Mittwoch, 8. Januar 2014

Beachtet mich!


Immer wenn ich solche beschmierten Wände oder Fahrzeuge sehe, fällt mir eine Geschichte ein, die ich vor vielen Jahren einmal gelesen habe. Den Namen des Autors und den Titel habe ich längst vergessen. Aber das, was darin erzählt wurde, hat mich doch sehr beeindruckt. Es wurde berichtet, dass es immer wieder zu Schmierereien an den Wagen der New Yorker Metro kommt. Die Schmierereien stammten von  Jugendlichen, die Langeweile hatten. Ohne  ein richtiges Zuhause, trieben sie  sich oft Tage und Nächte lang in den U-Bahnschächten herum. Dort haben sie dann ihre  Zeichen und Kürzel auf die Wagen gesprüht. Danach verschwand der Zug wieder im dunklen Tunnel. Nun warteten die Jugendlichen gespannt bis der Wagen mit ihrem Zeichen wieder vorbeikam. Sie waren stolz und glücklich, wenn sie ihr Zeichen erkannten. Es war das Einzige, was sie in ihrem bisherigen Leben vorzuweisen hatten. Damit konnten sie sich identifizierten. Dieses „Wiedererkennen“ bedeutete ihnen deshalb sehr viel.  Wie trostlos musste ihr Leben verlaufen sein? Keiner kümmerte sich um sie. Sie waren sich selbst überlassen. Sie fühlten sich unbeachtet, ungeliebt und ziemlich nutzlos.
Sind diese Schmierereien nicht auch heute Versuche, irgendwie Beachtung zu finden? Wenigstens in den eigenen Kreisen? „Das ist mein Kürzel, mein Markenzeichen, das hab ich gemacht“. Es ist so etwas wie eine Selbstbestätigung: „Wenn mich schon keiner lobt, so sollen sie doch wenigsten merken, dass es mich gibt.“ Eigentlich eine ganz traurige und beschämende Geschichte, die zeigt, dass kein Mensch ohne Zuwendung und Anerkennung leben kann. Jeder möchte beachtet werden, denn nur so gewinnt er Achtung vor sich selbst und vor den anderen. Der Mangel an Beachtung und Anerkennung kann Menschen krankmachen oder aggressiv.
Um herauszufinden, welche Bedeutung ein Mitglied in einer Gruppe hat, gibt es ein, ich möchte sagen, recht bedenkliches Spiel. Dazu stehen alle Teilnehmer im Raum verteilt, dann wird das Licht gelöscht und der Leiter des Spiels wirft einem Teilnehmer eine Decke über den Kopf, so dass er für die anderen quasi unsichtbar wird. Wenn danach das Licht wieder angeschaltet wird, muss erraten werden, wer fehlt. Dabei sind ganz gewiss schon Tränen geflossen, denn der Teilnehmer, dessen Fehlen den anderen einfach nicht auffällt, muss doch unweigerlich erkennen, dass er den anderen überhaupt nicht wichtig ist. Keiner vermisst ihn. Der Mangel an Beachtung führt oft  zu gravierenden Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft. Sind deshalb so viele Menschen krampfhaft darum bemüht, sich stets zu positionieren und in den Vordergrund zu drängen?

Was der Teilnehmer, der nicht vermisst wurde, bei diesem „Spiel“ erfahren musste, ist heute die vielfache Erfahrung und Realität von jungen und alten Menschen. Keiner braucht sie wirklich. Sie sind ein "Nichts". Warum sollen sie sich noch anstrengen? Die Zahl derer, die an den Rändern unserer Gesellschaft leben, wird immer größer. Ganze Gruppen von Menschen versuchen wohl gerade deshalb durch ihr auffallendes Äußeres und ihr Auftreten, Aufmerksamkeit zu erwecken oder sich abzugrenzen. Sie möchten Auffallen, und das um jeden Preis. Sie kompensieren mit ihrem so „coolem Gehabe“ ihre innere Leere und ihre Angst, denn sie spüren selbst, dass sie nicht dazugehören. All das ist wie ein verzweifelter Schrei: „Beachtet mich!“