Freitag, 1. November 2013

November-Gedanken

Der Monat November ist ein recht trauriger Monat. Da  reicht es wohl noch nicht, dass die Bäume und Büsche fast gespenstisch ihre kahlen Äste in den Himmel recken, dass graue Nebelschwaden sogar den Tag verdüstern, die zunehmende Kälte und die Feuchtigkeit sich aufs  Gemüt legen, da reiht sich auch noch  ein düsterer Gedenktag an den anderen. Allerseelen, Volkstrauertag,  Buß- und Bettag und auch noch der Totensonntag stehen da im Kalender. Alles Dinge, die so gar nicht zum Lebensgefühl in unserer Zeit zu passen scheinen.

Wir wollen viel lieber optimistisch und froh in die Zukunft schauen und nicht traurig auf Vergangenes blicken. Wer möchte schon trauern, büßen und beten oder sogar an diesen Tagen im trostlosen November an den Tod, vielleicht noch das eigene Sterben, erinnert werden?  Das hat doch gewiss noch Zeit? Oder etwa doch nicht?
Auch wenn die meisten Menschen das Denken an den Tod und das Sterben gern verdrängen möchten, holt uns nicht nur der Gedanke, sondern auch die Realität des Todes ein. Immer wieder, ob wir es wollen oder nicht, stoßen wir auf Zeichen des Todes. Nach einem Unfall das Blaulicht des Rettungswagen, in der Zeitung die Todesanzeigen, der Leichenwagen auf der Straße, wenn auch jetzt im dezenten Design, nicht mehr im düsteren schwarz, gehören  nun mal zum Bild einer Stadt. Wegschauen und Ignorieren bleiben da ein vergeblicher Versuch. Friedhöfe sind für so manche Menschen Orte, an die sie freiwillig keine zehn Pferde ziehen könnten, jedenfalls nicht lebendig.
Wie kommt es, dass das einzige Faktum im Leben eines Menschen, sein Sterben und sein Tod, so viele so stark verunsichern? Aber auch der Umgang mit dem Tod und der Trauer anderer ist den meisten fremd geworden. Die Trauergäste bei einer Trauerfeier sind oft unsicher und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Die Rituale früherer Zeiten sind ihnen unbekannt. Was einst Halt und Stütze gab, gibt es nicht mehr. Bei einem Gang über den Friedhof kann man das sehr gut beobachten. Hier weichen manche einem Trauerzug mit einem Sarg lieber weiträumig aus, andere vertiefen sich in ihre Grabpflege ohne auszuschauen, die nächsten gehen einfach an dem Trauerzug vorbei, nicht einmal die Zigarette wird aus dem Mund genommen. Nur ganz wenige bleiben stehen und verneigen sich vor dem Toten im Sarg und begleiten ihn und seine Angehörigen mit ihrem Gedenken. Stehen bleiben, innehalten und sich den Gedanken an Sterben und Tod zu stellen, das ist die Einladung der eingangs genannten Gedenktage.
Der Tod gehört zum Leben des Menschen, er ist ein lebendiger Teil eines jeden von uns. Ihn nicht auszublenden, bewusst daran zu denken, galt seit alten Zeiten als die „ars moriendi“, die Kunst zu Sterben. Das ist eine aktive Lebensaufgabe und eine Kunst, die zum Leben hilft! 
Das „memento mori“ - gedenke des Todes, ist nicht nur Mahnung, sondern ganz besonders Einladung zu einem bewussten  Leben. Manche Entscheidung der Menschen würde sicher anders ausfallen, wenn sie vom Ende des Lebens her bedacht und mehr Gelassenheit ihr Handel bestimmen würde. Mancher Streit würde schneller beendet und die Hand zur Vergebung ausgestreckt, wenn sich jeder erinnern würde, dass es schon morgen  zu spät sein könnte. Wenn wir unser Ende nicht mehr verdrängen, begreifen wir auch wieder, dass jede Minute unseres Lebens unwiederbringlich und kostbar ist und dass es unendlich wertvoller ist,  Freude und Blumen zu schenken, als sie später auf die Gräber der Toten zu stellen.