft man sie aber so häufig an, wie in der Advents- und Weihnachtszeit. Klein und pausbäckig spielen sie Posaune, Harfe oder Flöte und erfreuen so die Menschen. Ihre Flügelchen tragen sie mühelos überall hin. Manche scheinen auch recht freche Engel zu sein, sozusagen mit einem B davor. So wie die beiden „B-engel“ aus  dem bekannten Gemälde in der Dresdner Gemäldegalerie. Sie chillen und lassen sich ihr Bierchen und ein Zigarettchen  dabei schmecken. Es muss ja auch echt langweilig sein, Tag für Tag dumm aus dem Rahmen zu schauen. Dann schon lieber einmal aus dem Rahmen fallen.
Engel und engelgleiche Wesen haben Hochkon-junktur. Der ganze Buch-markt profitiert davon. Nein, es stimmt schon lange nicht mehr, dass nur religiöse Menschen an sie glauben und sich ihnen anvertrauen. In alle Lebensbereiche haben sich diese putzigen Wesen vorgearbeitet. Ob bei Taufen, Trauungen oder auch auf den Gräbern sind sie anzutreffen. Engel sind einfach „in“. Ganz besonders sind die Weihnachtsengel beliebt. Obwohl, es gab da mal ein Land und eine Zeit, da hatten gerade diese Weihnachtsengel es sehr schwer. Da durfte es sie partout nicht mehr geben, „da nicht sein kann, was nicht sein darf“. So wurden sie kurzerhand zu „geflügelten Jahresendfiguren“ umerzogen. Das aber nur mal so am Rande. Diese Zeiten sind Gott sei Dank längst vorbei.  Und ich frage mich, ob daran nicht auch die Engel ihre Verdienste hatten?
Obwohl die Engel eigentlich unsichtbar sind, gibt es auch „gelbe Engel“, nämlich die beim ADAC angestellt sind. Sie werden gern gerufen, wenn das Auto wieder mal eine Panne hat und liegen geblieben ist. Meistens können sie auch gleich vor Ort oder in der Werkstatt helfen. Genau das erwarten die Menschen wohl auch von den anderen Engeln. Immer dann, wenn es im persönlichen Leben mal wieder eine Panne gibt, wenn etwas nicht so richtig klappt, wenn man einfach nicht weiter kann. Ja, dann ist so ein Schutzengel eine feine Sache. Auch wenn dann kein Engel vom Himmel gerauscht kommt und es nicht immer so geschieht, wie wir es uns erhofft haben, na wenn schon, es geht auf jeden Fall weiter. Meistens erkennen wir die Engel auch gar nicht als solche.
In einem Gedicht hat der Dichter Rolf Otto Wiemer die Engel so beschrieben: „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. Sie gehen leise, sie müssen nicht schrein. Sie haben kein Schwert, kein weißes Gewand, die Engel…“
Sie sind eben ganz anders, als wir sie uns in unserer naiven Phantasie vorstellen und die Künstler sie über Jahrhunderte in ihren Gemälden und Plastiken dargestellt haben. Schon ganz und gar nicht so, wie wir sie heute in den Geschäften zu kaufen bekommen.
In einem zweiten Gedicht stellt Rudolf Otto Wiemer uns solch einen Engel noch einmal etwas genauer vor:

Der Engel bei Bolt an der Ecke, der hat heute viel zu tun, die Kinder vom Stadtrandviertel, die rennen auf raschen Schuhn.
Sie laufen hinter dem Ball her, der Ball, der rollt und rollt. Doch die Autos sieht nur der Engel, der steht, wie gesagt, bei Bolt,
bei Bolt, dem Schuhwarenladen, da steht der Engel und wacht. Er schwingt seinen Stock und gibt auf die spielenden Kinder acht.
Man weiß, er heißt Gottlieb Zille und sieht auch genauso aus, mit Bart und Zigarre und Brille der Rentner vom Hinterhaus.

Ja, es stimmt wohl, Engel nehmen häufig die Gestalt von Menschen an. Vielleicht auch Ihre oder meine. Auch wir können dann für andere ein Engel sein!