Freitag, 3. Januar 2014

Barmherzigkeit oder Gerechtigkeit?


Barmherzigkeit ist in unserer Zeit ein Fremdwort geworden. Es klingt genauso antiquiert wie Gnade und Treue. Das Schlüsselwort lautet heute: Gerechtigkeit. Die Menschen betonen mit verbissener Miene: „Das  ist mein Recht, das steht mir zu! Was der eine hat, muss ich auch haben. Das ist doch nur recht und billig!“

Dabei wird aber übersehen, dass Gerechtigkeit eben nicht bedeutet, dass jeder das Gleiche hat oder bekommt, sondern dass jeder das erhält, was er wirklich benötigt. Darin besteht echte Gerechtigkeit. Keiner darf diskriminiert und ausgebootet werden. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Doch können Gesetze diese Forderungen auch wirklich durchsetzen und vor allem, genügt das? Es ist gut und wichtig, wenn die Rechte der Menschen, besonders der Schwachen, der Behinderten, der Frauen, Männer und Kinder durch eine gerechte Gesetzgebung gesichert werden. Es ist auch wichtig und gut, dass sich Menschen gegen Willkür und Benachteiligung vor Gericht wehren können.
Jeder denkende Mensch wird aber zugeben müssen, dass allein durch Gesetze und Paragraphen unsere Welt nicht besser und menschlicher wird. Besonders dann nicht, wenn clevere Anwälte die Lücken in den Gesetzen für ihre Mandanten suchen und finden.  Durch solche Schlupflöcher können dann Schuldige entkommen. Dabei werden das Recht und die Gerechtigkeit geschickt umgangen. Hier spürt man schmerzlich die Schwächen unserer Rechtsordnung. Recht haben, bedeutet nicht zugleich Recht bekommen. Wer sich einzig auf die so genannte, rechtsstaatliche Ordnung  verlässt, der wird sich bald ziemlich verlassen fühlen.
Wenn sich die Menschen nicht von einem anderen, inneren Gesetzt leiten lassen, wird ein gutes Miteinander nicht gelingen. Neben der Gerechtigkeit braucht es eben auch die Barmherzigkeit, die den anderen in seiner Ganzheit sieht. Es braucht einen Umgang der Menschen miteinander, der dem anderen einfach gut tut. Wer immer nur darauf achtet, dass er sein Recht bekommt, der wird den Blick für andere verlieren. Für ihn  sind diese immer schon Gegner. Oder er fühlt sich letztlich als Benachteiligter und Verlierer.
Ich persönlich möchte mir nur ungern vorstellen, einem unbarmherzigen Richter ausgeliefert zu sein, der keine mildernden Umstände gelten lässt, der nur auf die Buchstaben des Gesetzes schaut und sonst gar nichts. Diese enge Sicht macht unbarmherzig. Nur ein barmherziger Blick auf den anderen und ein großzügiges Herz schenken Hoffnung. Ohne Herz geht nämlich gar nichts im Leben. Beides ist im Wort Barmherzigkeit enthalten, Erbarmen und Herzlichkeit. Dabei ist die Barmherzigkeit wie ein Polster, dort wo harte Fronten sonst gnadenlos aufeinander prallen.
Wie könnte Barmherzigkeit heute konkret aussehen? Hierfür ist das Ergebnis einer Meinungsumfrage ganz hilfreich. Für die Befragten ist Barmherzigkeit, wenn zu einem Menschen gesagt wird: „Du gehörst dazu, du wirst nicht ausgegrenzt, du bist nicht allein, ich höre dir zu, ich denke und rede stets gut über dich, ich gehe ein Stück deines Weges mit, wenn du es wünschst, ich teile mit dir, ich besuche dich, wenn du einsam bist und ich bitte für dich und setze mich für die ein“. Jeder, der so lebt und handelt, der macht unsere Welt und das Miteinander ein Stück menschlicher und schöner. (Vielleicht auch eine Möglichkeit, das zuletzt Gesagte, zu den eigenen "guten Vorsätzen" im neuen Jahr hinzuzufügen.)
Fazit: Es muss  nicht Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit heißen, sondern Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.  Beides sind keine Gegensätze, sie schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sie ergänzen sich.

Nach meiner Ansicht ist keiner verpflichtet, sein Recht unbedingt mit aller Macht durchzusetzen. Warum denn nicht einmal auf sein Recht verzichten, wenn es dem Frieden dient? Wie krank muss eigentlich eine Gesellschaft sein, in der es ohne Anwalt scheinbar nicht mehr geht? Nicht ohne meinen Anwalt! Wir brauchen nicht mehr Prozesse vor den Gerichten, sondern einen Prozess des Umdenken, des Wohlwollen und der Barmherzigkeit.