Dienstag, 14. Januar 2014

Die letzte Kugel am Baum


Wenn die letzte Kugel vom Weihnachtsbaum genommen ist, die letzte Kerze erloschen ist, die letzten Plätzchen lange aufgegessen sind, dann ist die Weihnachtszeit endgültig vorbei.
So manchen packt dann vielleicht eine große Wehmut angesichts des kahlen Weihnachtsbaums, der nun all seinen Glanz verloren hat. Es hat so etwas Endgültiges. Jeder spürt, alles ist vergänglich. Die grünen Nadeln und Zweige des Baumes sind vertrocknet und kahl. Das Grün und die Frische des Baumes waren doch so etwas wie ein Hoffnungs-zeichen an den Festtagen und in der Dunkelheit des Winters, wo alles so trostlos in der Natur und im Leben erscheint. Nun ist es auch damit vorbei. An den Sammelstellen häufen sich die abgetakelten Bäume und warten auf ihren Abtransport. Manche liegen auch auf den Straßen und Wegen der Stadt, achtlos weggeworfen und illegal entsorgt.
Der Blick auf diese Überreste, auf das, was vom Fest und vom Leben übrig bleibt, kann einen schon betroffen machen. Viele Menschen verschließen sich lieben diesen Gedanken, schieben sie weg oder überspielen sie. Alles Endgültige macht nämlich  Angst. Wirkt lähmend und lässt erschaudern. Deshalb möchte man nicht länger darüber nachdenken und geht schnell zum nächsten Event über. Auf die lustige Weisen besingt man deshalb das Ende in einem Faschingsschlager so: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei…“ Dazu wird getanzt und geschunkelt, denn es ist ja eh alles Wurst, oder was?
Und trotzdem macht jeder immer wieder diese Erfahrung, dass etwas zu Ende geht. Ja, auch zu Ende gehen muss, damit etwas Neues beginnen kann. So endet der eine Lebensabschnitt und ein neuer beginnt. Als Kinder konnten wir nicht schnell genug erwachsen werden, versprachen uns alles davon. Als Ältere möchten wir die vergehenden Jahre lieber langsamer laufen lassen oder schon mal anhalten. Jeder Lebensabschnitt bringt äußere und innere Veränderungen mit sich, das verunsichert und macht Angst. Im Laufe der vielen Jahre wird fast ein anderer Mensch aus uns. Diese Veränderungen sind nicht für jeden gleicht gut zu ertragen. Wir können dieses Werden und Vergehen nur deshalb verkraften, weil jedem Menschen eine unstillbare Sehnsucht nach Leben innewohnt. Wer stets nur wehmütig zurückschaut und den Verlust des Vergangen betrauert, der wird schwermütig und krank. Da ist es doch gesünder,  den Blick nach vorn zu richten und sich mental zu öffnen für  das Kommende.
Oder wie es der spanischer Philosoph und Dichter Miguel de Unamuno y Yugo sagt: In jedem Ende liegt ein neuer Anfang“. Je mehr wir uns diese Sichtweise zueigen machen, umso leichter fällt es uns, nicht nur von unserem Weihnachtsbaum Abschied zu nehmen, sondern auch anderes im Leben los zu lassen.
Dann sollte es uns doch leichter gelingen, mit dem ehemaligen UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld aus ganzen Herzen zu sagen: „Für das Vergangene - Dank. Für das Kommende - Ja!“