Donnerstag, 16. Januar 2014

 

„Im Winter wächst das Brot“


Es tut einfach gut, einmal aus der Stadt herauszukommen. Die Straßen und Plätze voller Leute und mit vielen Autos voll gestopft, der Krach und die Hektik, die können einen regelrecht krank machen. Der Blick ist stets eingeschränkt und endet meistens an der gegenüber liegenden Häuserzeile. Von Himmel und Weite keine Spur.

Ganz anders auf dem Lande. Dort kann der Blick noch in die Ferne schweifen. Die Augen können sich erholen, gleichsam spazieren gehen auf grünen Feldern.  Selbst im Winter gibt es noch eine Spur von neuem Leben. Und man kann erahnen, was  Wachsen und Reifen bedeutet. Bei einem Gang über die Felder Ende Dezember (siehe Bild) fiel mir der Titel eines Buches von Ida Friederike Görres wieder ein: „Im Winter wächst das Brot“.
Was verbirgt sich hinter dieser Aussage? Der Winter steht als Metapher für all das Dunkle und Kalte im Leben der Menschen. Es ist eine Zeit des eingeschränkten Lebens. Kurze Tage, lange Nächte, aber auch die Zeit einer größeren Nähe. Die Menschen sind in dieser Jahreszeit mehr in den Häusern. Nur kurze Zeit zieht es sie ins Freie. Bevor der Schnee die Felder bedeckt, kann man auf ihnen schon die neue Saat sehen, die bereits aufgegangen ist und auch in dieser unwirklichen und kalten Jahreszeit unter dem Schnee weiter wächst, wenn er sie denn bedeckt. Ja, im Winter wächst das Korn für das Brot der Menschen.
Das kann jeder leicht verstehen. Das Brot wird dann den Hunger stillen und Freude schenken beim gemeinsamen Essen in froher Runde. Das Bildwort vom Winter sagt aber noch mehr über unser Leben aus. Gerade in den dunklen Zeiten, im „Winter der Welt“, ist die Hoffnung der Menschen am größten. Es keimt gerade dann neues Leben. Im Verborgenen wächst unendlich viel mehr  Gutes, als wir meinen und erahnen. Dort, wo es am wenigsten erwartet wird, entsteht immer wieder Neues und Lebendiges. Wir Menschen neigen oft dazu, nur all das Dunkle und Kalte in der Welt zu sehen. Und es gibt ja auch unendlich viel davon. Wir müssen es ja sogar in nächster Nähe selbst erfahren und erleiden. Aber auch das Kleine und Unscheinbare ist  immer wieder anzutreffen. Doch es wird allzu oft übersehen, weil es in den Augen der meisten Menschen nicht viel zählt, weil es ihnen nicht spektakulär in die Augen springt. Dabei übernehmen Menschen einfach  Verantwortung füreinander, es werden auch in schweren Zeiten Kinder geboren und wachsen zu reifen Persönlichkeiten heran, Schwachen wird Hilfe zuteil, Menschen setzen sich für Recht und Gerechtigkeit ein, sammeln Geld für Bedürftige. Es gibt unendlich mehr Gutes und Schönes  auf dieser Erde, als uns die Medien Tag für Tag in grausamen Bildern zeigen. Nur wer seinen  Blickwinkel verändert und tiefer schaut, der wird entdecken, dass auch unter dem „Schnee“ und in der Kälte der Welt das Korn wächst und heranreift zum Brot. Dieses Vertrauen und diese Hoffnung lassen Menschen immer wieder neu beginnen, auch dort, wo für andere alles nur dunkel und kalt ist. Dieses positive Denken und Handeln ist die eigentliche  Antriebsfeder, die uns Menschen bewegt und nicht verzagen lässt.

Genau deshalb säen die Bauern jedes Jahr im Herbst die Saaten in die Ackerfurchen und vertrauen darauf, dass auch in diesem Winter wieder das Korn und letztendlich das Brot wächst, das die Menschen zum Leben brauchen. Es stillt den Hunger und schenkt Freude.