Donnerstag, 23. Januar 2014









Was Halt gibt



Von den Bäumen können wir Menschen vieles lernen. Was das ist, das sehen wir eindrucksvoll auf dem Bild. Ein Baum klammert sich mit seinen Wurzeln förmlich an den harten Felsen des Abgrunds, an dem er steht. Viel ist es nicht, was dieser Standort an Lebensqualität zu bieten hat. Doch der Baum hat es gelernt, seinen Halt in den Spalten und Ritzen im Fels zu finden. Ebenso zieht er seine Nahrung aus der Tiefe, in der sich das Wasser zum Leben und Überleben befindet. Der lebensfeindliche Felsen wird von den Wurzeln regelrecht umfangen und von den kleinen Wurzeln geduldig durchdrungen. Der Lebenswille des Baumes und seine Beharrlichkeit führen zum Ziel. Der harte Fels, der das Leben behindert und bedroht, wird gleichsam von den Wurzeln des Baumes umschlungen. So wird das Hindernis selbst zum stärksten Halt. 
Auch menschliches Leben ist hineingeworfen in eine bestimmte Zeit, Situation und an einen Ort, den sich keiner selbst aussuchen kann. Für viele Menschen auf dieser Erde, sind das nicht immer gerade menschenfreundliche und komfortable Orte. Vergleichbar dem Standort des Baumes auf dem Felsen. Nicht jeder findet so günstige Bedingungen vor, wie die meisten von uns. Wenn auch für die Menschen der Standort des Lebens nicht ein für allemal festgeschrieben ist, stellt sich doch die Frage, wo ist der Mensch eingewurzelt. Wo findet er seinen Platz in der Gesellschaft? Was gibt ihm letztlich Halt in seinem Leben? Woher nimmt er die Kraft und den Willen, die Härten und die Hindernisse in seinem Leben, als das zu erkennen, was sie sind, Hindernis und Stütze zugleich. Besonders der heutige Mensch muss nach einer Tiefe suchen, die ihn nähren kann. Frühere Stützsysteme wie Familie, Glaube und Tradition sind weitgehend weggebrochen. Individualität, Flexibilität und Mobilität sind an ihre Stelle getreten. Eine fehlende Vertiefung echter Beziehungen  führt deshalb leicht zu Bindungslosigkeit und Oberflächlichkeit. Für alles muss es heute eine schnelle und schmerzlose Lösung geben. Wer aber jedem Hindernis auszuweichen versucht, der  verliert leicht den Blick für die ganze Wirklichkeit. 
Mit Hindernissen leben, heißt auch immer nach alternativen Möglichkeiten zu suchen und die eigenen Kräfte zu entwickeln. Dagegen wird jeder kraftlos, der alle Anstrengungen scheut und stets den bequemsten Weg sucht. Das Krankmachende und Bedrückende in unserer heutigen Zeit sind nicht zuallererst die unerträglichen Belastungen des Alltags. Es ist vielmehr die Tatsache, dass den Menschen eingeredet wurde und wird, für alles gibt es eine schnelle und leichte Lösung. Das aber ist ein großer Irrtum. Menschen, die diesem erliegen, werden unweigerlich krank, denn die Enttäuschung darüber, dass sie in einer permanenten Täuschung gelebt haben, lässt sie den letzten Halt verlieren. Ihr emotionales Wurzelwerk ist unterentwickelt und trägt sie nicht. So landen sie auf der Couch beim Psychotherapeuten, von dem sie nun all das erwarten, was sie selbst nicht geschafft haben. Der Bestsellerautor Manfred Lütz, einer der bekanntesten deutschen Psychiater benennt dieses Problem in seinem Buch: „IRRE! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“. Dem schließe ich mich gerne an und stimme seiner Meinung zu: „Heute wird jedes Seelengrummeln therapiert. Vielen Hilfesuchenden wäre mit einem Freund besser geholfen“.
Genau das können wir von den Bäumen lernen, sie leben aus der Tiefe ihres Wurzelgeflechts und stehen am sichersten mit anderen Bäumen zusammen im Wald. Das gibt ihnen Stütze und Halt.