Sonntag, 3. November 2013


Tod durch Beziehungslosigkeit


Von Kaiser Friedrich II. (1212-1250) wird über sein grausames Experiment berichtet, in dem er herausfinden wollte, welches die ursprüngliche Sprache der Menschen sei. Er ließ dazu mehrere neu geborene Kinder ihren Müttern wegnehmen und sie von Ammen aufziehen. Es sollte ihnen nichts fehlen, doch jede menschliche Zuwendung, Nähe oder gar Zärtlichkeit blieb ihnen verwehrt. Auch sollte niemals, das war Bedingung, ein Wort mit ihnen gesprochen werden. Sie sollten nie eine menschliche Stimme hören. Unbeeinflusst sollten sie ihre eigene Sprache finden. Das Experiment dauerte über Jahre. Der Erfolg blieb aus. Die Kinder sprachen überhaupt nicht. Sie stießen nur Schreie und tierähnliche Laute aus. Kein menschliches Wort kam je über ihre Lippen. Zudem wurde keines dieser Kinder älter als 15 Jahre.
Das grausame Experiment des Kaisers scheiterte, es zeigte aber ein für allemal, dass kein Mensch ohne Beziehung wirklich leben kann. Wir Menschen sind auf Gemeinschaft angelegt. Keiner lebt für sich allein. Leben ist Nehmen und Geben! Im Blick auf ein gesundes und lebendiges Gemeinwesen spricht man da heute gern vom „Generationenvertrag“. Die Eltern sind für ihre Kinder da und sorgen für sie. So kann sich später die ältere Generation auf die jüngere verlassen. In früheren Zeiten war das eine Selbstverständlichkeit. Heute stellt die auf den Kopf gestellte „Alterspyramide“ und eine wachsende Individualisierung und der Drang zur Selbstverwirklichung ein großes Problem dar, so dass die Solidarität von „jung und alt“ immer häufiger in Frage gestellt wird. Wo zunehmend Menschen nur noch an sich denken, persönliche Kontakte und Beziehungen zu anderen immer weniger gepflegt werden, trotz der viel größeren Möglichkeiten in Bezug auf Mobilität und der Verfügbarkeit von Kommunikationsmittel, dort vereinsamen immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft und die psychischen Erkrankungen nehmen drastisch zu. Vielleicht sind das gerade die  Nebenfolgen der ständigen Präsens und Erreichbarkeit, dass Menschen sich in einer virtuellen Welt verlieren, ohne den anderen wirklich an sich heran zu lassen und seine Nähe hautnah zu spüren. Sie können jederzeit den „Chat“ und die Verbindung abbrechen und zu anderen Dingen übergehen. Echte Beziehungen entstehen so erst gar nicht  mehr.
Ein persönlicher Besuch bei einem Freund oder ein gemeinsames Bier nach Feierabend in der Eckkneipe  ist doch wohl wichtiger, als hunderte  so genannter „Freunde“ auf facebook zu haben.

Unbeabsichtigt hatte Kaiser Friedrich II. den Beweis erbracht, dass es ohne „An-Sprache“ auch keine „Ant-Wort“ geben kann. Ohne wirkliche Nähe und Zuwendung, ja ohne echte Beziehung und Liebe der Menschen zueinander, wird das Leben schnell zu einer toten Steinwüste, in der das Leben verkümmert und stirbt. Ein Leben ohne Beziehung zu anderen und ohne Verantwortung füreinander führt unweigerlich zum "Tod" trotz aller materiellen Absicherungen in unserer Wohlstandsgesellschaft. Beziehungslosigkeit bedeutet doch: Mehr Dunkel als Licht, Steine statt Brot und Disteln statt Rosen. Es sind oft nur kleine Schritte, aber sie müssen getan werden, damit das Leben gelingt!